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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Wir sind als Schwestern sehr eng und belasten einander mit unseren Problemen

Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig viel Rückhalt (Symbolbild)
Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig viel Rückhalt (Symbolbild)
© bymuratdeniz / Getty Images
Schon seit ihrer Kindheit konnten – und mussten – sich die Schwestern Nina und Mara aufeinander verlassen. Doch die enge Bindung und gegenseitige Unterstützung kostet beide auch viel Energie. Wie können sie lernen, auch mal an sich zu denken?

Liebe Frau Peirano,

wir sind zwei Schwestern (Nina, 36, und Mara, 32).  Wir haben eine sehr enge Beziehung, aber wahrscheinlich ist sie eher zu eng. Unsere Mutter war seit unserer Kindheit depressiv. Oft kam sie nicht aus dem Bett oder sie hat nur das Nötigste geschafft.

Nina: Mara tat mir leid. Ich habe mich schon seit ich denken kann um Mara gekümmert, gekocht, sie von der Schule abgeholt und getröstet. Sie ist zum Spielen mitgekommen und ich habe auf sie aufgepasst, weil unsere Mutter im Bett lag.

Als unser Vater sich trennte und zu einer anderen Frau zog, habe ich (Nina) dann einen Job gesucht, obwohl ich gerne studiert hätte. Aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, Mara im Stich zu lassen.

Mara: Nina bekam vor acht Jahren Zwillinge, und da bin ich sehr eingesprungen und habe ihr geholfen. Ich war eigentlich wie eine zweite Mutter, was mich während meines Studiums auch oft überfordert hat. Dann wurde noch Ninas Freund krank, und ich pausierte mein Studium für ein Jahr, um mit den Zwillingen zu helfen und Nina beizustehen.

Wir hatten immer einen sehr engen Draht zueinander und wissen, was die andere braucht. 

Mara: Seit zwei Jahren habe ich Depressionen, und so langsam wird mir klar, dass das mit der Überlastung in den letzten Jahren zu tun hat. Es sind noch viele andere Dinge passiert: In meiner Wohnung hat es gebrannt, unsere Großmutter war pflegebedürftig und ist gestorben, Nina hat Schulden gemacht…

Nina: Ich habe Mara in der Zeit sehr geholfen, in der sie depressiv war. Ich habe versucht, sie aufzumuntern und mit ihr zum Sport zu gehen, sie hat wochenlang bei mir gewohnt.

Jetzt stehen wir beide mit der Erkenntnis da, dass es wohl nicht so gut für uns ist, wenn wir uns immer in erster Linie so stark umeinander kümmern, weil wir beide einfach zu viel Schlimmes erlebt haben und beide selbst wieder auf die Beine kommen müssen. Aber irgendwie spüren wir gegenseitig die Not und versuchen, uns gegenseitig zu schützen, so weit wir nur können. 

Wie können wir denn jetzt aus diesem Muster herauskommen? 

Viele Grüße

Mara und Nina Z.

Liebe Nina Z., liebe Mara Z.,

kennen Sie das Sprichwort "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten"? Es hört sich so an, als wenn Sie beide von früh auf an sehr eng waren, weil Ihre Eltern anscheinend die Elternrolle nicht hinreichend ausgefüllt haben. Sie, Mara, sind als Ältere eingesprungen und haben versucht, Ihre kleine Schwester vor den Lücken und Defiziten zu bewahren, die es mitbringt, wenn die Eltern (oder hier ein depressiver Elternteil) das Kind nicht in die Schule bringen oder es mit Essen, Trost und klaren Strukturen versorgen können.

Mir kommt immer ein Bild vor Augen, um Familien zu beschreiben, in denen ein Elternteil ausfällt. Stellen Sie sich vor, eine Familie geht wandern. Der Vater trägt den schwersten Rucksack, seine Sachen und vielleicht noch das Zelt und das Kochgeschirr, weil er am kräftigsten ist. Die Mutter trägt, was sie braucht, und noch Proviant und Kleidung für alle. Das große Kind kann schon fast alle eigenen Kleider tragen, und das kleine Kind trägt einen Apfel, die Wasserflasche und seinen Teddy. Doch was passiert, wenn der Vater ausfällt? Dann wird die Last umverteilt, und die Mutter und die Kinder werden stärker bepackt. Die Tour wird für alle deutlich anstrengender, und ans unbefangene Spielen ist nicht immer zu denken. Und natürlich muss man sich genau überlegen, was man überhaupt mitnehmen kann, sodass es auch an dem einen oder anderen fehlt.

Bei Ihnen beiden habe ich zwei zarte Mädchen vor Augen, die viel zu schwere Rucksäcke tragen mussten. Und Sie, Nina, haben als die ältere versucht, Mara so viel wie möglich abzunehmen, und daran selber Schäden gelitten. Als Mara dann selbst erwachsen wurde, hat sie versucht, sich zu revanchieren und Sie als große Schwester zu erleichtern. Doch wie man die Last auch immer verteilte: Es reichte hinten und vorne nicht. 

Dann kamen noch die Zwillinge (!) dazu und viele Schicksalsschläge, die zusätzlich Kraft und Einsatz forderten und das Gepäck noch schwerer machten.

Und Sie beide versuchten es mit den altbewährten Methoden: einander zu helfen, einzuspringen, zu teilen – und dabei eigene Belastungsgrenzen beiseite zu schieben. Denn wahrscheinlich war in Ihrer Kindheit keine Gelegenheit, etwas über Belastungsgrenzen zu lernen, wenn man von früh auf zu viel Verantwortung übernehmen muss…

Übrigens arbeite ich in Therapien immer mit zwei Belastungsgrenzen. 

Die eine ist die Wohlfühlgrenze. Zum Beispiel: Ich gehe noch eine halbe Stunde in den Supermarkt, um den Wocheneinkauf zu erledigen, anstatt mich auszuruhen. Das kann ich noch ohne Schmerzen schaffen, aber meine Entspannung und Leichtigkeit wird geopfert.

Die andere Grenze ist die Schmerzgrenze: Ich schleppe mich mit Fieber zur Arbeit, mache jahrelang keinen Urlaub oder stemme trotz Schlaflosigkeit zwei Jobs gleichzeitig. Hier wird es auf Dauer körperlich und psychisch wirklich schädlich.

Meine Empfehlung ist es, die Wohlfühlgrenze wahrzunehmen und einzuhalten, um sich nicht in ein Energiedefizit zu begeben. Denn man braucht ja auch Energie, um die Batterien wieder aufzuladen. Wenn man wirklich erschöpft ist, reicht die Kraft und Zeit nicht, um Sport zu machen, Yoga zu praktizieren, sich mit Freunden zu treffen oder seinen Interessen nachzugehen.

Sie beide fragen sich (und mich), wie Sie aus diesem Kreislauf herauskommen können. Erst einmal finde ich es toll, dass Sie beide sich der problematischen Muster bewusst geworden sind UND dass Sie beide etwas daran ändern wollen (und dass Sie mir sogar gemeinsam schreiben!). Es könnte ja auch sein, dass eine von Ihnen gegen eine Veränderung wäre - und dann würde es Spannungen zwischen Ihnen geben.

Ich rate Ihnen, einen gesunden Egoismus zu entwickeln. Frei nach dem Motto aus dem Flugzeug: Setzen Sie sich erst selbst eine Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen. Sie könnten beide eine Stressbewältigungskurs besuchen (MBSR, steht für mindfulness based stress reduction). Man lernt doch Meditation, Körperwahrnehmungs-Übungen, Dankbarkeit, ein Hineinstürzen in sich. Sie können dann gemeinsam auf dieser Ebene darüber reden, wenn eine von Ihnen Stress empfindet. Und Sie könnten auch gemeinsam meditieren oder ihren Bedürfnissen nachgehen (z.B. Yoga zu machen), wenn eine von Ihnen angespannt ist. Mein Mann und ich haben zusammen einen MBSR-Kurs gemacht, und das ist extrem bereichernd und hilfreich für unser Zusammenleben.

Das Zweite wäre es, wenn Sie beide häufiger laut denken, und zwar immer, wenn Sie Erwartungen Ihrer Schwester (oder der Zwillinge, oder des Umfeldes) wahrnehmen und fast automatisch darauf reagieren. Sie könnten sagen: Mara, ich nehme wahr, dass du erschöpft bist, und ich erwische mich dabei, dass ich dir den Einkauf oder die Zwillinge abnehmen will. Aber ich nehme auch wahr, dass ich selbst Schlaf und Zeit für meine Sport brauche und biete dir das jetzt nicht an. Das Resultat ist zwar das gleiche (ich helfe meiner Schwester nicht), aber durch das laute Denken wird die andere ins Boot geholt und kann die Entscheidung besser nachvollziehen.

Das Dritte wäre, wenn Sie beide etwas praktizieren, bei der jede nur an sich denken darf/kann/muss. Also zum Beispiel Wettkämpfe gegeneinander austragen und es wirklich aufs Gewinnen anlegen. Ich denke zum Beispiel an Tischtennis, Brettspiele, Wettlaufen. Dadurch wird der gesunde Egoismus spielerisch trainiert. Oder nehmen Sie sich doch mal ohne Nachzufragen das letzte Stück Kuchen und üben Sie, dass die andere protestieren muss, wenn sie auch etwas abhaben will. Nur wer Nein sagen kann, kann auch wirklich Ja sagen.

Denken Sie die Hilfeleistungen, die Sie anbieten, auch mal wirklich zu Ende. Wie fühle ich mich, wenn ich jetzt auf meine Pause/mein Wochenende/meinen ruhigen Abend verzichte und helfe? 

Es wird wahrscheinlich ein langer Weg werden, die Muster zu verändern, und es kann helfen, wenn Sie sich dabei familientherapeutische Begleitung holen. Am Besten bei einer Therapeutin/einem Therapeuten, der auch Einzelgespräche anbietet, sodass Sie beide besonders belastende Themen aus dem Rucksack holen können und dort "loswerden" können, ohne dass die Schwester beteiligt ist. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald mit leichterem Gepäck und dadurch unbeschwerterer Gemeinsamkeit durchs Leben gehen können!

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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