HOME

Strom aus der Wüste: Ein Platz an der Sonne

Was, wenn es in den Wüsten Erdöl regnete? Man würde alles tun, um die Energie einzufangen. Doch täglich geht in den Wüsten in Form ungenutzter Sonnenstrahlung Energie verloren. Afrikanische, arabische und europäische Wissenschaftler wollen das ändern - und zugleich auch noch eine friedlichere Welt schaffen.

Von Jens Lubbadeh

"Wo ist das Energieproblem?"

Wenn Gerhard Knies diesen Satz sagt - und er wird ihn noch mehrfach sagen bei seinem Vortrag - dann suchen seine Augen jedesmal für eine Weile im Auditorium umher. Nicht fordernd, nicht provozierend, sondern mit einem Lächeln. Es ist der Ausdruck der beruhigenden Gewissheit im Recht zu sein. Zur Neige gehende Ölvorräte? Unsichere Atomkraft? Klimawandel? Alle reden vom Energieproblem, von Kernfusion, von CO2. Knies redet von Wüsten.

Die Sonne nicht auf die Erde holen, sondern alles aus der Sonne rausholen

Knies hat eine Vision, die keine Science-Fiction ist, die nicht aufwändige Reaktoren vorsieht, in denen das "Sonnenfeuer auf Erden entzündet werden soll", wie die Kernfusion gerne allegorisch beschrieben wird. Es ist eine Vision, die nicht erst in einer fernen Zukunft umgesetzt werden soll. Knies will die Sonne da lassen, wo sie ist - sie aber endlich nutzen. Richtig nutzen. Und zwar an einem Ort, den man gemeinhin für tot und wertlos hält: der Wüste.

Knies will, dass die Wüsten Afrikas und des Nahen Ostens zu Kraftwerken werden.

Gerhard Knies redet nicht gerne über sich, sondern lieber über sein Anliegen. Ein Elementarteilchenphysiker, einst begeistert von der Kernspaltung war und dann, nach Tschernobyl, den Glauben daran verlor. Und nun auch nicht mehr an die Kernfusion glauben mag. "Die Kernfusion ist ein Traum", sagt Knies. "Vielleicht wird er irgendwann wahr. Aber für das Klima kommt er zu spät."

Sein Job ist es zu trommeln. Für das Netzwerk der "Trecs", wie sie sich nennen, der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) - in dem neben solch illustren Leuten wie Prinz El Hassan bin Talal von Jordanien zahlreiche Vertreter nordafrikanischer und arabischer Staaten sind. Ihr Ziel: eine Energie-Partnerschaft zwischen Afrika, dem nahen Osten und Europa. Im "Desertec"-Konzept haben sie bereits 1998 ihre Vision ausgearbeitet.

Solarthermie-Kraftwerk in Spanien

In Spanien, in der Nähe des Dorfes Lacalahorra am Rande der Sierra Nevada wird eine sonnenbetriebene Stromfabrik mit einer Kollektorfläche von 510.000 Quadratmetern errichtet. Das neue 50-Megawatt-Werk, "Andasol 1" getauft, soll nach seiner Fertigstellung in zwei Jahren 200.000 Menschen mit Elektrizität versorgen.

Solarthermie ist risikolose, seit zwanzig Jahren bewährte Technik

Wenn Knies erzählt, dann tut er das mit großem Ernst. Wie einer, der Menschen schon seit Jahren erklärt, was er will. Doch noch immer schlägt die Begeisterung durch - und dann hat er das Lächeln eines Jungen. Kleine Jungs spielen mit Glaslinsen und brennen bei Sonnenschein Löcher in Papier. Knies will im Prinzip dasselbe. Nur nicht mit Brenngläsern, sondern mit gekrümmten Spiegeln, die die Hitze parallel einfallender Sonnenstrahlen auf einen einzigen Punkt konzentrieren können.

Solarthermie-Kraftwerk nennt man eine Ansammlung solcher Parabolspiegel, in Reihen oder Kreisen angeordnet, die mit der Energie des gebündelten Sonnenlichts Wasser erhitzen. Der entstehende Wasserdampf treibt dann Turbinen an, die wiederum Strom erzeugen - genau wie bei einem Atom- oder Kohlekraftwerk. Kein CO2, kein radioaktiver Abfall, kein Super-Gau - unaufwändige und vor allem risikolose Technik, "die sich bewährt hat - zum Beispiel in Kalifornien, wo Solarthermie-Kraftwerke seit Mitte der 80er-Jahre ohne Probleme laufen", wie Knies erzählt.

Auch nachts, wenn die Sonne nicht scheint, können die Kraftwerke Strom produzieren. Denn die Wärme kann man mit flüssigen Salzen speichern. Und das Beste: Die Abwärme der Solarthermie-Kraftwerke kann Meerwasser-Entsalzungsanlagen betreiben, sodass Kraftwerke in Küstennähe auch gleich noch Trinkwasser herstellen - ein Segen für die von Trockenheit geplagten Wüstenstaaten.

Alle Wüsten dieser Welt könnten fünf Billionen Menschen mit Energie versorgen

Um Leute von seiner Idee zu überzeugen, hat Gerhard Knies die Macht eines einzigen Bildes auf seiner Seite. Wer es sieht, der begreift sofort, worum es geht. Das Bild zeigt Nordafrika, man sieht die größte Wüste der Erde, die Sahara. Sie erstreckt sich vom Atlantik bis zum Roten Meer, ist so groß wie die gesamte USA. Deutschland würde 26 Mal in sie hineinpassen.

In diese riesige Wüste sind drei rote Quadrate eingezeichnet. Das erste hat eine Seitenlänge von rund 250 Kilometern - Sizilien würde um 45 Grad gedreht diagonal perfekt darin Platz finden. Darüber steht "Welt". Das zweite Quadrat ist kleiner, seine Seiten sind nur etwa halb so lang wie das "Welt"-Quadrat. Es ist ungefähr so groß wie die Insel Korsika. Darüber steht "EU-25". Und das letzte Quadrat ist ein bisschen kleiner als Mallorca. Darüber steht "D".

Die Quadrate markieren die Wüstenfläche, auf die Sonnenstrahlen tagtäglich einprasseln - ungenutzt. Um genau zu sein: "pro Quadratmeter und Jahr soviel Energie, wie 1,5 Millionen Barrel Erdöl entspricht", sagt Knies. Würde man diese Quadrate mit Solarthermie-Kraftwerken bestücken, sie würden genug Strom produzieren, um den Energiehunger ganz Deutschlands, der EU oder sogar der ganzen Welt zu stillen. Und alle Wüsten der Erde empfangen eine Energiemenge, die gigantisch ist: Sie könnte den Energiebedarf von fünf Billionen Menschen decken, dem 800fachen der derzeitigen Weltbevölkerung.

"Wo ist das Energie-Problem?", fragt Gerhard Knies noch einmal.

Keine Fantastereien, sondern eine "großartige" Idee

Hans Müller-Steinhagen, Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Franz Trieb, DLR-Experte für Berechnungen, schätzen, dass bereits in gut 15 Jahren der erste Solarstrom aus Nordafrikas Wüsten nach Deutschland fließen wird. Dass das "Desertec"-Konzept keine Fantasterei ist, ist spätestens seit zwei Studien klar, die das DLR im Auftrag des Bundesumweltministeriums 2005 und 2006 durchgeführt hat. Es bescheinigt dem Konzept Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und entwicklungspolitische Vorteile für die Staaten des nahen Ostens und Nordafrikas.

Auch Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hält die Idee, Europa mit nordafrikanischem Solarthermie-Strom zu versorgen, für "großartig": "Wenn wir bis 2050 solarthermische Kraftwerke in Nordafrika hätten, die Europa mit Strom beliefern, wäre das eine große Perspektive - auch entwicklungspolitisch", meint Edenhofer. "Nordafrika könnte davon dauerhaft profitieren. Das würde seiner Wirtschaft sehr gut tun."

Solarthermie könnte sauberen Strom, Wasser, Wohlstand und Frieden bringen

Für die Umsetzung von Desertec bräuchte es gar nicht lange: Europa plane, finanziere und baue mit seinem Know-How in Nordafrika und im Nahen Osten Solarthermie-Kraftwerke und ein Stromleitungsnetz, das beide Kontinente verbinde. Die Wüstenstaaten produzierten im Gegenzug Strom. Eine Partnerschaft zu beiderseitigem Vorteil: Die Wüstenstaaten erhielten Strom, Trinkwasser, ein wertvolles Exportgut und dadurch nach und nach Industrie und Wohlstand. Und Europa bekäme sauberen Strom und könnte seine Klimabilanz verbessern.

Wie in Saudi-Arabien einst mit Erdöl, käme durch das solarthermisch erzeugte Wasser, die Energie und das Geld aus dem Stromexport die Wirtschaft dieser Länder in Gang. Damit nicht genug - und hier schimmert der 80er-Jahre-Friedensaktivist Knies durch - die Solarthermie könnte Frieden und Freiheit bringen. Denn von den Europäern als politisch instabil oder als schwierig eingestufte Länder wie Libyen, Algerien, Sudan, Marokko, Palästina würden durch den Wirtschaftsaufschwung und den sich anschließenden Wohlstand stabilisiert. "Der Handel mit Energie aus unerschöpflichen Quellen wirkt sich besänftigend aus auf die Politik", glaubt Knies. Zur Schaffung von Wohlstand aus Solarenergie wird eine entwickelte Gesellschaft gebraucht, denn solartechnische Anlagen zu entwickeln und zu bauen ist anspruchsvoller als die Förderung von Öl.

Es könnte sogar der Anfang vom Ende des Nahost-Konflikts sein, eine ökonomische Integration dieser islamischen Staaten in die globalisierende Welt, das Ende von Fanatismus, Terrorismus und dem vermeintlichen Clash der Kulturen.

Wieso ist Ihre Vision eigentlich noch immer Vision, Herr Knies?

Knies nennt drei Gründe:

1. Denkt man an Solarenergie, denkt man an Photovoltaik. Solarzellen sind flexibel, im Kleinen überall einsetzbar und momentan in Mode. Solarthermie hingegen funktioniert nur in Gegenden mit starker Sonneneinstrahlung und lohnt sich nur im großen Maßstab. Solarthermie-Kraftwerke, die Mitte der 80er in den USA in Betrieb genommen wurden, gerieten angesichts fallender Rohölpreise wieder in Vergessenheit

2. Die Afrikaner wurden von den Europäern zu oft ausgenutzt, das Misstrauen ist daher groß.

3. Die Europäer haben Angst, sich in eine energiepolitische Abhängigkeit von Staaten zu begeben, die sie als politisch instabil einschätzen.

Das Konzept ist finanzierbar

Keine aufwändige Technik, sondern Mut und eine neue Politik braucht es für die Verwirklichung von Desertec, meint Knies. Und das ist vielleicht auch der eigentliche Hemmschuh: Desertec - das wäre nicht nur ein Paradigmenwechsel in der Energieversorgung. Es wäre auch ein Paradigmenwechsel in der seit Jahrhunderten belasteten Historie zwischen Europa und Afrika. Sie würde das alte Europa und ein neues Afrika an einen Tisch bringen - als gleichberechtigte Partner.

Wie steht es um die Kosten? Ein Solarthermie-Kraftwerk mit 100 Megawatt Leistung kostet 500 Millionen Euro. Gängige Kohlekraftwerke sind ungefähr genauso teuer, bringen aber bis zu 600 Megawatt. Doch der entscheidende Unterschied: Ein Kohlekraftwerk wird nicht wie ein Solarthermie-Kraftwerk permanent kostenlos mit Sonne gefüttert, sondern braucht ständig Kohle - und die will gefördert oder gekauft werden. Das kostet 100 Millionen Euro pro Jahr. Bei einer angenommenen Laufzeit von 25 Jahren wären also ein Solarthermie- und ein Kohlekraftwerk von den Kosten her gleichauf. Doch bei dieser Rechnung ist nicht berücksichtigt, dass die Kosten für Kohle (und fossile Brennstoffe generell) steigen werden. Von den Kosten für den verursachten Klimaschaden durch das aus der Kohleverbrennung entstandene CO2 ganz zu schweigen.

Das Ziel: Bis 2050 soll Deutschland 20 Prozent solarthermischen Strom importieren

Knies und seine Trecs sind überzeugt, dass die Kosten sinken, wenn Solarthermie-Anlagen im großen Maßstab gebaut werden. Auch ein funktionsfähiger Emissionshandel werde CO2-sparende Kraftwerke begünstigen. Bereits heute liegen die Kosten für die einem Barrel Öl entsprechende Menge solarthermisch erzeugter Energie bei 50 Dollar. "Das ist bereits billiger als ein Barrel Öl", sagt Knies. Die Trecs rechnen damit, dass der Solarthermie-Energiepreis für ein Ölbarrel-Äquivalent auf 25 Dollar fallen wird.

Knies und die Trecs hoffen, dass in zehn bis 15 Jahren mit dem Aufbau von Kraftwerken und Leitungen für den Stromexport nach Europa begonnen wird. Ab 2020 werde der Solarstrom sogar zur kostengünstigsten Option, da er im Zuge des Ausbaus immer billiger werde. Bis 2050, so schätzt DLR-Experte Müller-Steinhagen, könnten etwa 15 Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs mit Importstrom aus Nordafrika gedeckt werden. Knies will sogar 20 Prozent erreichen.

In Gaza entsteht das Pilotprojekt

Es braucht eine Initialzündung, die den Teufelkreis aus Misstrauen und Mutlosigkeit durchbricht. Dafür haben sich die Trecs nicht Afrika, sondern ausgerechnet den größten Krisenherd unserer Zeit ausgesucht: Palästina.

Vom ägyptischen Sinai aus könnte ein Solarthermie-Kraftwerk den Gaza-Streifen mit Strom und Wasser versorgen - mit einer Kapazität für bis zu drei Millionen Menschen. Die Kosten: fünf Milliarden Euro. Sie könnten sich nach Trec-Berechnung aber bereits nach 15 Jahren amortisiert haben.

"Wenn das Gaza-Projekt in Gang kommt, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter", sagt Knies. "Es könnte der Stein sein, der die ganze Vision ins Rollen bringt."

Es könnte die Lösung des nicht vorhandenen Energieproblems sein.