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Mustafa Koç: Wer steckt hinter Grundig?

Weltklang, Zauberspiegel und Stenorette: Wenige Marken haben das Nachkriegsdeutschland so geprägt wie Grundig. Das wäre heute vergessen, wenn es Mustafa Koç nicht gäbe.

Von Stefanie Rosenkranz

Die Sonne knallt auf Beylikdüzü im Westen der Megametropole Istanbul. "Grundig" prangt in blauen Lettern auf einer modernen Fabrik. Drinnen, in der klimatisierten Kühle, versichert der 48-jährige Mustafa Koç wechselweise in perfektem Englisch und ziemlich gutem Deutsch, wie stolz seine Firma darauf sei, die Ikone der deutschen Elektronikindustrie gekauft zu haben – "sie verfügt über ein immenses Prestige". Die Marke sei immer noch eine der bekanntesten in ganz Europa.

So schöne Dinge hat lange keiner mehr über Grundig gesagt. Die Geschichte des einstigen Weltkonzerns aus Franken war zuletzt eine des Niedergangs. Sie begann 1930, als der Installateur Max Grundig sich mit einem kleinen Radioladen selbstständig machte. Das Geschäft lief zunächst bescheiden. Doch als sich Grundig nach dem Krieg ein Radio namens Heinzelmann ausdachte, das man selbst zusammenbauen konnte, begann der steile Aufstieg: 12 000-mal wurde der Bausatz allein im ersten Jahr, 1947, verkauft. Es folgte der Drei-Wellen-Empfänger Weltklang, auch er ein Bestseller. Das "Wunder von Bern" betrachteten die Deutschen 1954 in einem Tischfernseher von Grundig, Teenager träumten von einem Kofferradio namens Grundig Boy. Die Sekretärinnen der jungen Bundesrepublik schworen auf die Stenorette. Wer es sich leisten konnte, stellte sich das TV-Gerät Zauberspiegel auf den Nierentisch.

Der ferne Osten eilte voraus

Max Grundig wurde die Nummer eins seiner Branche in Europa und Herrscher über ein Imperium mit 25 000 Mitarbeitern. Sein Fall begann in den 70er Jahren, als er den Anschluss an die Konkurrenz aus Fernost komplett verpasste. Der kauzige Patriarch musste mit Philips fusionieren, zog sich aus dem Geschäft zurück und starb 1989 in Baden-Baden. 14 Jahre später machte sein Konzern Konkurs. Damals griffen der britische Investor Alba und die türkische Koç-Holding zu. Die Kooperation funktionierte nicht, unablässig wuchsen die Verluste. Koç zog die Notbremse und kaufte Alba aus.

Seither ist Grundig zu 100 Prozent türkisch. Nur noch 200 Menschen sind in Nürnberg mit Vertrieb und technischer Entwicklung beschäftigt; die Produktion findet unter Aufsicht deutscher Ingenieure in Istanbul statt. Alles soll schöner, besser und effizienter werden. Mustafa Koç will, dass die angestaubte Marke "ein Comeback auch bei jungen Kunden erlebt".

Von Generation zu Generation

Sein Gross vater Vehbi fing ähnlich bescheiden an wie Max Grundig. 1917 eröffnete er in Ankara einen Krämerladen. Elf Jahre später hatte er genügend Geld, um die Ford-Vertretung in der Türkei zu übernehmen. Sein Vater prophezeite: "Du wirst dein Geld verlieren!" Vehbi Koç mehrte sein Vermögen. Während des türkischen Pro- tektionismus gedieh sein Imperium, geschützt durch Importschranken. Die Holding, die Mustafa, ältester von drei Brüdern, vor fünf Jahren von seinem Vater Rahmi in der dritten Generation übernahm, ist das größte Unternehmen der Türkei, beschäftigt 85 000 Menschen und produziert Fernseher, Autos und Strom, betreibt Tankstellen und Banken. Koç hat auf dem österreichischen Gymnasium in Istanbul Deutsch gelernt und in den USA Betriebswirtschaft studiert. Seine zwei Töchter haben gute Chancen, das Koç-Imperium in der vierten Generation zu übernehmen, wenn sie der Devise des Patriarchen gerecht werden: "Stelle Leute ein, die besser sind als du, und lerne von ihnen." Genau das wollte der beratungsresistente Max Grundig nie tun.

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