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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Verkatert und im Schlabber-Pyjama – dann springen die Kerle auf mich an

Lasziv auf dem Barhocker wippend, kann ich einsam an der Olive lutschen, bis ich schwarz werde. Schlurfe ich unausgeschlafen im Penner-Look zum Imbiss, flippen die Männer aus. Was ist los mit euch?

Umso derangierter die Frau - umso mutiger werden die Männer.

Umso derangierter die Frau - umso mutiger werden die Männer.

In der Regel gehe ich im Alltag schon halbwegs anständig angezogen und frisiert aus dem Haus. Aber manchmal, da wirft einen der fünfte Cocktail eben aus der Bahn und am nächsten Tag ist einem egal, wie man aussieht. Allerdings nur bis zu jenem Zeitpunkt, an dem einem der fiese Ex-Lover oder ein Vorgesetzter über den Weg laufen. Topgestylt trifft man NIE jemanden. Höchstens die eigene Oma.  

Letzten Sonntag war ich schlimm verkatert und wollte bloß eins: Elektrolyte. Im Zombiemodus griff ich nach bequemen Klamotten, die gerade so herumlagen: schwarzer Kapuzenpullover, abgewetzte Lederjacke, schwarzes Cap (um meine verfilzte Friese zu kaschieren), darüber die Kapuze. Meine Schlafanzughose ließ ich einfach an. Dazu Gummistiefel und Sonnenbrille aufsetzen (statt Augenringe wegschminken). Mein Portemonnaie schmiss ich in einen zerknitterten Jutebeutel von Lidl. Final musste ich also ausgesehen haben wie eine Mischung aus Obdachlosem, Krabbenfischer und Autonomem.


Auf dem Weg durch die belebte Fußgängerzone meines Viertels bemerkte ich, dass mich einige Leute irritiert musterten. Hatten die etwa ... Angst vor mir?! In jedem Fall war nicht von der Hand zu weisen, dass ich auffiel. Beschämt schaute ich zu Boden. Schnell irgendwo Tom-Kha-Gai holen und zurück ins Bett.

Mist, die Chefredakteurin

Dann, beim Asia-Mann, der Schock: Vor mir in der Schlange stand die perfekt manikürte Chefin eines Modemagazins, für das ich ab und zu schrieb. Ich lächelte sie zur Begrüßung tapfer an. Aber sie schaute durch mich hindurch, musterte mich bloß abschätzig von der Seite (so nach dem Motto: "Herrje, wie kann man bloß derart die Kontrolle über sein Leben verlieren?!") und schien mich tatsächlich nicht zu erkennen. Okay, dachte ich, sagste halt auch nichts. Ersparen wir uns beiden diesen peinlichen Moment. Und so geschah es dann auch.

Als ich den Laden mit meinem Essen verließ, prallte ich fast mit einem Fahrradfahrer zusammen. Oh, no. Der Typ mit dem ich vor Monaten mal geknutscht und der sich danach nie wieder bei mir gemeldet hatte. Na, toll. " ? Ey, Henriette, warte doch mal. Bist du das?!" Nö, war ich nicht. Zumindest nicht heute. Nicht in diesem Aufzug! Eilig stapfte ich davon. Ich hörte noch seine Rufe: "Lass uns doch mal wieder was trinken gehen!" Pfff.

Hektisch nahm ich eine Abkürzung durch den Park. Dort kam ein Hund auf mich zu gerannt, den ich nur allzu gut kannte. Der Köter meines heißen Nachbarn! Selbiger begrüßte mich direkt mit Küsschen und lud mich spontan auf einen Kaffee ein ...


Die Männer drehen auf

Echt merkwürdig: Wenn ich mich (für meine Begriffe) hot hot hot zurechtgemacht habe, werde ich fast nie angesprochen. Da kann ich lasziv auf dem Barhocker sitzen und an meiner Olive lutschen bis ich schwarz werde.

Latsche ich hingegen in Schlabbershirt durch den Baumarkt, gehe ich am Ende mit drei Telefonnummern nach Hause.

Vielleicht fühlen sich beim Flirten sicherer, wenn die Frau nicht darauf vorbereitet ist, angesprochen zu werden und eher "normal" aussieht – weil das ihre Erfolgschancen erhöht. Auch mögen sie vielleicht denken: So eine femme fatale, die kriegt bestimmt ständig zu hören, wie sexy sie ist. Von wegen!

Mein Rat lautet daher: Ran an den Speck, wenn er verführerisch aussieht. Flirts an der Käsetheke haben mich schon immer eher nervös gemacht. Ich fühle mich dann nackt, überrumpelt, werde rot und fange an zu stottern.


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