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Trend E-Book: Lesen unter Strom

Nun aber: Schon vergangenes Jahr wurden elektronische Bücher als Trend ausgerufen, doch die Deutschen wollten nicht so recht. Mit dem Sony Reader ist jetzt ein neues Lesegerät auf dem Markt, und gleich mehrere Webportale für E-Books starten. Doch uns fehlen noch zwei Dinge: wirklich neue Technik und mutige Verlage.

Von Ralf Sander

Die Vorstellung ist verlockend: Im Urlaubsflieger einfach mal die hundert liebsten Krimis aus dem Bordgepäck holen. In der U-Bahn fünf Tageszeitungen lesen, ohne einen Haufen Altpapier mit sich herumzuschleppen. Im Job die wichtigsten Fachbücher immer dabeihaben und sie einfach durchsuchen können. Diese Träume sind längst Realität. Elektronische Bücher, die digitale Literatur in ungeheurer Menge speichern und tragbar machen, gibt es längst. Schon auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse waren E-Books das wichtigste Trendthema - ohne spürbare Folgen in der Gesellschaft. Deswegen jetzt ein zweiter Versuch, die drucktreuen Deutschen zum digitalen Träumen zu verleiten. Pünktlich zur am Donnerstag beginnenden Leipziger Buchmesse kommt mit dem Sony Reader PRS-505 das erste Lesegerät eines bekannten Elektronikherstellers auf den deutschen Markt. Gleichzeitig öffnen verschiedene Buch-Downloadportale. Ein weiterer Startschuss für das E-Book in Deutschland also. Die Frage ist, ob die Bundesbürger diesmal auch loslaufen.

Glaubt man aktuellen Umfragergebnissen, könnte es tatsächlich so sein: 2,2 Millionen Deutsche haben die Absicht bekundet, in diesem Jahr einen digitalen Buchtext zu kaufen. Das ergab eine repräsentative Untersuchung des Marktforschungsinstituts Forsa im Auftrag des deutschen IT-Branchenverbands Bitkom. Bitkom-Vizepräsident Achim Berg gibt sich optimistisch: "Mit der Verbreitung preiswerter Netbooks und der neu auf den Markt gekommenen elektronischen Lesegeräte wird die Fangemeinde digitaler Bücher wachsen".

Blick in die USA

In den USA wächst diese Fangemeinde. In den USA war 2008 das Jahr des Digitalbuchs: Während gedruckte Schmöker bei rückläufigem Umsatz in den Regalen liegen blieben, stiegen die Verkaufszahlen von E-Books rasant, legten allein im Dezember um 120 Prozent zu, berichtet die Vereinigung der amerikanischen Buchverleger AAP. Mit einem Dezemberumsatz von 6,8 Millionen Dollar ist dieses Segment zugegebenermaßen noch bedeutend kleiner als Hörbücher (10,5 Millionen US-Dollar), von gedruckten Ausgaben ganz zu schweigen. Aber die Tendenz ist deutlich.

Vom Trend zur digitalen Literatur profitiert das Unternehmen E-Ink, das die Displays für Lesegeräte wie Amazons Kindle oder Sonys Reader herstellt. Russ Wilcox, Chef und Mitgründer der Firma aus Cambridge/Massachussetts, gibt sich auch für die alte Welt optimistisch: "Der Erfolg von E-Books wird in Europa mindestens so groß sein wie in den USA", sagt er im Gespräch mit stern.de, "und am höchsten wahrscheinlich in Deutschland. Denn bei Ihnen wird noch viel gelesen."

Der Ruf der Deutschen als Volk der Dichter und Denker hält sich also hartnäckig in der Welt. Damit wir aber auch unterwegs digital Gedichtetes und Gedachtes zu uns nehmen können, brauchen wir Lesegeräte - und die Bereitschaft, für diese rund 300 Euro auszugeben. Seit zehn Jahren gibt es Bücher in digitalisierter Form bereits, die vor allem am PC konsumiert wurden. Lesegeräte sind ebenfalls seit Jahren auf dem Markt, blieben aber wegen ihrer technischen Schwächen ein Nischenprodukt. Dass ein attraktives Gefäß für die digitalen Inhalte unverzichtbar ist, zeigte in den USA das von Amazon vertriebene Modell namens Kindle. Erst dem Online-Kaufhaus gelang es im Herbst 2007, einen E-Book-Reader in der öffentlichen Wahrnehmung als tauglich für den Massenmarkt zu etablieren. "Niemand hat elektronische Bücher je aktiv vermarktet", sagt Frank Daniels vom US-Vertriebsriesen Ingram Digital gegenüber stern.de. "Amazon dagegen wirbt jeden Tag für E-Books. Das erzeugt Aufmerksamkeit und ermutigt Leser, sich diese Alternative anzuschauen."

Sonys Reader ist der Platzhirsch - noch

In Deutschland allerdings hält sich Amazon beim Thema E-Books noch bedeckt. Der Kindle erschien hierzulande gar nicht, die neue Version zwei kommt vielleicht im Herbst über den großen Teich. Bis dahin ruhen die Hoffnungen des Buchhandels auf dem Sony Reader PRS-505, der auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2008 erstmals in Deutschland vorgestellt wurde und nun für 299 Euro erhältlich ist. Mit einem Gewicht von 260 Gramm und einer Dicke von nur einem Zentimeter (Höhe 18 cm, Breite 12 cm) ist das Gerät wesentlich schlanker als die E-Reader der Vergangenheit. Das Bild ist gestochen scharf und flimmert nicht. Die Schrift ist angenehm zu lesen, auch über längere Zeit und sogar bei heller Umgebungsbeleuchtung. Die "elektronische Tinte", die von E-Ink hergestellt wird, funktioniert anders als TFT-Monitore oder Handydisplays. Die Buchstaben werden durch schwarze und weiße Pigmentkügelchen gebildet, die an ihrem Platz bleiben, bis die nächste Seite aufgerufen wird. (Mehr dazu im Artikel: "Wie digitales Papier funktioniert" und in der interaktiven Infografik.) In der Zwischenzeit ist das Bild starr wie bei einem gedruckten Buch und verbraucht auch keine Energie, was sich positiv auf die Akkulaufzeit auswirkt. Standardmäßig bietet der Sony Reader einen Speicherplatz von 192 Megabyte, was ungefähr 160 Büchern entspricht. Mit Speicherkarten lässt sich das Gedächtnis aber deutlich erweitern, mehr als 13.000 Titel sind vorstellbar. Außerdem kann der Reader MP3-Audiodateien abspielen. (Mehr über den Sony Reader im Alltagstest: "Lust und Frust mit dem digitalen Taschenbuch").

So funktioniert elektronische Tinte

Sonys Reader PRS-505 ist zurzeit der prominenteste E-Book-Reader auf dem deutschen Markt. Dabei ist er nicht neu, sondern stammt aus dem Jahr 2007. In den USA ist schon das Nachfolgemodell PRS-700 erschienen, mit einem berührungsempfindlichen Display und zuschaltbarer Hintergrundbeleuchtung. Außerdem fehlt dem 505 ein Feature, das wesentlich für den US-Erfolg von Amazons Kindle verantwortlich ist: der drahtlose Zugang ins Internet. Mit dem Kindle ist es möglich, von überall neue Bücher und aktuelle Zeitungen zu kaufen und sofort herunterzuladen, entweder über das Mobilfunknetz oder per drahtlosem Netzwerkzugang. Das jetzt in Deutschland erhältliche Sony-Gerät kann nur per USB-Kabel über einen PC mit neuer Literatur betankt werden. Auch gibt es keine Suchfunktion, die für Fachliteratur sehr nützlich wäre. Außerdem dauert das Umblättern mehrere Sekunden, was den Lesefluss hemmt. Hier verspricht zum Beispiel ein elektrisches Taschenbuch namens "Txtr Reader", das gerade in Berlin von der deutschen Firma Wizpac entwickelt wird, deutliche Fortschritte. Drahtlose Datenübertragung wird dort auch eingebaut. Der Txtr Reader soll Ende des Jahres verfügbar sein. Auf der gerade zu Ende gegangenen IT-Messe Cebit wurden außerdem weitere zukünftige E-Book-Reader verschiedener kleinerer Hersteller gezeigt. Mit anderen Worten: Der Markt in Deutschland ist E-Book-technisch nicht auf dem neuesten Stand, die nächste Geräte-Generation schon in Sicht. Außerdem hat auch die zugrunde liegende Darstellungstechnik von E-Ink noch viel Verbesserungspotenzial, zumal bisher nur Graustufen dargestellt werden können: "Das Bild könnte heller sein, es könnte bunter sein, es könnte schneller sein", sagt E-Ink-Chef Wilcox.

Auf der kommenden Seite lesen Sie, warum die beste Technik nichts ist ohne gute Inhalte, wie die deutschen Verlage die Preise gestalten wollen - und wie wagemutig ein amerikanischer Verleger ist.

Doch nützt die beste Technik nichts, wenn es keine Inhalte gibt. In den USA hat Amazon laut "New York Times" rund 240.000 digitale Bücher im Angebot, Sonys E-Book-Shop umfasse rund 100.000 Titel. Zum Start der Leipziger Buchmesse eröffnen mit dem Thalia-Handelskette und dem Großhändler Libri zwei Schwergewichte der deutschen Buchbranche ihre Download-Angebote, allerdings in wesentlich kleinerem Maßstab: Der Sony-Reader bezieht aktuelle Neuerscheinungen aus dem Online-Shop Thalia.de - zu Preisen, die "im Durchschnitt etwa 20 Prozent unterhalb des Preises für das 'normale' Buch" liegen, wie es offiziell heißt. Mehrere Tausend Bücher stünden bereit. In dieser Größenordnung bewegt sich auch das Eröffnungsangebot von Libri.de. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels startet außerdem auf seiner Buchsuchmaschine libreka.de ebenfalls ein Downloadangebot: Rund 5.000 Titel seien bereits digitalisiert worden, schreibt das Web-Magazin "Telepolis", bis Ende des Jahres könnten es rund 15.000 sein. Für jeden kostenfrei zu haben sind zusätzlich die zahlreichen digitalisierten Versionen von Texten, für die Urheberrechte längst abgelaufen sind, wie sie beispielsweise das Projekt Gutenberg sammelt.

Streitpunkt Kopierschutz

Allerdings sind die gekauften E-Books mit dem ungeliebten DRM-Kopierschutz versehen. Während das gedruckte Buch beliebig oft verliehen, weiterverschenkt oder weiterverkauft werden kann, kontrolliert das "Digitale Rechtemanagement" (DRM) die Einhaltung strenger Regeln: "Sie können bis zu sechs Computer oder mobile Geräte aktivieren und geschützte PDF-Dokumente gemeinsam auf ihnen verwenden", heißt es im Onlineshop von Thalia. Der Börsenverein hingegen befürwortet folgendes Vorgehen: Verleihen im Freundeskreis ist erlaubt, mithilfe eines digitalen Wasserzeichens in den elektronischen Büchern sollen aber die ursprünglichen Käufer identifiziert werden, falls eine Datei in einer Internettauschbörse auftaucht. In Sachen Kopierschutz herrscht noch keine Einigkeit.

Die Branche streitet außerdem darüber, ob in Deutschland auch für E-Books die Buchpreisbindung gelten soll. Was allerdings nicht heißen muss, dass E-Books genauso teuer verkauft werden wie herkömmliche Bücher. Allerdings gehen die deutschen Verleger sehr konservativ vor bei der Preisgestaltung. Detlef Bluhm, Geschäftsführer der Landesstelle Berlin-Brandenburg des Börsenvereins, sagte gegenüber "Telepolis": "Betriebswirtschaftlich wäre es Wahnsinn, E-Books preiswerter anzubieten. Man spart zwar den Prozess der körperlichen Herstellung, hat aber ganz andere Vorlaufkosten [für Server und Digitalisierung, Anm. d. Red.]." Diese Kosten dem Kunden zu vermitteln, könnte allerdings schwierig werden. So verdankt Apples digitaler Musikshop iTunes seinen riesigen Erfolg auch den Preisen, die konsequent unter denen von physischen Datenträgern liegen.

Mut zum Experiment

Wie radikal Verleger umdenken können, zeigt der amerikanische Technikpionier und US-Fachbuch-Herausgeber Tim O'Reilly. Seit Jahren bietet er etliche Fachbuch-Ttitel auch zum Herunterladen an. Seine Erfahrung: Mehr als die Hälfte der Kunden auf Oreilly.com kommen aus dem Ausland. Das bringt Umsatz, der sonst womöglich unter den Tisch fiele.

Dass E-Books und gedruckte Bücher einträglich nebenher leben können, sieht O'Reilly unter anderem an dem Bestseller "iPhone: The Missing Manual". Das Handbuch zum Apple-Handy gibt es digital unter anderem als iApp, als iPhone-Programm im iTunes-Laden. Die Verkaufszahlen für die gedruckte Ausgabe halten sich stabil, berichtet O'Reilly aus einer Verlegertagung in New York: "Wir sehen keinerlei Umsatzeinbußen." Nur beim Preis des E-Books zeigten sich die Leser empfindlich: Als der Verlag probehalber den Preis für die iPhone-Version von 4,99 auf 9,99 Dollar verdoppelte, zuckten die Kunden zurück - schlagartig fiel der Absatz auf ein Viertel, obwohl die gedruckte Version mit 24,99 Dollar viel mehr kostet. "Okay, dann also wieder 4,99", sagt O'Reilly achselzuckend. "Man muss bereit sein, mit dem Preis zu experimentieren."

Mitarbeit: Karsten Lemm