HOME

VIDEO: Ohne Schnitt ist alles nichts

Das Filmen allein ist nur die halbe Miete. Wer sich und seinem Publikum einen Gefallen tun möchte, schneidet seine Videos digital.

»Entweder gut oder gar nicht« - Walter Schwarz aus Geesthacht ist seine Film-Passion lieb und teuer. Mehrere tausend Euro hat er in Computer, Software, Camcorder und Zubehör gesteckt. Fast jeden Tag sitzt er in seiner umgebauten Garage und bearbeitet Videos digital am Computer, bevor er sie an Verwandte und Glaubensbrüder von den Zeugen Jehovas verschickt. »Ich kann mir kein schöneres Hobby vorstellen«, sagt Schwarz, 79. Damit ist er nicht allein.

Es sind meist freudige Ereignisse, die bei wenig an Technik interessierten Menschen die Begeisterung fürs Videofilmen wecken: Die Geburt des ersten Kindes, der Hausbau, die Anschaffung eines Haustiers. Plötzlich entsteht der Wunsch, solche Meilensteine für die Nachwelt festzuhalten und zu dokumentieren.

Was taugt für wen?

Angehende Hobbyregisseure sehen sich dann unvermittelt dem riesigen und unübersichtlichen Angebot an Videokameras und Nachbearbeitungsmöglichkeiten gegenüber. Was taugt davon für wen?

Digitaler Siegeszug

Am Anfang steht der Kauf eines Camcorders. Schnell wird dabei klar, dass die Zeit der analogen Videokameras vorbei ist. Geräte mit den Cassetten-Systemen S-VHS-C oder Hi-8 finden sich allenfalls noch als Billigangebote bis etwa 500 Euro. Verdrängt wurden diese Systeme von ihren digitalen Nachfolgern Mini-DV und Digital8. Diese verdanken ihren Siegeszug ihrer deutlich überlegenen Bildqualität: Rauschen und Bildstörungen entfallen bei digitalen Aufnahmen fast völlig. Besonders augenfällig werden die Qualitätsunterschiede, wenn Kopien eigener Aufnahmen angefertigt werden. Etwa, um die Dokumentation der ersten Enkel-Schritte als wohnzimmertaugliche VHS-Kopie an Eltern und Großeltern zu schicken.

Ruhig etwas mehr investieren

Schnäppchenangebote unter den digitalen Camcordern gibt es schon ab 500 Euro. Dabei handelt es sich nicht selten um Auslaufmodelle, die aber technisch durchaus akzeptabel und analogen Camcordern in Sachen Bildqualität ohnehin überlegen sind. Dennoch lohnt es sich, noch ein paar hundert Euro draufzulegen: Wirklich empfehlenswerte Digital-Modelle stehen erst ab etwa 800 Euro in den Läden.

Bei der Geräteauswahl gilt es dabei auch, sich zwischen den unterschiedlichen Bauformen zu entscheiden. Ideale Lösung für Urlaubsfilmer, die ein möglichst kleines Modell in Rucksack, Hand- oder Jackentasche unterbringen wollen, sind kompakte Hochkant-Camcorder wie etwa der Canon MV 5 (Ladenpreis um 1.000 Euro).

Ein wenig größer, dafür aber häufig besser zu bedienen sind Kompakt-Camcorder, die zahlenmäßig den Löwenanteil im Geräteangebot ausmachen. Typische und empfehlenswerte Vertreter sind etwa die Modelle Sony TRV 25 (um 1300 Euro), JVC GR-DVL 367 (um 1000 Euro) oder Sharp VL-WD 650 S (um 1100 Euro).

Ambitionen für gefüllte Geldbeutel

Ambitionierte Amateurfilmer schwören auf noch größere, schwerere, aber auch teurere Modelle. Technik und Ausstattung spielen dabei eine wesentliche Rolle - so bieten Modelle wie der Panasonic MX500 (um 2300 Euro) gleich drei separate Aufnahmechips (je einen für die Fernsehgrundfarben Rot, Blau und Grün) und damit abermals verbesserte Bildqualität. Zum anderen schätzen Semiprofis die gewichtigeren Modelle deshalb, weil die Aufnahmen mit diesen Geräten nicht so schnell verwackeln. Für Gelegenheitsfilmer sind solch große Kameras jedoch meistens zu unhandlich und außerdem zu teuer.

Viele Camcorder können auch »knipsen«

Weil viele Digitalfilmer auch gerne fotografieren, können viele Camcorder zusätzlich Standbilder knipsen. Bislang waren die Ergebnisse allerdings mangels ausreichender Bildauflösung nicht mit der Qualität von Fotokameras vergleichbar: Videobilder haben nämlich wesentlich weniger Bildpunkte als Digitalfotos. Allenfalls 1,3 Megapixel - die Bildgröße der billigsten digitalen Knipser - bieten typische Mini-DV-Camcorder. Mit dem bereits erwähnten MX500 bietet Panasonic erstmals ein Gerät, das mit einer Foto-Auflösung von 3 Megapixeln zumindest mit der gehobenen Mittelklasse der Digital-Fotokameras mithalten kann und deshalb das Mitschleppen eines zusätzlichen Fotoapparates überflüssig macht. Dafür ist der massive Dreichip-Camcorder allerdings auch nicht gerade kompakt.

Ganz andere Wege geht Sony bei seinem im Alleingang eingeführten digitalen Videosystem MicroMV. Um handtellergroße Miniatur-Camcorder möglich zu machen, die in die Hosentasche passen, entwickelte der Hersteller ein abermals miniaturisiertes Bandformat, dessen Maße an Diktiergerät-Cassetten erinnern. Dafür ausgelegte Camcorder sind winzig und federleicht, aber dafür recht teuer - wie etwa der für rund 2000 Euro angebotene Sony IP55, der 435 Gramm auf die Waage bringt. Wegen noch höherer Bilddaten-Kompression als bei den anderen Digitalsystemen schneidet MicroMV allerdings bei der Bildqualität eine Spur schlechter ab. Das System lohnt sich also nur für Gelegenheitsfilmer, die besonderen Wert auf eine kompakte Kamera legen.

Digital-8: dritter Standard, zweiter Sony-Alleingang

Wie alle anderen Hersteller bietet auch Sony Camcorder-Modelle mit Mini-DV-Standard an. Zusätzlich dazu und zum Micro-MV-System leisten sich die Japaner mit »Digital-8« noch einen dritten Standard und einen zweiten Alleingang. Dieses System kann zwar in der Bildqualität mit dem Marktführer Mini-DV mithalten, nutzt aber die preiswerteren Cassetten des früheren Analog-Systems Hi8 und kann bei Bedarf auch alte Hi8-Analogaufnahmen abspielen. Digital-8-Camcorder sind etwas günstiger als Mini-DV-Modelle. Sie lohnen sich für ehemalige Hi8-Filmer, die noch ein größeres Archiv mit den alten Cassetten haben, und für preisbewusste Einsteiger, die keinen Wert darauf legen, Aufnahmen mit dem verbreiteteren Mini-DV-Format an andere weiterzugeben.

Noch nicht attraktiv: Aufnahmen auf DVD

Eine Randerscheinung sind derzeit noch Camcorder, die Bild und Ton nicht mehr auf Band, sondern auf beschreibbaren DVDs aufzeichnen. Geräte wie der Hitachi DZ-MV 230E (1400 Euro) erreichen trotz High Tech nicht die Bildqualität der günstigeren Mini-DV-Kameras. Zwar muss man auf der Scheibe nicht spulen, um zu einer bestimmten Szene zu gelangen - doch dieser Vorteil wiegt die Nachteile der ersten DVD-Camcorder nicht auf.

Ohne Schnitt geht gar nichts. Unabhängig vom verwendeten Camcorder gilt immer: So wie die Aufnahmen auf der Cassette landen, sind sie für unbeteiligte Zuschauer nur schwer genießbar. die Folge sind nicht enden wollende Videoabende, in denen der letzte Kuba-Urlaub dem genervten Publikum über mehrere 60-Minuten-Bänder verteilt präsentiert wird. Inklusive verwackelter und fehlbelichteter Szenen und solcher mit abgeschnittenen Köpfen oder aus dem Bild laufenden Personen. Wer seine Zuschauer nicht quälen will, kommt kaum umhin, seine Videos nachzubearbeiten. Die zehn besten Minuten aus einer einstündigen Videocassette, flott geschnitten und vertont - damit macht der Videoabend deutlich mehr Spaß.

Der PC darf nicht zu schlapp sein

Gute Voraussetzungen für den heimischen Videoschnitt haben Besitzer eines neueren und somit ausreichend leistungsfähigen PCs: Dass Bild und Ton von aktuellen Camcordern digital aufgezeichnet werden, erleichtert deren Bearbeitung am ebenfalls digital arbeitenden Rechner. So bieten Fachmärkte und PC-Hersteller mittlerweile spezielle »Schnitt-PCs« an, an denen die für digitalen Bild- und Tonaustausch benötigte »iLink«-Schnittstelle zu finden ist (je nach Hersteller auch Firewire oder IEEE 1394 genannt). Pentium-3- und Pentium-4-PCs mit Taktfrequenzen ab etwa 400 MHz und Festplatten ab etwa 40 Gigabyte haben genug Rechenleistung und Kapazität für digitalen Videoschnitt - die aktuell für rund 1000 Euro angebotenen PC-Boliden erfüllen diese Voraussetzungen locker.

Wer einen leistungsfähigen PC besitzt, der aber noch keinen Anschluss für digitale Camcorder bietet, kann die notwendige Schnittstelle nachrüsten. Ein günstiges Angebot ist etwa die »Fireboard«-Steckkarte vom Münchner Hersteller Electronic-Design (40 Euro).

Analog + digital = teuer

Aufwendiger wird die benötigte Schnitt-Hardware, wenn der Hobby-Cutter neben den digitalen DV-Signalen auch analoge Zuspielungen (etwa vom heimischen Videorecorder) verarbeiten möchte. Solche Aufgaben lösen teurere Produkte wie die »Real Time Video Producer«-Box von Dazzle (um 800 Euro). Sie lässt sich einfach am PC anstöpseln und beherrscht auch spezielle Kunststücke wie Echtzeit-Überblendungen von bewegten Videobildern.

Zum Schneiden, Vertonen und Aufpolieren der eigenen Filme benötigen PC-Besitzer neben der passenden Hardware-Ausstattung auch geeignete Programme. Preise und Möglichkeiten sind breit gestreut: Für Einsteiger empfiehlt sich ein günstiges, leicht bedienbares Programm wie zum Beispiel das komfortable »Studio DV Version 8« von Pinnacle (um 100 Euro) oder das ebenfalls sehr durchdachte »Ulead Video Studio 6« (um 80 Euro). Die Programme werden auch in Komplettpaketen mit unterschiedlichen Schnittkarten angeboten, die je nach Ausstattung digitale sowie zusätzlich analoge Schnittstellen für Bild und Ton zur Verfügung stellen.

Hobby-Spielbergs brauchen Cash

Für erfahrenere Hobby-Spielbergs werden Programme mit erheblich mehr Funktionen angeboten - wie zum Beispiel der vor kurzem in neuer Version erschienene Marktführer »Adobe Premiere 6.5«. Dieses Programm kostet in der Vollversion stolze 800 Euro, Upgrades von früheren Versionen sind für 200 Euro erhältlich. Wer so viel Geld ausgibt, bekommt dafür ein leistungsfähiges Werkzeug, mit dem sich unzählige Bild- und Grafikeffekte, Texteinblendungen, Tonbearbeitung und vieles mehr realisieren lassen - allerdings ist die Bedienung dann auch deutlich komplizierter als bei Amateurlösungen und erfordert einige Tage Einarbeitung.

Apple spendiert »iMovie 2« kostenlos

Als alternative zu den Produkten für Windows-PCs präsentiert sich der kleine Computerhersteller Apple. Videoschnitt-Funktionen sind in fast allen aktuellen Macintosh-Rechnern ab Werk eingebaut - vom preiswerten Einsteiger-iMac ab 1.000 Euro über die neue Designer-Tischlampen-Variante des »G4-iMac« (ab 1.500 Euro) bis hin zu den Profi-Maschinen für 4.000 Euro und mehr. Apple spielt dabei den Vorteil aus, dass der Hersteller gleichermaßen für Hardware und Software verantwortlich zeichnet, und legt allen schnitt-tauglichen Macs das einfach bedienbare Programm »iMovie 2« kostenlos bei. Wer darüber hinausgehende Ambitionen hat, kann für rund 1.300 Euro Apples Profi-Schnittprogramm »Final Cut Pro« kaufen, das ähnlich wie das ebenfalls als Mac-Version erhältliche »Adobe Premiere« mit unzähligen Funktionen, aber auch komplizierterer Bedienung aufwartet. Wenn der Apple-Rechner dann auch noch über das edle »Superdrive«-Laufwerk verfügt, kann man den fertig geschnittenen Amateurfilm sogar auf DVDs brennen und dann im heimischen DVD-Player abspielen.

Von Komfort und Gestaltungsmöglichkeiten digitaler Videobearbeitung können auch Hobbyfilmer profitieren, die mit Computern nichts am Hut haben. Auf diese Klientel hat sich die Firma Macro System spezialisiert, die mit ihren »Casablanca«-Schnittgeräten Video-Spezialcomputer im unverdächtigen Gehäuse einer Hi-Fi-Komponente fürs Wohnzimmer anbietet. Die Geräte werden an den Fernseher angeschlossen und mit einer Kabel-Fernbedienung gesteuert. Für Einsteiger mit DV-Camcorder empfiehlt sich das Mittelklasse-Modell »Casablanca Avio DV« (um 1800 Euro). Höhere Ambitionen bedient das Modell »Casablanca Prestige«, in dem sogar ein DVD-Brenner zum Ausspielen der fertig geschnittenen Filme auf DVD eingebaut ist.

Nicht jeder Camcorder hat eine DV-In-Buchse

Für alle digitalen Nachbearbeitungslösungen gilt allerdings: Wer den fertig geschnittenen Film nicht nur am PC, Mac oder Schnittsystem betrachten will, muss ihn auch wieder auf Digital-Cassette ausspielen können. Und das geht nicht mit jedem Camcorder. Dazu muss die Videokamera über die so genannte DV-In-Buchse verfügen.

Der Zoll macht's teuer

Weil das europäische Zollrecht diese Buchse mit Strafzöllen belegt (nur Videorecorder können laut Zoll externe Signale aufnehmen, also gilt ein Camcorder mit DV-Signaleingang als Videorecorder - und kostet mehr Zoll), haben viele Hersteller diese Funktion in ihren Camcordern abgeschaltet. Es sei denn, man kauft die üblicherweise rund 100 Euro teureren Modelle, die dann oft den Buchstaben i für »In« in der Typenbezeichnung tragen und diese Funktion noch enthalten.

Eine Zeit lang halfen findige Bastlerfirmen mit so genannten Freischalt-Lösungen weiter, die bei den meisten Camcordern die nur per Geräte-Software abgeschaltete DV-In-Buchse wieder zum Leben erweckten. Doch mit Camcordern, die seit etwa Anfang 2002 verkauft wurden, funktioniert das meist nicht mehr. Ob sich die Hersteller nun verschärften Vorschriften der Zöllner beugten oder den schleppenden Absatz ihrer teureren DV-In-Modelle ankurbeln wollen, ist unter Marktkennern umstritten. Klar ist jedenfalls, dass Hobbyfilmer mit Schnitt-Ambitionen jetzt schon beim Kauf ihres Camcorders darauf achten müssen, dass das Gerät die DV-In-Funktion bietet. Nachrüsten lässt sie sich nämlich nicht mehr.

Voraussicht hilft Geld sparen

Als teure Alternative bleibt sonst nur noch der Austausch gegen einen DV-In-tauglichen Camcorder oder der zusätzliche Kauf eines stationären Mini-DV-Recorders (ab 1400 Euro). Und diese Mehrkosten kann man sich mit ein wenig Voraussicht beim Camcorderkauf sparen.

Hannes Rügheimer; Mitarbeit: Dirk Liedtke

Lesen Sie auch bei unserem Partner pcwelt.de: "So kommen Ihre Videos groß raus"