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Psychologie: Der Ex-Faktor: Welche Macht vergangene Beziehungen über uns haben

Partnerschaften gehen vorbei - doch ihre Verletzungen nach dem Beziehungsende wirken länger nach, als uns selbst bewusst ist. Das kann eine neue Liebe erheblich gefährden.

Von Nina Poelchau

Beziehungsende – Verletzungen können eine neue Liebe erheblich gefährden

Beziehungsende – Kerstin Roth* reagiert panisch, wenn ihr ein Mann zu nahe zu kommen scheint

Manchmal reicht eine Geste, und die Vergangenheit ist wieder da. Kerstin Roth* hatte sich mit ihrem Yogalehrer in einem Restaurant verabredet, sie tasteten ab, ob sie zusammenpassen könnten. Er gefiel ihr sehr. Geschmeidig, aufmerksam, lange Hände. Dann legte er, während er sprach, eine dieser Hände auf ihren Unterarm. Er sprach weiter und nahm die Hand nicht mehr weg. Sie fühlte sich fest und schwer an, Kerstin spürte, dass ihr Herz hämmerte, ihr wurde fast übel; es kam ihr vor, als säße Ronald neben ihr. Ronald ist ihr Exmann.

Sie zog den Arm weg, wollte nach Hause. Der Abend war gelaufen. Keiner von beiden schlug vor, sich noch mal zu treffen. In die Yogastunden ging Roth auch nicht mehr.

Kerstin Roth ist ein Beispiel von Millionen. Trennungen gehören heute zu fast jedem Lebenslauf, alte Liebesbeziehungen wirken mit großer Macht nach, und das oft auf unheilvolle Weise. Wer Eifersucht, notorische Lügereien, lieblosen Sex, Gewalt oder Geiz erlitten hat, wer betrogen und hintergangen wurde, der will Ähnliches nicht wieder erleben – und zuweilen sitzt die Angst davor so tief, dass man sich ihrer nicht mal bewusst ist. So arbeiten ausgerechnet jene Beziehungen in uns weiter und nehmen Einfluss auf unser Leben, derer wir uns glücklich entledigt zu haben glauben.

Beziehungsende: Sie fühlte sich wie in einem Käfig

Bei Kerstin Roth ging es darum, dass sie irgendwann keine Luft mehr bekam. Sie ist eine zurückhaltende, humorvolle Frau, 36 Jahre alt, hat Informatik studiert, entwirft für eine Firma Einstellungstests. Ronald leitete das Catering für einen Veranstalter von Assessment-Centern. So trafen sie sich. Seine freundliche Art, das Zuvorkommende, die besonders tiefen Blicke: Das imponierte ihr. Sie fühlte sich, sagt sie, "ummantelt“ . Nach einem halben Jahr mieteten sie gemeinsam eine Wohnung, sie wurde schwanger und reduzierte ihre Arbeitszeit, er stieg zum Restaurantchef auf. Es folgten zwei Jahre mit viel Sex und Nähe. "Ich habe mich daran richtig sattgefressen“ , sagt sie.


Doch dann ging es mit den beiden bergab.

Sie sitzt in der Dreizimmerwohnung in der Nähe von Hannover, in der sie jetzt lebt, Kleider und Bücher sind um sie herum verstreut, sie sagt, sie habe so ein irres Bedürfnis, Farbeimer an die Wände zu schleudern. Immer grauer und enger sei es mit Ronald geworden. Alles, was sie tat, habe er kommentiert. Aus dem zuvorkommenden Mann des Anfangs sei ein kontrollierender geworden. Unordnung, Heiterkeit, Gäste: mochte er nicht. Er war eifersüchtig. Jede Leichtigkeit sei verloren gegangen. Als ihr eine Stelle in einer anderen Stadt angeboten wurde, sagte sie zu. Es folgten erbitterte Diskussionen, schwere Wochen. Sie zog fort; weit genug, um seinem Druck zu entgehen. Sie sieht ihn jetzt nur noch, wenn sie das Kind in den Ferien zu ihm bringt – zwei-, dreimal im Jahr. Er hat eine neue Freundin.

Aber los ist sie ihn noch immer nicht. Kerstin Roth sagt, in Liebesdingen traue sie sich selbst nicht mehr über den Weg. Sie begreife nicht, wie sie sich so habe verschätzen können. Und diese Angst vor sich selbst, die sei das Schlimmste. Denn sie ahnt, dass die Panik vor dem womöglich einengenden Yogalehrer die Wurzeln in ihr selbst hat – und in der Geschichte mit Ronald.

Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, ist das nächste Mal vorsichtig. Oder übervorsichtig. Vielleicht sogar derart übersensibilisiert, dass er das Glück verscheucht. Es ist ein natürlicher Reflex, nach einer Erschütterung weitere Risiken zu meiden. Meist lässt mit der Zeit die Vorsicht nach, einer wie der Yogalehrer wird dann auch bei einer vorbelasteten Frau wie Kerstin Roth eine Chance haben.

Sich Zeit lassen, um wieder stabil zu werden. Nicht unterschätzen, wie intensiv Bindungen wirken und entsprechend nachwirken: Das empfehlen Paartherapeuten. Die Realität sieht oft anders aus. Viele Menschen tun sich schwer, den Schmerz einer Trennung auszuhalten und erst einmal genau zu erspüren, was eigentlich passiert ist. Sie suchen Ersatz, und der ist heute leicht zu beschaffen, und wenn nicht in freier Natur, dann jederzeit bei Tinder, Parship, Lovescout24 oder Elite Partner.

Ausgewählt wird zum Trost gern das Gegenmodell dessen, mit dem der Traum von der Liebe vor die Wand fuhr. Das ist die eine beliebte Variante.

Eine lange Ehe: Dieses Paar ist 76 Jahre verheiratet – und das ist sein Geheimnis


Liv Tanner, eine in Deutschland lebende Schwedin, hatte einen Partner, mit dem es ausgesprochen leidenschaftlich war – im Guten wie im Schlechten. Der Mann steckte voller Ideen, schnell mal nachts von München nach Venedig brausen, so etwas gehörte dazu, einmal stand der mäßig verdienende Tontechniker mit einem Lamborghini vor der Tür – Tagesmiete: 785 Euro. Im Freundeskreis war er unterhaltsam wie kein anderer. Er liebte Sex und konnte sehr verführerisch sein, gern fing er auch etwas mit anderen Frauen an. Die Zeit mit ihm empfindet Tanner rückblickend als einen einzigen großen Theaterdonner. Sie sehnte sich nach Zuverlässigkeit und Ruhe.

Die Trennung war schwierig. Ein Hin und Her. Schließlich verliebte sie sich – "mehr vom Kopf als vom Bauch her“ – in einen Kollegen. Mit dem zog sie so schnell zusammen, als sei sie auf der Flucht. Das setzte dem Kapitel mit dem dramatischen Mann ein Ende.

Anfangs war Tanner überzeugt, genau den Richtigen gefunden zu haben. Mit ihm lief alles in überschaubaren Bahnen. Doch je mehr sie sich von der alten, aufreibenden Beziehung erholte, desto mehr fehlte ihr die Aufregung. Der Sex kam ihr nun sterbenslangweilig vor. Die Gespräche empfand sie als kleinkrämerisch und fantasielos. Sie vermisste den Zauber, den es mit dem Ex gegeben hatte, so irre der manchmal war. "Ich will ihn nicht zurück“ , sagt Liv Tanner, "aber seine Lebendigkeit fehlt mir sehr.“

"Ich will ihn nicht zurück“

Was für ein Dilemma. Für den Münchner Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer ist das ein Klassiker: Menschen, die mit besonders dramatischen, abenteuerlustigen, sexuell kraftvollen Partnern zusammen sind, sagen sich los, weil das alles so kräftezehrend ist. Und wenden sich erschöpft dem anderen Extrem zu, einem personifizierten Erholungsprogramm. Der nächste Partner ist harmlos, oft sexuell untermotiviert, hat wenig Verbindung mit seiner eigenen Kraft. Wenn eine wie Liv die Situation nicht reflektiert, ist die Gefahr groß, dass das Pendel bald wieder in die andere Richtung ausschlägt, sie sich leidenschaftlich in den nächsten Dramatiker verliebt.

Es ist deshalb wichtig, nach Beziehungen, die nachwirken und so die nächste Liebesbeziehung mitbestimmen, zu ergründen, welche Gesetzmäßigkeiten wirken. Christian Peter Dogs, Leiter der Psychosomatischen Abteilung der Max Grundig Klinik in Bühl, sieht in seinem Beruf viel Leid, das aus schlechten Paarbeziehungen stammt. Er rät seinen Klienten: "Erforschen Sie, warum Sie sich zunächst intensiv von einer Person angezogen fühlen, die Ihnen dann das Leben versaut.“ Die Berliner Psycho- und Paartherapeutin Anita Timpe sagt: "Ich empfehle, sich nach einer Trennung ausreichend Zeit für den Heilungsprozess zu nehmen, um das gekränkte Selbst wieder aufzubauen. Sich die Frage zu stellen, warum man schon bei der Partnerwahl bestimmte Alarmsignale übersehen hat. Wer sich da rückwirkend auf die Schliche kommt, muss in Zukunft vielleicht nicht mehr solche Angst vor bösen Überraschungen haben.“ Liv Tanner hat für sich erforscht, dass sie im Grunde ein sehr schüchterner Mensch ist und es ihr schwerfällt, allein Kreativität und Lebendigkeit zu entfalten. Deshalb findet sie Männer, die ins andere Extrem gehen, so hinreißend. So lange, bis sie sich überfordert fühlt.

Es kann sinnvoll sein, die Erfahrungen mit den eigenen Eltern zu begreifen. Kerstin Roth zum Beispiel hat in ihrer Kindheit wenig Geborgenheit erlebt, sie musste sich vielmehr um die depressive Mutter kümmern – ein Mann, der Fürsorge im Überfluss versprach, setzte ihren Verstand außer Kraft. Darüber denkt sie nach der Erfahrung mit dem Yogalehrer bei einer Psychotherapeutin nach. Bedürftigkeit ist eine schlechte Grundlage für Beziehungen, das beginnt sie zu verstehen. Die trübt den Blick, macht abhängig. Kerstin Roth bemüht sich jetzt, selbst gut für sich zu sorgen. Sie führt dazu ein kleines, gelbes Tagebuch. Jeden Tag soll sie eintragen, was sie für sich selbst getan hat. "Füße hochgelegt, ein Bier getrunken, wohlgefühlt“, steht da zum Beispiel an einem Dienstag.

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In der unbewussten Absicht, es besser zu machen als in der Vergangenheit, schieben manche Menschen jahrzehntelang mit wechselnden Partnern den gleichen schweren Brocken den Berg hinauf. Das ist, nach dem Versuch, den Schmerz mit dem Gegenmodell des Ex zu lindern, die zweite beliebte Variante. Dieser Typ Mensch sitzt der Idee auf, ein großes Problem eines Tages doch noch lösen zu können – statt einfach dorthin zu gehen, wo es dieses Problem nicht gibt. Schmidbauer sagt: "Da kannst du als Therapeut wahnsinnig werden: Eine Frau trennt sich von einem Mann mit einem Alkoholproblem. Zwei Jahre Ruhe. Aber kaum ist sie wieder bei Kräften, verliebt sie sich in einen Mann, der Kokain schnupft.“ Wie kann das sein? Wie kann jemand so blöd sein? Das fragen sich gerade die Menschen aus dem engeren Umfeld, Freunde, die schon beim ersten Drama mitgelitten haben.

Das Programm läuft manchmal so lange, bis man endlich mit allen Sinnen kapiert, dass es die leichtere Übung ist, sich einen Menschen ohne die Probleme des vorherigen zu suchen. Ohne therapeutische Begleitung ist das schwer, gerade wenn es um suchtkranke Partner geht.

Sogar das Schöne, das Herrliche, Helle, die Erinnerung an tolle Zeiten, kann eine schwere Last für neue Beziehungen sein. Bei Menschen, deren Partner gestorben ist, kommt das besonders häufig vor; es fällt ihnen schwer, jemand Neuem eine Chance zu geben. Der Gestorbene wird in Gold gehüllt und zugleich verdrängt, dass es auch mit ihm Alltag und Konflikte gab. Für einen Nachfolger kann es schwer bis unmöglich sein, dagegen anzukommen.

Die Idealisierung kann sich auch auf kerngesunde Menschen beziehen, sie kann dazu dienen, eine Kränkung zu verkraften. Lieber sich selbst kleinmachen und den anderen erhöhen, als die eigene Wut zuzulassen und wirklich Abschied zu nehmen von jemandem, der einem zwar auch schöne, zum Schluss aber scheußliche Zeiten beschert hat: Das steckt meist dahinter.

Sie bleibt für ihn unantastbar

Albert Förster ist Anfang 50. Seine frühere Liebe hat ihn betrogen, hat ihn verlassen, hat ihn ins große Elend gestürzt – für ihn ist sie trotzdem immer noch unantastbar. Die Beziehung ist 25 Jahre her, und sie hielt nur drei Jahre.


Förster lebt gerade in Trennung. Er hat ein Zimmer für sich allein, das die Frau, mit der er seit vier Jahren verheiratet ist, nicht betritt. Das Zimmer hat er mit gerahmten Fotos aus seiner Vergangenheit ausgestattet. Eine Galerie Frauen, 14 an der Zahl, alles seine Verflossenen. Es sei seine Art, sagt er, die Vergangenheit zu betrachten.

Ein Bild zeigt Reneé. Seine Augen glänzen, wenn er von ihr spricht: „Das war die Liebe meines Lebens.“ Hört man Förster erzählen, ahnt man: Es hat viel mit dieser Frau zu tun, dass anschließend eine Beziehung nach der anderen zerbrach, bevor sie wirklich intensiv werden konnte, er auch jetzt wieder getrennt ist von einer Frau, der er immer das Gefühl gab: Sie ist nur zweite Wahl. An Reneé kommt keine heran.

Reneé war einst seine Professorin, eine Französin. Sie 30, er sechs Jahre jünger, er verbrachte 1990 ein Jahr an der Uni in Bordeaux. Er zeigt noch mehr Fotos. Auf einem sieht sie aus wie Audrey Hepburn, raucht mit Zigarettenspitze, lange Beine in kurzen Stiefeln, dicke Perlenkette, glatte, schwarze, glänzende Haare. Sie war, sagt er, sexy und wahnsinnig intelligent, der Star unter den Frauen, alle seien in diese Professorin verknallt gewesen. Sie spielten Tennis miteinander, er war der beste Spieler auf dem Campus, sie wurden bewundert. Er kann über sie sprechen, als sei das alles erst ein paar Wochen her.

Er blieb länger in Bordeaux, sie wohnten in einem Haus am Fluss mit wildem Garten und vielen Freunden, die kamen und gingen, viel kifften und sehr intellektuell diskutierten. Unter diesen Freunden war Reneés Liebhaberin – Albert war lange der Einzige, der das nicht wusste. Er war vernichtet, als sie ihn schließlich verließ und er sich allmählich klarmachte, wie lange er die Hinweise nicht hatte wahrhaben wollen: Er hatte sie vergöttert, sie ihn nicht. Die Kränkung sitzt tief.

Eine narzisstische Persönlichkeit brachte er mit, die dazu beiträgt, dass jemand in dem Gefühl lebt, nur das Allerbeste sei für ihn gut genug: Er ist Einzelkind, aufgewachsen mit zwei ehrgeizigen Ärzten als Eltern, tolles Abitur, Summa-cum-laude-Studium, herausragender Sportler. In das Bild, das Albert von sich selbst hatte, passte Reneé perfekt – nicht aber ihre Art, mit ihm umzugehen.

Albert Förster fiel damals in eine schwere Depression. Er nahm Medikamente, zog nach Paris, trank zu viel, musste in eine Klinik, rappelte sich erst nach Monaten wieder auf – und blieb seinem alten Muster treu. Er machte Karriere, arbeitet heute als Anwalt in einer großen Kanzlei und schützt das Recht auf Privatsphäre von französischen Prominenten, er verdient sehr viel Geld. Nur das Beste ist ihm gut genug.

Seit der furiosen Zeit mit Reneé lebt er bezogen auf die Liebe allerdings mit einem Zwiespalt: An Frauen ihres Kalibers traut er sich nicht mehr heran, so abzustürzen wie damals, das soll ihm nie wieder passieren. Die, an die er sich herantraut – mit zweien war er verheiratet –, sind entweder sehr attraktiv oder sehr erfolgreich, nicht aber beides. Sie reichen nicht aus, seine eigenen Größenfantasien zu befriedigen. Das lässt er sie spüren, so empfindet er es selbst – seit seiner Zeit in Frankreich lebt er mit Frauen, in die er nicht richtig verliebt ist.

Die jetzige ist Leitende Neurologin in einem Krankenhaus, eine freundliche, unauffällige Frau. Sie möchte nicht ausführlich über die Geschichte mit Albert sprechen. Nur so viel: Sie habe erst mit der Zeit gemerkt, dass er sie eigentlich nie an sich heranließ, dass er sie nie wirklich wohlwollend ansah, dass da immer ein Stückchen fehlte.

Eine idealisierte Liebe ist oft nichts weiter als eine Illusion

Sie habe ihn einmal mit einem seiner Studienfreunde über die alten Zeiten sprechen hören. Der Freund habe von Reneé erzählt. Davon, dass sie jetzt mit einem Naturfotografen zusammen sei und ihn zu Expeditionen in Grönland begleite. Albert habe unendlich gequält nachgefragt, ob sie tatsächlich wieder einen Mann liebe. Seine Frau sagt, bei ihr sei in diesem Moment der Groschen gefallen: Niemand würde jemals eine Chance haben gegen diese frühere Liebe.

Eine idealisierte Liebe ist oft nichts weiter als eine Illusion. Aber wie soll man mit all seinen Macken und Alltagsblödheiten mit einer idealisierten Figur konkurrieren?

Miteinander reden, reden, reden, sagen Paartherapeuten. Sich wirklich aufeinander einlassen und kennenlernen, sich durchaus von den Verletzungen aus der Vergangenheit erzählen und auch davon, was einen positiv in den Bann schlug. Über sich selbst sprechen, wie man zu dem wurde, der man ist, angefangen bei der Kindheit. Einfach ist das nicht, denn in intimen Beziehungen lauert immer Rivalität, weiß Wolfgang Schmidbauer. Die Selbstschutz-Sensoren reagieren empfindlich, wenn es um frühere Lieben geht. Wer über seinen Expartner spricht, läuft Gefahr, dass der Neue sich vergleicht und zurückgesetzt fühlt. Oder aber der Blick auf den Partner verändert sich, wenn dieser allzu schlecht über einen Verflossenen spricht. Möglich, dass sich Zweifel einstellen: "Was, du warst mit so einem Vollidioten zusammen? Vielleicht stimmt ja was nicht mit dir?“

Ihre Angst: Ich bin nicht gut genug

Nadine Bergmann und Jakob Santana haben sich erst vor wenigen Monaten in einem Baumarkt getroffen und schockverliebt. Sie sind beide Ende 40, beide tragen Enttäuschungen aus ihren alten, über zehn Jahre währenden Beziehungen mit. Es gelinge ihnen inzwischen gut, sagen sie, miteinander im Gespräch zu bleiben und auseinanderzuhalten, was aus der Vergangenheit stammt und was mit ihrer Liebesbeziehung zu tun hat. Sie bleiben dran, es lohnt sich, auch wenn es wehtut.


Nadine Bergmann lebte mit einem Mann, von dem sie sich nie richtig geliebt fühlte. Alles andere war wichtiger, sein Job, die Kinder, der Garten: "Ich musste mich immer anstrengen, um gesehen zu werden“ , sagt sie, „ich fühlte mich als unattraktive Frau.“

Jakob Santana war mit einer Frau zusammen, für die er sich nie aus vollem Herzen entscheiden konnte. Er habe sich

nach der ersten Verliebtheit einfach nicht mehr von ihr berührt gefühlt. Seine Freundin wollte Klarheit, Familie, sie habe ihn gedrängt, er habe die Zweifel beiseitegeschoben. Schließlich heirateten sie, bekamen ein Kind. Doch bei Jakob blieb das Gefühl, dass ihre Beziehung nicht wirklich stimmte.

Dann war da Nadine, das war ernst, er suchte sich ein Zimmer und verließ seine Familie Hals über Kopf. Jetzt will er alles richtig machen.

Santana sagt: "Ich lasse die Sache ganz langsam angehen.“ Er sichert sich bei jedem Zug ab. Wenn sie sich getroffen haben, lässt er gern zwei, drei Tage verstreichen, geht mit einem Freund aus, sitzt in seinem WG-Zimmer, hört in sich hinein: „Fühle ich mich wirklich richtig mit Nadine?“ Sie braucht dagegen Bestätigung im Überfluss. Nadine würde sich wünschen, dass Jakob mit ihr zusammenziehen will, ihr siebenmal am Tag schreibt, dass sie die Frau seines Lebens sei – das Programm, das sie so lange vermisst hat. Zieht Jakob sich zurück, spürt sie das hässliche Gefühl aufsteigen: "Ich bin nicht gut genug. Er interessiert sich nicht wirklich für mich, er wird mich verlassen.“

Sie gehen am Bodensee spazieren, als sie das erzählen, halten sich an der Hand. Jakob Santana sagt: "Ich bin so angefasst von dieser Frau. Ich finde sie so schön und erotisch. Dieses Gefühl will ich beschützen.“ Nadine Bergmann erzählt, wenn sie ihren Noch-Ehemann treffe, ziehe sich ihr Herz zusammen; da sei so viel Kälte. Wenn sie hingegen Jakob sehe, fühle sich alles warm an. Darauf will sie setzen. Am meisten hilft ihr, Jakob ihre Unsicherheit mitzuteilen und zu merken, dass er nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit ihren Gefühlen sorgsam umgeht.

Liebespaar mit hohem Altersunterschied


Es gibt einen Sinnspruch, der ihr gefällt: "Angst essen Seele auf. Aber Vertrauen frisst Angst.“ Vertrauen frisst Angst! Das hat sie zu einer Art Ex-Faktor-Abwehrmantra erklärt. Ob es wirkt? Nadine behauptet: "Ja.“

* Die Namen aller Protagonisten sind von der Redaktion geändert

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