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HAMBURG: Schreibkrampf

Hamburg-Madrid: Ein Blick in das Innenleben zweier Universitäten

Hamburg-Madrid: Ein Blick in das Innenleben zweier Universitäten

Die Hörsäle dieser Welt gleichen sich auf den ersten Blick wie ein Ei dem anderen. Doch das Leben, das sich in ihnen abspielt, kann sehr unterschiedlich sein - auch innerhalb Europas. Betrachten wir einen Hörsaal der größten Universität Madrids, der Universidad Complutense. 120.000 Stundenten werden hier auf das Examen vorbereitet - eine Massenuniversität wie die Hamburger.

Tatort? - Fachbereich Sprachwissenschaften

Es ist kurz vor 10.00 Uhr, die Studenten warten auf das Eintreffen des Professors. Der Lärmpegel ist groß. Schnell werden vor Kursbeginn noch die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht. Eile ist jedoch keineswegs geboten, denn der Professor wird nicht vor 10.30 Uhr erscheinen. Die Vorlesung hält er seit Jahren, das Programm ist ihm somit bestens vertraut, und um das Seminar abzuhalten wird er nicht die volle Zeit des Kurses benötigen. Da spricht Erfahrung. Oder Langeweile? Das spanische Studiensystem ist nicht auf Diskussionen ausgerichtet. So verändert sich eine einmal gehaltene Vorlesung im Laufe der Semester im Grunde wenig und spielt sich unabhängig von den Seminarteilnehmern ab. Sie ist nicht an individuellen Fragestellungen, Hintergründen und Interessensgebieten orientiert. Ausnahmen gibt es vereinzelt. Sie haben fast innovativen Charakter.

Der spanische Studienalltag besteht darin, Seite um Seite mit den Worten des Professors zu füllen. So können die Studenten im Verlauf des Semesters ein umfassendes Verlaufsprotokoll erstellen, mit dessen Hilfe die Klausur bestanden werden kann. Einziges Ziel der Veranstaltung scheint es nämlich zu sein, in Windeseile möglichst viel Theorie auswendig zu lernen, um sie im gegebenen Moment replizieren zu können.

Textarbeit? - Ein Fremdwort

Und der deutsche Gaststudent ertappt sich zunehmend dabei, die zuvor ungeliebte Form der Referate zu vermissen. Bringen sie doch Schwung und Abwechslung ins Seminarwesen und fördern eine eigenständige, wissenschaftliche Arbeitsweise und die Fähigkeit, kritisch Positionen zu hinterfragen. Reformen werden hier wie in Deutschland heftig umkämpft. An grundsätzlichem Reformwillen fehlt es nicht, doch scheinen die Vorschläge der Regierungen an den Wünschen der Betroffenen vorbeizugehen.

Da drängt sich schließlich die Frage auf, was wir vom spanischen Bildungsstil lernen können? Aus Sicht einer Studierenden fehlt es in Deutschland oft an Überblicksveranstaltungen. In Spanien dagegen fehlt es an Spezialisierungen: Ganze Jahrhunderte werden in einem Seminar abgehandelt. Ließe sich bewährtes beider Systeme nicht sinnvoll miteinander verbinden?

11.30 Uhr. Die Vorlesung ist zu Ende. Der Professor verlässt den Raum, die Studenten legen den Stift aus der Hand. Bilanz für heute? Acht Seiten eng beschriebenes Papier. (mw)

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