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Desertec-Erfinder Gerhard Knies: Der Wüstenstrom-Pionier

Ein Hamburger ist der geistige Vater eines der größten Industrieprojekte: "Desertec" soll laut Gerhard Knies bis 2050 Strom aus der Wüste liefern. stern.de hat den Visionär begleitet.

Von Lea Wolz

8.30 Uhr, Hamburg-Blankenese, Mehrfamilienhaus, Frühstück und Emails beantworten

Eigentlich ist Gerhard Knies Rentner. Doch der Arbeitstag beginnt früh für einen Visionär. "Um sieben Uhr klingelt der Wecker, um 21 Uhr ist Feierabend", sagt der 72-Jährige. Die Morgenstunden nutzt er, um Emails zu beantworten und Konzeptpapiere zu entwerfen. Mit Lesebrille, bequemer Kleidung und Socken statt Hausschuhen sitzt er in einem Ohrensessel, den Laptop auf dem Schoß. So sieht er also aus, der Wüstenstrom-Pionier? Irgendwie gemütlich, Lachfalten um die Augen. Würde er ein Buch zücken und seinen Enkeln ein Märchen vorlesen - von dummen Menschen, die die Umwelt zerstört und damit Katastrophen heraufbeschworen haben, - es würde auch passen. Die drohenden Katastrophen sind allerdings ebenso real wie die fünf Enkel. Fürs Vorlesen bleibt dem promovierten Physiker daher weniger Zeit, als ihm lieb ist. Sechs Tage die Woche ist er im Einsatz, um zu erklären, wie zehn Milliarden Menschen in Zukunft nachhaltig auf der Erde leben können. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung laut UN-Prognose diese Zahl erreicht haben.

Knies' Lösung heißt "Desertec". Riesige Spiegelkraftwerke in der afrikanischen Wüste sollen bis 2050 die Energieversorgung der nordafrikanischen Staaten sichern und 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken: umwelt- und klimafreundlich. Über Hochspannungs-Gleichstromleitungen soll der Wüstenstrom in die EU gelangen. 400 Milliarden Euro würde das insgesamt kosten. "Das löst unser Energieproblem", sagt Knies. Mit seiner Idee stößt er zurzeit auf offene Ohren, auch in der Industrie. "Ich habe über zehn Jahre mitbekommen, wie er tolle Ideen entwickelt hat, aber diese nicht geschätzt wurden", erzählt seine Frau, Heike Hartmann. Das ist jetzt anders. Wie die drei Kinder und die Enkelkinder muss sie in letzter Zeit manchmal zurückstehen. "Er ist das Zentrum dieses Projektes", sagt sie.

Erst arbeitete Knies allein an dem Konzept. 2003 fanden sich der Club of Rome, der Hamburger Klimaschutz-Fonds und das Jordanische Nationale Energieforschungszentrum auf Initiative von Knies zu einem informellen Netzwerk zusammen: der "Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation", kurz TREC. Hinter dem Kürzel verbarg sich dasselbe Projekt, nur hieß es damals noch nicht Desertec. Den klingenden Namen dachte sich Knies später aus. Anfang 2009 wurde die Desertec Stiftung geschaffen, Knies ist Vorsitzender im Aufsichtsrat. "Desertec als Marke gehört noch der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, wird aber demnächst auf die Desertec Foundation übertragen", sagt Knies. Die Industrieinitiative, die sich im Oktober gründen soll, werde mit der Stiftung einen Vertrag abschließen, um die Marke nutzen zu können. Die geistigen Rechte bleiben bei Knies

10 Uhr, Hamburg, Dach der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), Fernsehinterview

Ungefähr zehn Interviews gibt er pro Woche, sagt Knies. So wie heute, für eine regionale Fernsehsendung. Auf dem Dach der HAW steht eine Photovoltaik-Anlage, die mit Solarzellen arbeitet und aus der Sonneneinstrahlung direkt Strom erzeugt. Eine schöne Kulisse, doch mit Desertec, das auf Solarthermie basiert, hat es wenig zu tun. "Die Weltenergieversorgung umzustellen schaffen nicht Einzelne mit ein paar Solarzellen auf dem Balkon", sagt Knies. "Die großen Konzerne müssen mitziehen." Daher wirbt er für den Wüstenstrom - und beantwortet geduldig die immer wiederkehrenden Fragen, warum etwa Desertec nur in der Wüste funktioniert und wieso es noch nicht umgesetzt wurde.

Seit 1995 engagiert sich Knies für den Strom aus der Wüste. "Unsere Industriegesellschaft ist verwundbar, besonders der Energiesektor", sagt der 72-Jährige, der beruflich Grundlagenforschung mit Elementarteilchen am Deutschen Elektronen-Synchroton (Desy) in Hamburg betrieben und sich mit den materiellen Eigenschaften des Lichtes beschäftigt hat. Gleichzeitig bedeutet Energie Wachstum und damit auch Wohlstand. Wenn immer mehr Menschen auf der Erde einen besseren Lebensstandard beanspruchen, die fossilen Energieträger aber begrenzt sind, ist der Konflikt programmiert, befürchtet Knies. "Der Klimawandel verschärft die Situation noch", sagt er. "Das kann nicht gut gehen." Dieser Gedanke sei ein wichtiger Anstoß für Desertec gewesen. Wie auch das Reaktorunglück in Tschernobyl. "Mit der Atomenergie löst man ein Problem, die Energiefrage, für die man eigentlich schon eine bessere Lösung hat", sagt Knies. "Gleichzeitig schafft man aber ein anderes Problem, die radioaktiven Abfälle, für das noch keine Lösung vorhanden ist." Für den Naturwissenschaftler ist klar: "Atomkraftwerke stellen ein großes Risiko dar, wir haben bessere Möglichkeiten."

Um das zu zeigen, ist der 72-Jährige viel unterwegs. Die Reisekosten zahlt er von seiner Rente. "Es war nie geplant, dass es diese Ausmaße annimmt", sagt er. Es scheint, als ob Knies einer der wenigen ist, die sich schon früh mit Fragen beschäftigt haben, die nun ins allgemeine Bewusstsein dringen. Und er hat Antworten, ein ausformuliertes Konzept, nach dem man gerne greift - auch wenn es wie eine Utopie klingt. Für diese setzen sich weltweit viele ehrenamtlich ein. Angestellt war bei der "Desertec Foundation" nur ein Mitarbeiter, die Website hat eine Agentur kostenlos entworfen, sagt Knies. Mit seinem Rucksack, der Lehrerbrille und der legeren Kleidung wirkt er wie jemand, der seine Idee auf eine sympathische Art und Weise wichtiger nimmt als seine Person - auch wenn diese beim Interview für ein Buch über Erfinder im Mittelpunkt steht.

14.15 Uhr, Hamburg-Blankenese, Mehrfamilienhaus, Interview für ein Buchprojekt

Was treibt den Physiker an? Warum genießt er nicht einfach seine Rente? Die Fragen, die der Buchautor stellt, bekommt Knies häufiger zu hören. "Manche lösen Rätsel - das ist meines", sagt er. Er sieht sich sogar in der Pflicht, Stellung zu Energiefragen zu beziehen. "Warum leistet sich die Gesellschaft Grundlagenforschung, wenn nicht dazu, dass es auch Menschen gibt, die sich zu den Themen kritisch eine Meinung bilden können?" Dabei kommt dem Rentner entgegen, dass er weder auf Wählerstimmen noch auf Gewinnmaximierung Rücksicht nehmen muss. "Wie in der Forschung gibt es für mich keine Heiligen Kühe, das Ergebnis ist entweder richtig oder nicht", sagt Knies. Von der Richtigkeit der Idee, Solarthermie in großem Maßstab zur Energiegewinnung einzusetzen, hat er sich schon vor vierzehn Jahren überzeugt.

1995 war Knies während eines Sabbatjahres am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) tätig. Damals berechneten Solarexperten des DLR, dass solarthermische Kraftwerke in den Wüsten des Mittleren Ostens und Afrikas knapp 40 Mal mehr Strom liefern könnten, als weltweit verbraucht wird. Doch die herkömmlichen Energien waren preiswert zu haben, die Klimaproblematik war noch nicht im Bewusstsein. Knies hat seine Idee trotzdem beharrlich verfolgt, zuerst neben der Arbeit, jetzt in Vollzeit. "2003 interessierte sich der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin für das Desertec-Projekt und stellte Geld für Forschungsprojekte bereit", erinnert er sich. Der Durchbruch kam 2007, als der Club of Rome, mit dem Knies seit längerem zusammenarbeitete, das Weißbuch "Clean Power from Deserts" (Saubere Energie aus den Wüsten) herausbrachte. Der Weltklimarat hatte gerade drei alarmierende Berichte zum Klimawandel veröffentlicht und der britische Ökonom Nicholas Stern vorgerechnet, dass ein Nicht-Handeln die Weltgemeinschaft teuer kommen würde, als rechtzeitig Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. "Deutschland und die EU sind so auf Desertec aufmerksam geworden", sagt der Physiker. "Das Flaggschiffprojekt der 2008 gegründeten 'Union für das Mittelmeer', der Solarplan, baut auf unseren Studien auf."

Der Kuchenteller des einen Journalisten ist noch nicht weggeräumt, da sitzen schon die nächsten am Holztisch.

16.30 Uhr, Hamburg-Blankenese, Mehrfamilienhaus, Interview für die "International Business Daily"

Auch den drei neuen Gästen, die ihn für die offizielle Zeitung des chinesischen Wirtschaftsministeriums zu Desertec befragen, erklärt Knies das Projekt. In China interessiert man sich für die Sonnenstrom-Technologie, geeignete Wüsten wären vorhanden. Es ist das letzte Interview für diesen Tag. Danach wird Knies wieder Emails beantworten, die 40, die in den vergangenen Stunden eingetrudelt sind. In dem weißen Sessel sitzend, das Notebook auf dem Schoß, ist er mit der Welt verbunden. Um sich zu entspannen, fährt der 72-Jährige Fahrrad, oder spielt auf dem elektronischen Piano, das neben dem Sessel steht. Energiesparlampen gibt es übrigens kaum in dem Haushalt. "Das ist nicht zielführend", sagt Knies. "Es ist besser Energie sauber zu erzeugen, als sie zu sparen."

Zum Abschluss des Interviews wird ein Foto gemacht. Es soll in eine Reihe mit anderen Befragten: Klaus Töpfer, früherer Leiter des UN-Umweltprogramms und Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Postdamer Instituts für Klimafolgenforschung sind darunter. Knies fragt, ob er sich für das Foto besser eine Krawatte umbinden und einen Sakko anziehen soll. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass er mehr auf seine Person bedacht ist als auf Desertec.

Ob Deutschland tatsächlich in einigen Jahrzehnten einen Teil seines Energiebedarfs mit Wüstenstrom decken wird, ist offen. Die Gefahr groß, dass die Konzerne das Konzept als Feigenblatt benutzen und es später in einer Schublade verschwindet. Das weiß auch Knies. "Wenn es bessere Lösungen für die Energiefrage gibt, ist das auch gut", sagt er. Bis jetzt sieht der Physiker allerdings keine. "Und jedes Jahr verringert sich die Chance, dass wir den Klimawandel noch beherrschen können", sagt er. Daher setzt er sich weiter ehrenamtlich für seine Vision ein, bei Bedarf auch nach Sonnenuntergang.