HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

H. Hell: Was ich über Sex gelernt habe: "Verzeihung, darf ich dich füttern?"

Während ihres Indienurlaubs ist unsere Kolumnistin in die Fänge eines irren Feeders geraten. Motto: Lass mich dich mästen, mon amour!

Mann füttert Frau

"Probieren kannst du doch wenigstens": Henriette Hell bekommt es im Indienurlaub mit einem irren Feeder zu tun

Picture Alliance

Ich treffe Harry Feldman in einem gewöhnlichen Cafe in McLeod Ganj, ein kleines Bergdörfchen im Himalaya. Das erste, was ich von ihm wahrnehme, ist seine unerhört laute, nuschelige Stimme..

"Über was schreibst du denn da?", blökt es in breitem amerikanischen Akzent von hinten in mein rechtes Ohr. Eine Art Überraschungsangriff. Ich drehe mich entsetzt um und blicke geradewegs in das gebleichte Grinsen eines grauhaarigen Mittsechzigers. Ein kleines Käppchen ziert sein Haupt. Er scheint Jude zu sein. "Hi! My name is Harry, Harry Feldman. From New York City. What’s your name?"

Zögerlich nenne ich meinen Vornamen. Was ist das denn für einer?! Harry Feldman redet so laut, dass der ganze Laden zu uns rüberstarrt. Er scheint schwerhörig zu sein.

"Blaaaaa blaaaa blaaaaaaaaaa....", liest er nun laut vor, was er in deutscher Sprache auf meinem zu lesen glaubt. Und kommt sich dabei wahnsinnig originell vor. "Amazing, ich liebe die deutsche Sprache!" Aha.

"Pssssssssttt!", mache ich zu ihm. Soll schließlich nicht der ganze Laden hören, woran ich gerade arbeite, ist nämlich reinzufällig eine Kolumne über Sex. An einer Stelle kommt das Wort "Blowjob" vor.

"Heilige Gottes Maria und Josef im Himmel. Das klingt ja heiß, sehr, heiß, Sweetheart!" Harry ist mit seinem Stuhl nun bis auf wenige Zentimeter an den meinen herangerutscht. "BLOOOOWJOB – that’s my language", freut er sich.

"Sag mal, darf ich dir vielleicht ein Stück meines Käse-Tomaten-Sandwiches anbieten? Schreiben macht hungrig! Das weiß ich, ich habe früher selbst mal Gedichte geschrieben. Auf dem College. Für die Girls."

Nein, danke. Bin noch bei Kaffe und Kuchen.

"Schreibst du ein Reisetagebuch?", fragt Harry neugierig.

"Nee, ich mache das hauptberuflich. Für Magazine und so."

"Nicht dein Ernst?!"

"Doch. Ich bin Autorin."

"Aber was machst du sonst noch?"

"Nichts!"

"Du willst mir erzählen, die Sachen, die du hier in einem Cafe am Arsch der Welt schreibst, werden tatsächlich irgendwo veröffentlicht?" Boah, hatte der Heini noch nie was von Inspiration tanken gehört?

"Logisch wird das veröffentlicht. Damit verdiene ich mein Geld!"

"Oh Gott, bist du etwa berühmt?"

"Nicht wirklich."

Unangenehme, laute Labertasche

"Also sitze ich hier mit einem echten VIP!" Harry steht nun tatsächlich von seinem Stuhl auf. "Hey, Leute, hört mal alle her - die Kleine ist ein Star! Sie veröffentlicht Artikel in Magazinen!" Vor lauter Scham bin ich mittlerweile so rot wie die Tomaten auf Harrys Sandwich. Zum Glück ignorieren ihn die anderen Gäste weitestgehend. Nur zwei Mönche kommen aus dem Kichern nicht mehr heraus. Ein Kellner zuckt hilflos mit den Schultern. Genervt wende ich mich wieder meiner Kolumne zu, die ich heute noch verschicken muss. Aber mehr als zwei Worte schaffe ich nicht zu tippen.

"May I ask you a question, ", grölt Harry wieder von hinten. Oh man, ey, der merkt echt gar nichts.

"Äh, ja?", stoße ich hervor.

"Ich habe mich gerade gefragt ... Gibt es eigentlich vegetarischen Säuoooorbräääätoooon?"

Hä?

"Süüüühhhhööörbraaaaaaatääään. Das ist das einzige deutsche Gericht, das ich kenne. Meine Mutter hat es immer für mich gekocht."

"Nie gehört."

"Doch, Sääääääooooorbraaaaatüüün."

"Ah, Sauerkraut! Natürlich ist das vegetarisch."

Harry holt tief Luft. "Nein, nicht Sauerkraut. Sääääoooorbraten."

"Achso, Sauerbraten! Äh, ja, nee, das gibt‘s nicht in vegetarisch."

"Aus Tofu maybe?"

"Ganz sicher nicht. Und wenn doch, dann würde das mit Sicherheit keiner essen wollen. Klingt ja eklig."

Harry steigert sich in einen mittelschweren Lachanfall hinein.

"Stell dir mal vor, das würde einer im Restaurant fragen: Haben Sie auch vegetarischen Sauerbraten? Hahaha, den Gag könnten sie im Fernsehen bringen, oder? Ist doch gut, oder? Hahaha!"

Hehe. Ja. Ich wende mich seufzend wieder meiner Arbeit zu. Wenn ich eins nicht mag, dann aufdringliche, unangenehm laute Labertaschen.

"Well, Henriette, ich will mir noch ein indisches Curry mit Reis und Brot bestellen. Wollen wir uns das vielleicht teilen?" Demonstrativ schieb ich mir eine Gabel mit Schokoladenkuchen in den Mund. "Ich bin noch bei Kaffee und Kuchen."

"Oh, well, aber probieren kannst du doch wenigstens."

"Ich bin satt. Danke."

Zu höflich, um Harry zu ignorieren

Ein junges Paar betritt das Cafe. Harry brüllt von ganz hinten. "Hey, how are you guys? My name is Harry Feldman from New York City! Wanna join me?" Zögernd geht das Paar auf ihn zu. Es ist völlig klar, sie sind zu höflich, um ihn zu ignorieren. Harry Feldman fordert sofort nach zwei, drei Gesprächsfetzen direkt deren Telefonnummern, Mail-Adressen und Freundschaftsanfragen bei Facebook ein. "To stay in touch!" Nach zehn Minuten ergreifen sie die Flucht.

"Henriette, do you like food?"

Was ist das denn für eine Frage. "Ja. Klar."

"Oh, good. I dont‘t know why – but I LOVE to feed women!"

Hä?

"Ja, ich weiß, eigentlich kümmern sich eher die Frauen darum, dass ihre Männer satt werden. Aber bei mir ist es umgekehrt. I can‘t help. So here, try it!" Harry stellt mir einen Teller mit einer großzügigen Portion Linsencurry vor die Nase und will mir allen Ernstes einen Löffel von dem Zeug in den Mund schieben. WTF?! "Nein, äh, NEIN! Im Moment habe ich noch keinen Hunger. Vielleicht später, muss arbeiten … Bin etwas unter Zeitdruck."

"Perfekt! Was gibt es Schöneres, als zu schreiben und nebenbei zu naschen, oder? Weißt du, ich bin im Grunde auch Schriftsteller. Als ich auf dem College war, habe ich Gedichte geschrieben. Für Frauen. Ich glaube, eins kann ich sogar noch auswendig:

Oh beautiful flower ... Komm in meinen Garten der Lust und lass dich von mir düngen …", palavert Harry Feldman, immer noch mit dem Löffel voll Linsencurry in der Hand.

"Harry, bitte ..."

Aber er macht weiter: "In meine Gießkanne habe ich heimlich Aphrodisiakum gemischt, um dich zu bezirzen, my love."

"Harry, das ist ... grotesk!"

"Nicht wahr?" Ein freudiges Glucksen entfährt seiner Kehle.

"Nun probier doch wenigstens EINMAL", fleht mich Harry Feldman mit leidigem Blick an. Sein benutzter Löffel schwebt nun wenige Zentimeter vor meiner Nase – direkt über meinem iPad. Nicht sein Ernst?! Verzweifelt öffne ich meinen Mund, ehe das matschige Zeug Schaden auf meiner teuren Technik anrichten kann. Und schwupps, ist das Ding drinnen.

"Haps!", macht Harry.

Ich kaue.

"Jaaaa!", stöhnt mein irrer "Feeder" erlöst. "Das ist gut, oder?"

"Mmmmmmmmm!", mache ich. Es schmeckt scheiße.

"Oh, Henriette, you made my day! Ich liebe es so sehr, Frauen zu füttern. Gut, meine Ex-Frau sagt, ich würde es damit übertreiben ... Aber wer braucht die schon? Jetzt habe ich ja dich! Sweetheart, darf ich dich morgen zum LUNCH einladen?"

Harry Feldman schaut mich mit weit aufgerissenen, hoffnungsvollen Augen und gezücktem iPhone an. "Deine Nummer, bitte?"

Ich gebe sie ihm. Mit einem Zahlendreher, versteht sich.

Allleinreisende Frau im Flugzeug

Wissenscommunity