Neuer Schiffsantrieb Drachen schleppt Frachter


Zum weltweit ersten Mal hat ein modernes Frachtschiff auch Windkraft als Antrieb genutzt. In der Nordsee bei Bremerhaven wurde auf der MS Beluga SkySails ein System in Betrieb genommen, bei dem ein riesiger Drachen das Schiff zieht.

Wenn in der Weltraumfahrt etwas Wichtiges geklappt hat, gibt es im Kontrollzentrum Houston regelmäßig Beifall von den Technikern. Deutsche Seefahrer sind da manchmal anders gestrickt. Als am Donnerstag in der Nordsee bei Bremerhaven der Dieselmotor eines modernen Frachtschiffs Unterstützung von einem Winddrachen bekommt, rührt sich keine Hand, an Bord knallen keine Sektkorken. Ein Seemann steuert das Schiff, der andere rührt weiter in seiner Kaffeetasse, als wäre nichts gewesen. Mit einem "na, klappt doch" erreichen die Emotionen schon ihren Höhepunkt.

Dennoch gibt es an Bord der 132 Meter langen "Beluga SkySails" um 16.55 Uhr eine Weltpremiere. Am Schnittpunkt der Breite von 53 Grad 42 Minuten Nord und der Länge von 8 Grad 18 Minuten Ost, rund 30 Kilometer von Bremerhaven entfernt, entfaltet sich über dem Bug des Frachters ein frei fliegender Zugdrachen. Er steigt an seinem Kunststoff-Halteseil zügig auf die Arbeitshöhe von 250 Metern. Seine Zugkraft erreicht drei Tonnen. Die Schiffsgeschwindigkeit liegt bei 3,5 Knoten.

"Damit zieht jetzt überwiegend der Kite den Dampfer", stellt Stephan Brabeck, Geschäftsführer Technik beim Hamburger Drachenkonstrukteur "SkySails" nüchtern fest. Beluga-Kapitän Lutz Heldt nickt. Dann geht er seelenruhig seine Kaffeetasse abwaschen. Die Frage, ob er denn gespannt sei hatte der Bremer Schiffsführer bereits vor Beginn des Flug-Manövers trocken und sparsam mit "Gespannt nicht - ich bin überzeugt" beantwortet.

Was passiert bei mehr Windstärken?

Dass der 160 Quadratmeter große, leicht gebogene Drachen bei der noch schwachen Windstärke 4 funktioniert, wissen die Beteiligten jetzt. Ob er auch bei Stärke 8 reibungslos aus seiner Höhle im Schiffsbug fährt und bei Orkan wieder hinein - das sollen die nächsten sechs Monate zeigen.

Bei vorausgegangenen Tests auf dem 80 Meter langen Laborschiff von "SkySails", der "Beaufort", habe das in Nord- und Ostsee bereits gut geklappt, sagt Brabeck. Seine Reifeprüfung müsse das System aber jetzt im Alltag der Berufsschifffahrt ablegen. Verliefen die bevorstehenden Transatlantikfahrten mit dem Beluga-Schiff gut, werde man auf "Stufe 2" schalten und die Drachenfläche auf 320 Quadratmeter verdoppeln. "Denn mit der jetzt installierten Fläche ist die "Beluga" unter ihren Möglichkeiten besegelt. Da gibt es noch Reserven fürs Spritsparen durch Windkraft."

"Trabi-Modell" des Drachens

Brabeck zeigt sich nicht ohne Grund optimistisch. "Wir haben bereits jetzt einige Reservierungen für 2009 mit geleisteten Anzahlungen", sagt er. Vor allem deutsche Reeder mit kleineren Einheiten wie etwa Küstenmotorschiffen stünden auf der Interessenten- Liste. Dramatisch steigende Treibstoffpreise machten das System immer attraktiver. Bei aller bereits entwickelten Spitzentechnologie stehe die Nutzung kostenloser Naturkraft mit Hilfe von Drachen jedoch erst am Anfang, ist sich Brabeck sicher. "Im Moment haben wir sozusagen das Trabi-Modell des Drachens. Der läuft zwar schon ganz gut. Aber in ein paar Jahren bauen wir sicher auch den Mercedes."

Manfred Protze/DPA DPA

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