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Hessen: Politik durch die Bibel-Brille?

Sie ist Theologin, CDU-Mitglied, lesbisch und steht im Verdacht, den Kreationisten nahe zu stehen. Nun hat Hessens umstrittene Kultusministerin Karin Wolff ein Buch veröffentlicht, in dem sie die heutige Jugend und auch manche Eltern harsch kritisiert.

Von Mathias Schlosser

Pandora scheint der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) gleich mehrere Büchsen auf den Schreibtisch gelegt zu haben. Und die Stellvertreterin von Ministerpräsident Roland Koch scheint zu glauben, dass nur sie die Gefäße nach Belieben öffnen und schließen darf. Erst stieß sie mit merkwürdigen Statements eine Kreationismus-Debatte an, wollte dann aber nicht mehr darüber reden. Sie selbst ging mit ihrer Freundin zur "Bild"-Zeitung, wollte nach ihrem Liebes-Outing aber keine Fragen mehr zum Privatleben beantworten. Nun hat sie ihr neues Buch präsentiert und damit vielleicht schon die nächste Büchse geöffnet.

Vor allem das Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen Partnerin hat in der Hessen-CDU für Unruhe gesorgt. Doch selbst Hardliner wie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Hans-Jürgen Irmer, der mit seinen Äußerungen in der Vergangenheit mehrfach Schwulen- und Lesbenverbände gegen sich aufgebracht hat, halten ein halbes Jahr vor der Landtagswahl still.

Fühlt sich gründlich missverstanden

Viele konservative Hessen sind schlichtweg etwas verwirrt, weil für sie das Outing und die Nähe zur biblischen Schöpfungslehre der Ministerin nicht recht zusammenpassen wollen. Damit hatte die 48-Jährige Ende Juni in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die erste Pandora-Büchse aufgemacht. In dem Artikel war nachzulesen, dass die gelernte Religionslehrerin "erstaunliche Übereinstimmungen" zwischen der Evolutionslehre und der Symbolik der biblischen Schöpfungsgeschichte sieht. Im Biologie-Unterricht solle auch über die Grenzen der Naturwissenschaft und über philosophisch-theologische Aspekte gesprochen werden.

Ein Sturm der Entrüstung brach los, waren derartige Einlassungen bisher eher von christlichen Fundamentalisten als von deutschen Kultusministern zu hören. Und erinnerten sie doch an so genannte "kreationistische" Strömungen in den USA, deren Anhänger für eine Gleichbehandlung von Schöpfungsgeschichte und Darwin-Lehre im Schulunterricht kämpfen.

Auch Wolffs Abgrenzungs-Dementis machten die Sache nicht besser, war sie doch schon einmal mit Nachsicht gegenüber derartigem Gedankengut in einer Gießener Privatschule aufgefallen. Die Stellungnahmen brachten außerdem an den Tag, dass in hessischen Lehrplänen längst Sätze stehen wie: "Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen müssen die naturwissenschaftliche Diskussion ergänzen und erweitern." Gleichwohl wehrt sich Karin Wolff dagegen, dass die Dinge in ihrem Ministerium durch die "Brille der Bibel" gesehen werden und fühlt sich gründlich missverstanden.

Ermahnung an das Elternhaus

Dass die Theologin Wolff jenseits der Kreationismus-Debatte dem christlichen Glauben eine zunehmende Bedeutung beimisst, ist aber auch in ihrem Buch "Klasse Schule - starke Kinder" nachzulesen, das sie nun vorstellte. Vor allem mit den drei Seiten zum Thema "Religion" könnte sie die Büchse der Pandora gleich wieder geöffnet haben.

Eltern ungetaufter Kinder werden jedenfalls wenig begeistert sein, wenn Hessens Oberlehrerin behauptet: "Auch das Kind hat ein Recht auf Religion", und ohne Umschweife eine religiöse Erziehung im Elternhaus anmahnt: "Wer ihm (dem Kind, d. Red.) eine religiöse Erziehung vorenthält mit der Begründung, man wolle einer freien Entscheidung nicht vorgreifen, tut in Wirklichkeit genau dies, er prägt einen Weg vor." Auch andere Passagen im Buch lassen tief in die Seele der Ministerin blicken. So beschreibt sie die Leitbilder von Jugendlichen, die ihrer Meinung nach zu viel ferngesehen haben, mit den Worten: "Das wichtigste im Leben sind Geld, schicke Klamotten, schnelle Autos und gestylte Körper. Konflikte löst man mit Gewalt; nur die Dummen halten sich an Regeln."

Wolff will Hessen als Bildungsland Nummer eins

Und über Eltern schreibt die kinderlose Karin Wolff: "Immer wieder sind Eltern zu beobachten, die die elementarsten Regeln erfolgreicher Erziehung verletzen, zum Beispiel die Konsequenz: Wenn das Kind der dritten Auforderung nicht nachkommt, passiert nichts." Der größte Teil des Buches ist jedoch eher eine dröge Beschreibung der hessischen Bildungslandschaft und der Errungenschaften der Landesregierung seit 1999: Karin Wolff hat in Hessen das Zentralabitur eingeführt, lässt Kinder, die kein Deutsch können, nicht mehr in die Grundschulen, hat Millionen für mehr oder minder qualifizierte Hilfslehrer ausgegeben, um den Unterrichtsausfall zu bekämpfen und treibt die Einrichtung von Ganztagsschulen voran.

War sie bei der Einführung von Deutschtests und Deutschkursen im Kindergarten noch bundesweite Vorreiterin, ist ihre Schulpolitik mittlerweile ins Stocken geraten und umstritten, wie die jüngste, hitzige Debatte im Landtag zeigte. Sie selbst sieht Hessen "auf Augenhöhe" mit Bayern und Baden-Württemberg, doch "Augenhöhe" ist ihr nicht genug. Karin Wolff will Hessen zum "Bildungsland Nummer eins" machen. Nach achtjähriger Arbeit hat sie dieses Ziel nach eigener Einschätzung noch nicht erreicht. Trotzdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie auch nach der Landtagswahl 2008 das Kultusministerium in Wiesbaden leiten wird.

Ob ihr Buch, eigentlich eine "Zwischenbilanz", dazu beiträgt, ist jedoch fraglich. Denn die vom Universum Verlag als "Ratgeber" getarnte Eigenwerbung ist keine leichte Lektüre für die Sommerferien und kostet obendrein auch noch 16,80 Euro. Die Frage jedenfalls, für wen sie ihren "Ratgeber" eigentlich geschrieben hat, ließ Karin Wolff bei der Präsentation unbeantwortet.