HOME

Interview: Mehr Qualität, aber weniger Mittel

Eva-Maria Stange kritisiert die Unfähigkeit der Kultusministerkonferenz, die Bildungsstandards der Bundesländer anzugleichen.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat erste Entwürfe für Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss (Mittlere Reife) vorgelegt. Diese sollen am 4. Dezember verabschiedet werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält die Entwürfe allerdings für unzureichend.

AP: Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass zwischen den Bundesländern ein starkes Ungleichgewicht im Leistungsstand der Schüler besteht. Können Bildungsstandards da weiterhelfen?

Stange: Das Problem liegt darin, dass es der KMK in 50 Jahren nicht gelungen ist, eine Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern herzustellen. Wir haben 16 verschiedene Schulsysteme, 16 verschiedene Strukturen und tausende Lehrpläne. Im Leistungsniveau gleichaltriger Schüler gibt es Unterschiede von bis zu zwei Schuljahren. In einem föderalen System muss es mehr Vergleichbarkeit geben, was andere Länder wie etwa Kanada sehr gut geregelt haben. Dazu können Bildungsstandards ein Instrument sein, wenn sie in allen Ländern Gültigkeit entfalten und nicht durch föderale Regelungen wieder ausgehebelt werden.

AP: Was läuft in Kanada besser als bei uns?

Stange: In Kanada gibt es verbindliche nationale Regelungen, die in den zentralen Kompetenzbereichen beschreiben, was Schüler am Ende ihrer Schulzeit können sollen. Und es gibt eine nationale Evaluierungsagentur, die überprüft, dass diese Standards von den Ländern eingehalten werden. Das ist das zweite wichtige Instrument, das in Deutschland noch fehlt.

AP: Wie sollte nach Ansicht der GEW ein sinnvolles System von Bildungsstandards konzipiert sein?

Stange: Zuallererst müssen Bildungsstandards eingebettet sein in ein national gültiges Qualitätskonzept und vor allem in ein gesellschaftliches Konzept von Bildungszielen. Also: Was soll Schule überhaupt erreichen, egal ob in Brandenburg oder in Bayern. Dazu gibt es derzeit keinen gesellschaftlichen Konsens. Bildungsstandards selbst sollten beschreiben, was Schüler mindestens können sollen in zentralen Kompetenzbereichen.

AP: Wie könnte das aussehen?

Stange: Ein ganz zentraler Kompetenzbereich ist die Lesefähigkeit. Schüler sollten am Ende ihrer Schulzeit Texte nicht nur lesen können, sondern aus Texten auch Informationen entnehmen und sich bis zu einem bestimmten Grad sprachlich ausdrücken können. Entsprechend heißt mathematische Kompetenz nicht einfach, dass Schüler rechnen können. Schüler sollten etwa, wenn sie die Schule verlassen, in der Lage sein, ein einfaches Diagramm in einer Zeitung zu verstehen und zu lesen, was dahinter steckt.

AP: Wie zufrieden ist die GEW mit den ersten Entwürfen der KMK?

Stange: Wir sind momentan noch gar nicht zufrieden, da die derzeit vorliegenden Bildungsstandards von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Diejenigen für die erste Fremdsprache haben bereits ein relativ hohes Niveau, weil sie sich an einem europäischen Referenzrahmen orientieren. Allerdings würden diese Standards eine vollkommene Veränderung unserer heutigen Unterrichtspraxis bedeuten. Es steht dann nämlich nicht mehr die Grammatik im Vordergrund, sondern das Nutzen und Anwendenkönnen einer Fremdsprache. Sehr unzufrieden sind wir mit den Bildungsstandards in Mathematik und vor allem in Deutsch. Aus unserer Sicht müssen sie noch grundlegend überarbeitet werden, weil sie einfach nur ein Zusammenschreiben der heutigen Lehrplan-Praxis darstellen, sich aber nicht an Kompetenzen orientieren.

AP: Wie optimistisch sind Sie, dass die grundlegenden Probleme des deutschen Schulsystems tatsächlich gelöst werden?

Stange: Wir haben zum einen eine absolute soziale Ungerechtigkeit im Bildungssystem, Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien werden stark benachteiligt. Und wir haben ein Leistungsproblem: Unser Bildungssystem schafft es nicht, ein hohes Bildungsniveau für die Mehrheit der Schüler und im Durchschnitt zu garantieren. Wir werden diese beiden Probleme nicht im Hauruckverfahren und nicht mit Aktionismus lösen können, sondern nur mit grundlegenden Veränderungen im Bildungssystem. Und die brauchen Zeit. Man geht davon aus, dass solche Änderungen erst in frühestens zehn Jahren Erfolge zeigen können. Das heißt nicht, dass man erst in zehn Jahren damit anfangen kann, man muss heute beginnen.

AP: Ist die Bereitschaft dazu da?

Stange: Zumindest die Lehrer drängen auf Veränderungen. Allerdings kann das nicht heißen, dass das zu Lasten der Arbeitsbedingungen geht. Wir haben heute eine Art Schizophrenie in der politischen Diskussion: Auf der einen Seite werden grundlegende Veränderungen gefordert, auf der anderen Seite werden die Mittel dafür immer knapper. Wir haben Jahr für Jahr immer weniger finanzielle Mittel für die Ausstattung der Schulen zur Verfügung, und das geht zu Lasten der Arbeitsbedingungen der Lehrer und zu Lasten der Lernbedingungen für die Schüler.

Wissenscommunity