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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Traue keinem Paar, das öffentlich knutscht!

Küsse in der Öffentlichkeit sind immer bedeutungslos. Was zählt ist, wie ein Paar hinter verschlossenen Türen miteinander umgeht, findet Henriette Hell.

Knutschen fürs Handy

Verliebte Küsse – wenn grad kein Publikum da ist, tut's auch ein Selfie für Facebook

Letzte Woche haben sich Susi und Jens getrennt. Das war für die gesamte Clique ein riesiger Schock. Gerade waren sie noch zusammen auf Sylt gewesen und hatten ohne Ende kitschige Selfies mit Hashtags wie #love #sektfrühstück #sunset #happy #aperolspritz #bestholidayever gepostet. Dabei wären #totalimarsch, #allesfake #nurnochhass wohl passender gewesen!

"Wir haben uns nur gestritten. Jens ist sogar aus dem Hotelzimmer ausgezogen und hat freiwillig im Auto geschlafen", gestand mir Susi und ich konnte es kaum fassen: "Aber ihr habt doch ständig geknutscht und euch gesagt, dass ihr euch liebt!2

Susi seufzte. "Wir haben vor Freunden schon lange nur noch so getan als ob. Beziehungskrisen sind einfach unsexy. Sonst läuft ja alles prima bei mir und ich wollte auch weiterhin von allen um mein tolles Leben beneidet werden, verstehst du? Und nicht wie eine Versagerin dastehen. Nicht mehr mit 38."

Keiner will der Liebestrottel sein

Ich konnte Susi in Ansätzen verstehen. Eine glückliche Beziehung, die bestenfalls ein tolles Sexleben beinhaltet, ist in unserer von Depressionen verseuchten Gesellschaft mittlerweile zum wichtigsten Statussymbol aufgestiegen. Keiner jenseits der 30 hat Lust, sich jetzt doch noch oder schon wieder bei Tinder anmelden zu müssen. Keiner will als Liebestrottel bemitleidet werden. Also ist bei Treffen mit Freunden, auf Familienfesten und in den sozialen Medien SHOWTURTELN angesagt. Mit dem Mensch, der halt gerade da ist.

So war das wohl auch bei Taylor Swift und Calvin Harris. Die beiden Musiker galten mit ihren insgesamt fast 100 Millionen Followern als DAS Instagram-Traumpaar und inszenierten sich dort auch regelmäßig knutschend, turtelnd, totaaaal happy vor Traumkulisse. Jetzt haben sie sich getrennt – und die Fans drehen durch: "Das darf nicht wahr sein! Die waren doch so verliebt!"

Nö, waren sie eben nicht. Denn eine Sache, die ist aus meiner Sicht so sicher wie das Amen in der Kirche: Paare trennen sich niemals überraschend. Und noch viel wichtiger: Küsse in der Öffentlichkeit sind immer bedeutungslos. Was wirklich zählt, ist wie ein Paar hinter verschlossenen Türen miteinander umgeht. Was – im Fall von Susi und Jens – nach dem Selfie im Hotel passiert ist. Nämlich nichts! Weil Jens Susi schon lange nicht mehr richtig ansieht und froh war, als er im Hotel endlich die Glotze anstellen konnte, während Susi unter der Dusche von heißem Sex mit dem Rezeptionisten träumte.

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