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Laut Medienbericht Kaufte das US-Militär Standortdaten von einer muslimischen Gebets-App?

Nahaufnahme eines in den Händen gehaltenen Smartphones.
Nach eigenen Angaben verfolgt das Unternehmen "X-Mode" 65 Millionen Geräte im Monat – auch in der EU.
© Sebastian Gollnow/dpa
Nach Recherchen des US-amerikanischen "Vice"-Magazins erwirbt das US-Militär im großen Stil Standortdaten von Apps im In- und Ausland. Betroffen sollen unter anderem eine muslimische Gebets- und eine Dating-App sein.

Recherchen des US-amerikanischen "Vice"-Magazins zufolge kauft das US-Militär Bewegungsdaten von Menschen auf der ganzen Welt. Es sei der erste Beweis, dass sich der Erwerb von Standortdaten durch US-Strafverfolgungsbehörden auch auf das Militär ausstreckt. Die populärste App, die "Vice" in diesem Zusammenhang nennt, ist dabei eine muslimische Gebets- und Koran-App mit weltweit mehr als 98 Millionen Nutzern.

Die App "Muslim Pro" erinnert Gläubige, wann sie beten sollten und in welcher Richtung Mekka liegt. Hinzu kämen unter anderem die die muslimische Dating-App "Muslim Mingle", eine "Craigslist"-Applikation und eine Anwendung zur Verfolgung von Stürmen.

Sogar einzelne Smartphones soll das Militär verfolgen können

Durch öffentliche Aufzeichnungen, Interviews mit App-Entwicklern und technische Analysen habe das Magazin zwei Wege aufgedeckt, die das Militär verwendet oder verwendet hat, um an Standortdaten zu gelangen.

Zum einen habe ein Sondereinsatzkommando des Militärs, das unter anderem mit Terrorismus- und Aufstandsbekämpfung betraut ist, Zugang zum Produkt "Locate X" erhalten. Damit sei es möglich gewesen, auf einer Karte nachzuvollziehen, welche Geräte in einem bestimmten Radius aktiv waren. Sogar einzelne Endgeräte könnten so verfolgt werden, wie ein ehemaliger Mitarbeiter der Entwicklerfirma gegenüber "Vice" gesagt hat.

Zwar seien die Daten anonymisiert, doch habe die Quelle zugeben: "Wir könnten eine Person absolut deanonymisieren." Ein Navy-Commander und Sprecher des Sondereinsatzkommandos hat den Kauf gegenüber „Vice“ bestätigt. Man halte sich jedoch "strikt an die festgelegten Verfahren und Richtlinien zum Schutz der Privatsphäre" und an die Rechte der US-amerikanischen Bürger.

65 Millionen Geräte werden im Monat verfolgt

Ein anderer Datenstrom laufe über eine Firma namens "X-Mode". Diese beziehe Standortdaten direkt aus Apps und verkaufe die Informationen über Umwege an US-Streitkräfte. Allerdings sei "Vice" keine konkrete Militäroperation bekannt, bei der solche Daten verwendet wurden.

In einem "CNN"-Interview sagte Joshua Anton, CEO von "X-Mode", dass das Unternehmen monatlich 65 Millionen Geräte verfolge. Davon seien 25 Millionen Geräte in den USA und weitere 40 Millionen in der EU, Lateinamerika und der asiatisch-pazifischen Region lokalisiert. Zudem erklärte Anton gegenüber „Vice“, dass ein Datenbündel, das Standortdaten sammelt und weitergibt, in 400 Apps eingebettet sei.

Menschen "bis zu ihrer Haustür aufspüren"

Tatsächlich habe "X-Mode" diese Informationen an eine breite Kundenpalette verkauft: Unter anderem gehöre zu einem dieser Kunden eine private Sicherheitsfirma, deren Ziel es sei, mittels Standortdaten "Personen bis zu ihrer Haustür aufzuspüren". Auch zur Verfolgung von Personen in Corona-Hotspots seien die Daten verwendet worden.

Zu den Abnehmern gehörten aber auch Auftragnehmer des Militärs , die unter anderem für den Bau von Kampfflugzeugen für die U.S. Airforce verantwortlich sind oder mit dem Heer, der Marine und den Luftstreitkräften kooperieren und Unterstützung für Geheimdienstanalytiker anbieten.

Nutzer wissen nicht, wo ihre Daten landen

Brisant ist dabei auch: Einige Anwendungen, die im Auftrag von "X-Mode" Standortdaten sammeln, verschwiegen den Nutzern, dass überhaupt Daten weitergegeben werden. Laut "Vice" bezweifelte ein Rechtsexperte der Universität Berkeley, dass Nutzer dem zustimmen würden. Selbst, wenn Anwender über die Weitergabe der Daten informiert würden: Die meisten Nutzer dürften wohl nicht damit rechnen, dass die Informationen am Ende beim Militär landen.

Viele App-Entwickler schweigen

Viele der angefragten App-Entwickler haben laut "Vice" nicht auf Anfragen des Magazins reagiert. Andere hätten angegeben, nichts von den Datenübertragungen zu wissen oder hätten sich auf Verschwiegenheitsklauseln bezogen. Eine Dating-App soll im Zusammenhang mit der Recherche immerhin ein Pop-Up-Fenster entwickelt haben, das die Nutzer über die Weitergabe ihrer Daten informiert. Wo diese genau landen und wie sie verwendet werden, erfahren User aber wohl nach wie vor nicht transparent.

Quelle: "Vice"

yks

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