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Smartphones: Google, Sony und HTC überholt: Nokias furioses Comeback

Wohl kaum eine Marke wurde so sehr vom Smartphone-Fieber überrannt wie Nokia. Jetzt ist der Handy-Gigant wieder da. Und verweist selbst große Marken auf die hinteren Plätze. 

Nokia CEO 3310

Im letzten Jahr stellte HMD Global das Remake des 3310 vor - seitdem ist viel passiert

Picture Alliance

Als Apple 2007 mit der Vorstellung des iPhones den Siegeszug des Smartphones einläutete, thronte Nokia noch auf dem Gipfel seines Erfolges. Dann folgten zu späte und falsche Entscheidungen - und der rasante Absturz. Seit letztem Jahr ist Nokia wieder da. Im letzten Quartal konnte man sogar große Konkurrenten überrunden. Das verdankt der Konzern dem alten Glanz der Marke und einer durchdachten Strategie.

4,4 Millionen Smartphones konnte Nokia im letzten Jahr an den Kunden bringen, das berichten die Marktanalysten von Counterpoint. Das ist mehr als etablierte Smartphone-Hersteller wie Sony, HTC und Google umsetzen konnten. Damit erreicht Nokia aus dem Stand Platz 11 unter den Smartphone-Herstellern. Noch besser läuft es bei den klassischen Handys. 20,7 Millionen der sogenannten Feature Phones ohne Touchscreen konnte Nokia verkaufen - und krallt sich mit 15 Prozent Marktanteil sofort wieder den Handy-Thron. Rechnet man die beiden Sparten zusammen, ist Nokia demnach weltweit die Nummer 6 der Mobilfunk-Hersteller. Und das, obwohl die Marke noch vor Kurzem quasi tot war.

Alte Stärken, neue Partner

Zu verdanken hat das Nokia seinem neuen Besitzer. Nachdem Microsoft die Marke schon kurz nach der Übernahme 2011 verschwinden ließ, trägt der neue Besitzer HMD Global das Nokia-Banner wieder mit Stolz. Kein Wunder: Die Führungsriege des 2015 gegründeten Unternehmens setzt sich weitgehend aus Nokia-Veteranen zusammen.

Vor allem schaffte es HMD beim Neustart aber, Nokias alte Stärken wiederzuerwecken und dabei die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Wie früher bei den Knochen bietet Nokia auch diesmal Geräte für jede Preisklasse, vom ganz billigen Nokia 3 bis zum edlen Nokia 8. Die neuen Smartphones sind durch die Bank toll verarbeitet, haben ein schickes Design. Während sich der Konzern in den Anfängen der Smartphone-Ära an das eigene System Symbian klammerte und dann mit Windows Mobile auf das falsche Pferd setzte, macht man diesen Fehler aber nun nicht mehr - und unterwirft sich dem klaren Marktführer Google.

So retten sie ihr nasses Handy

Und das sogar mehr als andere Hersteller. Während viele noch an den Oberflächen herumschrauben, lässt Nokia weitgehend die Finger von Android, bietet fast das gleiche, pure System wie es auf Googles Smartphones der Pixel-Reihe läuft. Neben dem Fehlen meist nutzloser Zusatzapps hat das einen klaren Vorteil: Nokia liefert seit Sommer mit Abstand am schnellsten Sicherheits-Updates und neue Features. Meist schafft man es knappe zwei Wochen, nachdem Google die Software freigegeben hat. Andere Hersteller brauchen zum Teil Monate. Smartphones in der Preisklasse des Nokia 3, das gerade mal 120 Euro kostet, bekommen meist einfach gar keine Updates, bei Nokia wird sogar die Billigklasse schnell versorgt.

Luft nach oben

Die Strategie scheint aufzugehen. Vor allem in Europa und Indien habe die Marke die größte Kraft, so Counterpoint. Letzteres ist besonders relevant. Indien hat den am schnellsten wachsenden Smartphone-Markt. Könnte sich Nokia hier ganz vorne platzieren, würde das auch die globale Position mächtig stärken. Noch stehen die Chancen gut: Anders als etwa in China konnten sich in Indien noch keine lokalen Konkurrenten den Markt sichern.

Luft nach oben ist noch allemal. HMD Global konzentriert sich mit Nokia vor allem auf die Märkte für Einsteiger-Smartphones, die allerdings am wenigsten Geld einbringen. In Europa kann man sich mit Geräten wie dem Nokia 3 wohl kaum durchsetzen, die schwache Kamera und die lahme Performance sind selbst den niedrigen Preis nicht wert. Auch das Spitzenmodell Nokia 8 kostet deutlich weniger als iPhone, Galaxy S8 und Co. - konnte im Test aber nicht voll überzeugen. Will Nokia irgendwann tatsächlich wieder ganz oben mitspielen, müssen die Mankos wie die recht schwachen Kameras dringend behoben werden. Für den Anfang läuft es aber schon mal sehr gut. Das war vor einem Jahr noch alles andere als klar.