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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Nach einem schlimmen Unfall ist mein Stiefsohn schwer behindert - wie soll es nun weitergehen?

Manche Momente heben das Leben aus den Fugen. In Julianes Patch-Work-Familie war das der Unfall ihres Stiefsohns. Nun muss sie den Alltag wuppen, während der trauernde Vater sich der Mutter des Sohnes nähert. Dabei leidet auch Juliane selbst.

Eine Krise wie in Julianes Familie stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen (Symbolbild)

Eine Krise wie in Julianes Familie stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Seit 6 Monaten ist bei mir Ausnahmezustand und bin kaputt und verzweifelt.  Zur Vorgeschichte: Vor drei Jahren habe ich einen tollen Mann (Nikolai) kennen gelernt, im Kindergarten. Sein Sohn (Leon) und meine Tochter gingen in eine Gruppe, und wir waren beide von unseren Partnern getrennt. Es begann dann mit ihm eine Beziehung, die ich mir nie erträumt hätte.

Die ersten 2 1/2 Jahren waren so: Wir können gut miteinander reden, der Sex ist zärtlich und leidenschaftlich, immer hält er meine Hand oder ich habe meine Hand in seinem Haar, wir haben großen Respekt voreinander. Und unsere Interessen sind die gleichen, von unserem Spaß am Poetry Slam, Swing Tanzen, Reisen, Fotografieren. Wir waren ein sehr glückliches Paar.

Ende 2017 sind wir dann zusammen gezogen und haben die kinderfreien Zeiten und die Zeiten, bei denen die Kinder bei uns sind, aufeinander abgestimmt. Eine glückliche Patchworkfamilie. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, er liebt meine Tochter und ich seinen Sohn. Sein Sohn  Leon war hinreißend. Dunkle große Augen, dunkelbraune Locken, Grübchen, immer fröhlich und sehr fantasievoll. Ich habe ihn wie einen eigenen Sohn geliebt.

Und dann kam die Katastrophe. Im Januar 2019 hatte Leon einen schlimmen Fahrradunfall. Ein SUV hat ihn beim Abbiegen nicht gesehen und ihn brutal getroffen und überfahren. Nikolai hat den Unfall gesehen. Es war ein riesiger Schock für uns alle. Eine Zeitlang war nicht klar, ob er überleben wird, er wurde in ein künstliches Koma gelegt. Jetzt ist er schwer behindert. Querschnittsgelähmt, sein Gesicht zertrümmert und braucht viele Operationen, um es wieder herzustellen, und sein Sprachzentrum ist schwer beschädigt. Er kann nicht mehr sprechen, sondern sich nur über Laute verständlich machen.

Der Unfall hat alles verändert. Alles kaputt gemacht. Mein Freund ist seit Monaten nicht mehr er selbst. Er ist wie in einem Tunnel, bekommt nicht viel mit, hat sich krankschreiben lassen. Er weint oder zieht sich von allen zurück. Mit mir redet er nicht viel. Nachts weint er oder schreckt aus Albträumen auf. Er trinkt zu viel und verschwindet manchmal, ohne mir Bescheid zu sagen.

Dazu kommt, dass er seiner Ex-Freundin (Leons Mutter) wieder näher gekommen ist. Natürlich ist sie diejenige, die in der gleichen Situation ist wie er und auch geschockt und zerstört ist. Die beiden haben viel zu entscheiden und zu bereden, wechseln sich mit Krankenhausbesuchen ab. Die Versicherung des SUV-Fahrers stellt sich quer und verlangt ein Gutachten nach dem anderen. Es gibt einen Rechtsstreit, der auch sehr anstrengend ist. Ich kann irgendwie verstehen, dass die beiden als Eltern viel teilen müssen. Aber ich frage mich auch oft, warum niemand sieht, dass auch ich in Trauer bin, weil Leon nicht mehr der Junge ist, der er mal war. Ich werde nie wieder sein Lachen sehen und über seine lustigen Einfälle lachen. Das ist auch für mich sehr hart.

Ich finde es schwer, jetzt an mich zu denken in einer solchen Situation, wo Leons Leben zerstört ist und Nikolai den Boden unter den Füßen verloren hat. Aber ich habe auch viel verloren. Meine Patchworkfamilie ist kaputt, ich bin die einzige, die stark sein muss, sich um alle alltäglichen Dinge kümmert, den Haushalt führt, arbeiten geht und Geld verdient, sich um Nikolai kümmert und versucht, ihn aufzumuntern. Meine Tochter ist auch neben der Spur. Sie weint viel und kriegt Wutanfälle, fragt viel nach Leon und hat keine Lust, sich mit anderen Kindern zu verabreden.

Ich möchte für Nikolai da sein und zu ihm halten. Für mich bedeutet eine  Beziehung, dass man auch schwere Zeiten gemeinsam übersteht. Aber manchmal geht auch mir die Kraft aus und ich habe Angst, selbst einen Burn-Out zu bekommen. Ich frage mich oft, wann diese Krise überstanden ist oder ob sie jemals überstanden sein wird. Das macht mir Angst. 

Was kann ich bloß machen? Wie kriege ich wieder einen Kontakt zu Nikolai? 

Herzliche Grüße,  Juliane W.

Liebe Juliane W.,

Es ist erschütternd, was Sie beschreiben. Leons Unfall ist ein harter Schicksalsschlag und so ziemlich das Schlimmste, was einem Kind und dessen Eltern passieren kann. Mein aufrichtiges Mitgefühl!

Ihre neue Familie ist aus den Fugen geraten, und das ist für alle, und natürlich auch für Sie, extrem hart. Ihr Partner ist nicht mehr er selbst, er ist verständlicherweise verzweifelt und depressiv, und hat leider angefangen, zu trinken. Nach sechs Monaten ist das alles noch im Bereich des Erwartbaren nach einer so schweren Krise. Aber es ist dringend an der Zeit, dass er sich Unterstützung holt, damit er nicht seine Kraft verliert und dazu wichtige Säulen in seinem Leben wie die Beziehung mit Ihnen und Ihrer Tochter sowie seinen Arbeitsplatz. Denn wenn es so bleibt, wie es ist, hält die Belastung auf Dauer wahrscheinlich keiner von Ihnen aus.

Es wäre wichtig, dass er dringend mit einer Psychotherapie anfängt (am besten Verhaltenstherapie mit Zusatzausbildung in EMDR für Traumatherapie, da eine Verhaltenstherapie gut in der Gegenwart und am Symptom arbeiten kann). Es klingt so, als wenn Nikolai neben einer Depression auch eine posttraumatische Belastungsstörung hat, da er den Unfall seines Sohnes gesehen hat. Es gibt bei Psychotherapeuten Therapieplätze für akute Krisenintervention und es wäre wichtig, Therapeuten anzuschreiben und gleich die Situation zu beschreiben. Mit dieser Dringlichkeit sollte es einfacher sein, schnell einen Therapieplatz zu bekommen.

Außerdem gibt es Selbsthilfegruppen für Eltern, deren Kinder behindert sind. Auch das ist eine extrem wichtige Unterstützung, da andere betroffene Eltern die Situation besser verstehen und nachfühlen können und wissen, was hilft und was schadet. (Trost ist zum Beispiel etwas, was die meisten Betroffenen nicht ertragen können).

In Nikolais Therapie wäre es sicher empfehlenswert, wenn Sie als Partnerin einbezogen werden. Viele Therapeuten denken systemisch, d.h. sie behandeln nicht nur ihren Patienten, sondern schauen auch, was z.B. eine Depression mit dem Partner macht und wie der Partner unterstützen, aber auch selbst in seiner Kraft bleiben kann.

Ich denke, dass es ganz gut wäre, wenn Sie Nikolai in einem ruhigen Moment sagen, wie es Ihnen geht. Wenn dabei Gefühle hochkommen und Ihnen die Tränen kommen, wäre das nicht schlimm, sondern würde ihre Notlage noch deutlicher zeigen. Sie und Nikolai konnten immer gut miteinander reden und haben sich gegenseitig unterstützt. Deshalb bestehen gute Chancen, dass er Sie versteht, auch wenn es ihm gerade so schlecht geht, dass er in einem Tunnel steckt. Wichtig ist auch, dass Sie ihm zeigen, dass auch Sie in einer Form um Leon trauern. Er war auch Ihnen nahe, nicht nur Nikolai. Das scheint er im Moment zu vergessen.

Wie oft sehen Sie Leon und wie sehr sind Sie beteiligt an seinem jetzigen Leben im Krankenhaus? Es wäre wichtig für Sie, das ganz sensibel auszuloten, wie viel Kontakt Ihnen gut tut. Oft ist es ja verbindend und beruhigend, selbst bei dem erkrankten Menschen zu sein und sich zu kümmern. Dadurch würden Sie vielleicht wieder mehr an Nikolais Seite gelangen, denn im Krankenhaus spielt sich sein Drama ab.

Und ganz wichtig ist, dass Sie sich jede Form von Hilfe und Entlastung holen, die Sie brauchen. Ich würde auch Ihnen dringend eine Psychotherapie empfehlen. Vielleicht können Sie einen ehrlichen Rundbrief an Freunde und Familie schreiben, in dem Sie schreiben, was Ihnen und Ihrer Patchworkfamilie passiert ist und was das bedeutet. Sie können den Alltag beschreiben, die Sorgen, aber auch Ihre Position. Und Sie können genau benennen, was Ihnen jetzt helfen würde und was für Sie eher schwierig ist.

Viele Menschen wissen nach einem Schicksalsschlag nicht, wie sie mit dem Betroffenen umgehen sollen. Manche ziehen sich zurück und wollen nicht stören, machen sich aber täglich Sorgen. Andere haben Angst, zu belastende Dinge zu sehen und zu hören und suchen Abstand. Und andere kommen mit Ratschlägen und gut gemeinten Tipps, Trost oder Mitleid und belasten so ungewollt noch mehr. Deshalb wäre es wirklich hilfreich für Sie und Ihr Umfeld, wenn Sie genau schreiben, was hilft. Zum Beispiel: ich bräuchte eine Freundin, die einmal in der Woche für mich und meine Tochter kocht und mit uns isst. Es wäre schön, sich nur über Alltagsthemen zu unterhalten, damit ich meine Situation vergesse. Oder: Ich brauche jemanden, der mich zum Joggen motiviert und feste Termine mit mir macht, aus denen ich nicht rauskomme. Oder: Christine, du bist immer so einfühlsam. Kannst du dir Zeit nehmen, mit mir zu telefonieren, wenn ich gerade völlig deprimiert bin?

Ich hoffe, dass Sie es schaffen, sich gut um sich selbst zu kümmern. Sehr wichtig ist, dass Sie Ruhe in diesen Krisenzeiten finden. Wie wäre es, wenn Sie mal alles aufschreiben, was Ihnen ruhige Momente verschafft? Zum Beispiel: Eine schöne Serie gucken. Ein kompliziertes Gericht kochen oder einen komplizierten Kuchen backen. Stricken (Muster zum Zählen!). Im Wald spazieren gehen und Fotos machen. So lange schwimmen, bis Sie nicht mehr können. Zwei Regale im Kleiderschrank ausmisten und alte Kleidung auf Ebay verkaufen…

Herzliche Grüße und viel Kraft wünscht Ihnen

Julia Peirano

Wissenscommunity