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Katharina sucht ihre Mutter: Eine Zeit des Wartens und Hoffens

Katharina ist ein Findelkind. Mithilfe des stern sucht sie seit vier Wochen ihre Mutter. Nun erzählt sie, was bis jetzt passiert ist und wie sie die Zeit der Suche erlebt.

Vor drei Wochen erschien im stern eine Geschichte über mich: Ich bin ein Findelkind, im August 1983 wurde ich ausgesetzt auf einer Mülltonne in Seestermühe, einer Gemeinde im Nordwesten von Hamburg. Das ist alles, was ich weiß. Jeden Tag frage ich mich, wer meine Eltern sind. Ich denke mehr an meine Mutter als an meinen Vater. Warum gab sie mich weg? Warum - das war schon immer meine größte Frage. Nun sind andere Fragen hinzugekommen: Wird sich meine Mutter melden? Hat sie mich im stern gesehen?

Ich habe mich zu dem Aufruf entschlossen, weil er die einzige Chance ist, Antworten zu bekommen.

Am 20. Februar, als der Artikel erschien, war ich abends zu Gast bei "Beckmann". Ich fuhr mit Freunden zu der Aufzeichnung, und für einen Moment wünschte ich mir, dass wir auf dem Weg zur Nordsee sind. Als wir im Fernsehstudio ankamen, musste ich sofort eine rauchen, um mich zu beruhigen. Ich fragte mich: Was mache ich eigentlich hier, ich Würstchen? Ehrlich, ich wollte nur verschwinden. Dann sagte mir: Es hat einen Sinn, ich will ja, dass sie mich sieht!

Ich wurde hingelegt, nicht entsorgt

Kurz bevor es losging - links von mir saß Reinhold Beckmann, rechts mein Adoptivvater, neben ihm Peter Maffay -, war mein Kopf leer. Ich wusste nicht einmal mehr, wann ich Geburtstag habe. Während der Talkshow dachte ich nicht daran, ob mich meine Mutter sieht, erst danach. Wenn, muss sie den Schock ihres Lebens bekommen haben!

Auf der Facebook-Seite des stern wurde sie leider von vielen verurteilt: In den Kommentaren hieß es immer wieder, dass ich entsorgt wurde, wie Müll, dass man so eine "Mutter" nicht kennenlernen sollte. Das ist aber falsch. Ich wurde nicht entsorgt, nicht in den Müll geworfen, ich wurde auf den Deckel einer Mülltonne vor ein Wohnhaus gelegt: hingelegt, um gefunden zu werden.

Eine Frau schrieb mir über meine Mutter: "Sie hat dich bejaht, indem sie dich zur Welt gebracht hat. Wie viel Verzweiflung, Trauer und Ratlosigkeit muss in ihr gewesen sein." So sehe ich das auch. Wenn sie mich hätte töten wollen, dann hätte sie mich in den Wald legen können, wo mich keiner sieht.

Andere Findelkinder meldeten sich

Ich bekam auch eine Mail von einem Mann, selbst ein Findelkind. Er schrieb, dass er "nach 25 Jahren durch Glück alle Fragen beantwortet" bekam. Was das heißt, weiß ich noch nicht, aber ich will ihn bald treffen. Er ist einen Schritt weiter als ich, und ich würde ihn gerne fragen, was das für ein Gefühl ist.

Wenn ich mir vorstelle, wie es sein wird, meiner Mutter zu begegnen, sehe ich meine Freundin, wie sie in den Raum vorgeht, in dem meine Mutter ist, wieder herauskommt und mir sagt, wie sie ist. Das ist alles, weiter denke ich nicht: Ich kann mir ja kein Bild von ihr machen, sie ist immer ein schwarzer Fleck gewesen. Ich erwarte nicht, dass sie in meinem Leben eine Lücke füllt. Ich erwarte, dass sie mir Antworten gibt.

Jetzt muss sie es gesehen haben!

Ich habe viele Medienanfragen erhalten. In der Nacht auf Samstag, zwei Tage, nachdem der erste Artikel erschienen war, bekam ich eine SMS vom Bruder einer Freundin. Er war auf dem Kiez und schickte mir ein Foto der "Hamburger Morgenpost": ich, auf der ersten Seite! Danach konnte ich nicht mehr schlafen.

Am mich morgens der Mann vom Kiosk um die Ecke sah, tippte er auf das Titelbild. Ich fragte: Haben Sie mich erkannt? Er: Ja, schon im stern. Danach war ich noch im Waschsalon, habe mich mit dem Rücken zur Fensterscheibe gesetzt und später meine Wohnung nicht mehr verlassen. Ich fühlte mich beobachtet, dachte, die ganze Stadt ist mit meinem Kopf plakatiert. Zugleich sagte ich mir: Jetzt hat sie das gesehen, jetzt muss mich meine Mutter gesehen haben! Das ist natürlich nur ein Gefühl. Aber jedes Mal, wenn ein Artikel erscheint, frage ich mich wieder: Jetzt? Jetzt endlich? Das strengt mich an, klar.

Derzeit spüre ich eine große Unruhe in mir. Ich habe mir aber einen Endpunkt für meine Suche gesetzt, zehn Wochen, nicht länger, bis zum 1. Mai. Wenn bis dahin nichts passiert ist, werde ich versuchen abzuschließen. Ich werde alles, was ich die vergangenen Monate durchlebt habe, noch einmal durchgehen und dann in einen gedanklichen Schuhkarton packen, den ich gut aufhebe.

Ich habe alles versucht

Ich wurde oft gefragt, was ist, wenn sich niemand meldet: Natürlich werde ich enttäuscht sein, doch ich sehe das nicht als zweite Ablehnung. Die vielen Fragen werden bleiben. Aber ich denke, dass ich besser mit ihnen umgehen kann. Denn ich habe alles probiert, meine leibliche Mutter zu finden.

Ich werde mir weiter Fragen stellen, aber es wird eine Antwort geben - und wenn es nur die ist, dass es nie wirkliche Antworten geben wird.

Doch im Moment habe ich das Gefühl, dass noch irgendwas passieren wird. Ich weiß nicht was, aber irgendwas wird passieren.

Ein Findelkind fragt: Wer ist meine Mutter?
Aufgezeichnet von Sonja Hartwig

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