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Facebook-Post: Hebamme rät: An Ostern bloß keine Kinder zeugen!

Muss man sich via Facebook jetzt sogar in die Familienplanung reinreden lassen? Der Tipp einer Hebamme, an Ostern besser kein Kind zu zeugen, liest sich so. Doch der Hinweis hat einen durchaus ernsten Grund.

Hasen beim Sex

Sex an Ostern - laut Hebammen ist das für Paare mit Kinderwunsch keine gute Idee. Und das hat seinen Grund.

Keine Lebenslage, für die es keine ungebetenen Ratschläge aus dem Netz gibt. Viel diskutiert wird derzeit der über Facebook verbreitete Hinweis einer Hebamme aus dem Ruhrgebiet: "Sie wünschen sich ein Kind? Trotzdem sollten Sie (...) bis ungefähr nach Ostern besser verhüten", schreibt Christine Niersmann in ihrem Post. Wie bitte?

Was sich auf den ersten Blick reichlich übergriffig liest, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Christine Niersmann sorgt sich um die Gesundheitsversorgung in der Geburtshilfe. Diese sei schon heute nicht mehr flächendeckend gewährleistet. Grund: der akute Hebammen-Mangel in . "Das ist kein Scherz", betont die professionelle Geburtshelferin auf ihrer Facebook-Seite. "Schon jetzt sind die Zustände alles andere als rosig. Aber über die Weihnachtszeit und Silvester wird es sicherlich schlimmer."


Hebamme gesucht an Weihnachten? Aussichtslos!

Konkret gesagt: Wer in diesem Jahr an Ostern ein Kind zeugt, braucht an Weihnachten oder Neujahr Beistand bei der Geburt. Doch die wird dann kaum zu kriegen sein.

Wie kommt die 54-Jährige zu ihrer Einschätzung? "40 Prozent der Geburtsstationen haben zugemacht", erläutert sie in einem Interview mit der "Welt". "Die restlichen Kliniken müssen das auffangen", doch weder das Personal noch die vorhandene Infrastruktur reichten dazu aus. Schon seit geraumer Zeit gibt es den Trend, dass Hebammen ihren geliebten Beruf aufgeben. Die Überlastung sei einfach zu groß geworden. Und die noch Aktiven schieben einen enormen Berg an Überstunden vor sich her, so Niersmann.


Viele Kliniken haben keine Geburtsstation mehr

Die Kommentare zum Facebook-Post bestätigen die Aussagen der erfahrenen Hebamme. "Ich bin für das Jahr 2017 komplett ausgebucht. Ich habe gestern den letzten freien Platz vergeben", heißt es da beispielsweise. Oder: "Ich hatte heute die erste Anfrage für für Mitte/Ende November, sage aber mindestens 4-5 Frauen pro Woche für den Sommer ab, da ich voll ausgebucht bin."

Die objektiven Zahlen zu dem spüren Missstand: Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2002 bundesweit 8559 , 58 Prozent davon arbeiteten allerdings in Teilzeit oder "geringfügiger Beschäftigung". 2015 gab es zwar mit 9081 etwas mehr Hebammen in Deutschland, doch der Anteil an Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigung war auf 72 Prozent angestiegen. Im selben Zeitraum ging die Zahl der Krankenhäuser, die die Geburtshelferinnen fest anstellen, von 761 auf 542 zurück - ein Rückgang um 29 Prozent. Die Folge: Etliche Kliniken haben gar keine Geburtsstation mehr.

Baby-Boom trifft auf Kreißsaal-Krise

Besonders fatal an dieser Situation: Nach langer Zeit erlebt Deutschland gerade wieder einen Baby-Boom. Zuletzt wurden hier zu Lande so viele Kinder wie seit 30 Jahren nicht mehr geboren. Unser Gesundheitssystem ist darauf in keiner Weise vorbereitet. Im Gegenteil. Zudem machte das Bundesgesundheitsministerium gegenüber dem ARD-Magazin "Kontraste" erst vor wenigen Tagen klar, dass für die Arbeitsbedingungen der Hebammen allein die Kliniken zuständig seien.

Christine Niersmann drückt aus ihrer Erfahrung heraus noch deutlicher aus. An Feiertagen sind auch viele Hebammen bei ihren Familien, in den Kliniken arbeiten Notbesetzungen. Trotz allen Engagements gilt dann, so Niersmann: "Wer um die Stoßzeiten wie Weihnachten oder Silvester kriegt, der begibt sich in ein Krisengebiet." Dagegen hilft im Moment nur: Verhütung an Ostern.


dho

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