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Bildungslandschaft: Deutsche Schulen frühestens in 10 Jahren wieder spitze

Das deutsche Bildungssystem wird nach Einschätzung von Experten voraussichtlich erst im kommenden Jahrzehnt wieder zur internationalen Spitze zählen.

Das deutsche Bildungssystem wird nach Einschätzung von Experten voraussichtlich erst im kommenden Jahrzehnt wieder zur internationalen Spitze zählen. Darauf hat in einem am Interview die scheidende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Hessens Ressortchefin Karin Wolff (CDU), hingewiesen: "Die Wissenschaftler sagen uns, die notwendigen Prozesse dauern zehn bis 15 Jahre."

Allerdings dürfe in der Öffentlichkeit nicht unterschätzt werden, mit welcher Energie nach dem Schock über die internationale Vergleichsstudie Pisa in allen Bundesländern die Erneuerung des Schulwesens voran getrieben werde: "Wir haben in nur 13 Monaten nationale Bildungsstandards erarbeitet und beschlossen", erklärte Wolff: "Das ist ein wesentlicher Schritt."

Eltern sind der Schule gegenüber aufmerksamer geworden

Dazu seien viele weitere Verbesserungen beschlossen oder in Angriff genommen worden: in der frühkindlichen Bildung, bei der Lehreraus- und -fortbildung, bei der Förderung von Migrantenkindern oder Hochbegabten sowie beim Ausbau von Ganztagsangeboten, erklärte die Wiesbadener Kultusministerin: "Hier gibt es eine Beschleunigung, die hoffen lässt, dass wir eben keine zehn bis 15 Jahre warten müssen."

Wolff äußerte sich beunruhigt über die schwindende Zufriedenheit deutscher Eltern mit den öffentlichen Schulen: "In gewisser Weise ärgert mich das schon, denn es steht in keinem Verhältnis zu den Anstrengungen der Länder." Klar sei, dass Eltern der Schule gegenüber aufmerksamer geworden seien.

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz warnte die Eltern davor, die bundesweit rund 900.000 Lehrer für die schwierige Lage des Bildungssystems verantwortlich zu machen. "Der Lehrer muss wieder als Profi geschätzt werden und nicht als Fußabtreter der Nation", erklärte Wolff: "Allen an Schule Beteiligten muss klar werden, dass sie eine gemeinsame Verantwortung für Bildung haben." Auch die Erziehung der Eltern spiele hier eine wichtige Rolle.

"Wir müssen mehr Freiheit geben"

"Ein gutes Schulklima kann nur entstehen, wenn Lehrer und Eltern in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zusammenarbeiten", betonte die CDU-Politikerin. Kinder und Jugendliche müssten merken, dass Schule und Elternhaus sie in ihren Stärken fördern wollen: "Vielfach fühlen sich Schüler aber von Eltern und Lehrern nicht ausreichend unterstützt." Die Wertschätzung von Bildung in den Familien müsse wieder steigen.

Wolff sprach sich dafür aus, den tradierten Fächerkanon in Deutschland zu erhalten. "Wenn sich Länder wie Schweden nur noch auf die Fächer konzentrieren, die bei Pisa abgefragt werden, dann finde ich das auch kein erstrebenswertes Ziel", sagte die Kultusministerin: "Zur Allgemeinbildung gehören auch Musik und Geschichte." Der deutsche Fächerkanon habe sich bewährt.

Künftig größere Spielräume innerhalb eines Schuljahres

Klar sei aber auch, dass den Schulen künftig mehr Spielraum gegeben werden müsse, wie bestimmte Lernziele zu erreichen seien, betonte Wolff: "Wir müssen mehr Freiheit geben." Wenn in einem Schuljahr zwei Wochenstunden Chemie vorgesehen seien, heiße das nicht, dass Chemie jede Woche auf dem Stundenplan stehen müsse: "Es wird künftig größere Spielräume innerhalb eines Schuljahres geben, wie Dinge über Block- oder Projektarbeit zu erbringen sind."

Guido Rijkhoek, AP

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