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Kita-Plätze: Für die Kleinsten ist kein Geld da

Ein Kind, ein Kita-Platz: ein schönes Vorhaben der Familienministerin - aber komplett unrealistisch, wie neue Zahlen zeigen. Ein Armutszeugnis für die Bildungsrepublik.

Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Für Frauen, die in diesen Tagen erfahren, dass sie schwanger sind, sieht die Zukunft rosig aus. Nicht nur weil sie ein Baby erwarten. Sie gehören auch noch zur ersten deutschen Generation, die Kind und Karriere selbstverständlich vereinbaren können. Der Staat unterstützt sie dabei großzügig. Er zahlt jungen Eltern nach der Geburt 14 Monate Elterngeld. Anschließend gibt es einen Platz in einer Krippe. Garantiert! Jedes zweijährige Kind hat ab dem 1. August 2013 einen Rechtsanspruch darauf. Damit Mama wie Papa arbeiten gehen kann. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) lebt es bereits vor: Zehn Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Lotte Marie saß sie bereits wieder an ihrem Berliner Schreibtisch. So wie ihr soll es bald allen Frauen gehen, egal ob in Hamburg, München oder auf der Schwäbischen Alb. In Deutschland, so scheint es, herrschen bald französische oder schwedische Verhältnisse.

Das schöne Bild vom modernen Deutschland hat nur leider einen Fehler: Es gibt gar nicht genügend Krippenplätze für alle. Bis 2013 soll zwar jedes dritte Kleinkind einen bekommen. Doch von den geplanten 750.000 Plätzen fehlen bisher noch 230 000. Und nun schieben sich Bund, Länder und Kommunen gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Familienministerin Kristina Schröder wirft den Städten und Kommunen vor, dass sie die von ihr bereitgestellten vier Milliarden Euro gar nicht alle haben wollen; die Städte und Kommunen klagen, dass sie den Ausbau nicht allein stemmen können. Denn sie müssen das Personal zahlen. Ausgerechnet das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen ist das Schlusslicht: Hier haben bisher erst knapp 16 Prozent aller Krippenkinder einen Platz. Die meisten Plätze fehlen im Ruhrgebiet, wo viele Kommunen pleite sind.

Was für ein Armutszeugnis für die Bildungsrepublik: Für alles ist Geld da, Banken werden gerettet, Studiengebühren werden abgeschafft, nur für die Kleinsten gibt es nicht genug. Dabei nützt der Besuch einer Krippe nicht nur den Eltern, die arbeiten gehen können, sondern auch dem Kind: Denn er steigert nachweislich die Chance, später mal Abitur zu machen.

Quantität geht vor Qualität

Selbst wenn in den nächsten eineinhalb Jahren ein Wunder geschieht und die Krippen doch noch ausgebaut würden – es gibt gar nicht genug Erzieher. Schon jetzt weisen in Berlin Kitas Eltern ab, weil sie nicht genug Personal haben. Bis 2013 fehlen bundesweit 24.700 Erzieher hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) ausgerechnet. Kein Wunder, denn in dem anspruchsvollen Job verdient man ja nichts: 2100 bis 3500 Euro brutto bekommt eine Erzieherin, wenn sie denn überhaupt einen Vollzeitvertrag bekommt.

Und bei dem geplanten Ausbau wird immer nur über Quantität und viel zu wenig über Qualität diskutiert. Kleinkinder brauchen eine feste Bezugsperson. Am besten betreut eine Krippenerzieherin drei bis vier Kinder. Tatsächlich muss eine Erzieherin sich in Deutschland aber um bis zu acht Ein- und Zweijährige kümmern.

Den Eltern kann es völlig wurscht sein, wer nun Schuld an der Misere hat, die Politiker in Berlin oder vor Ort. Sie werden allein gelassen und müssen sehen, wie sie das Problem lösen. Aber sie können ja klagen – oder das Betreuungsgeld beantragen. 100 Euro Herdprämie steht von 2013 den Frauen zu, die ihr Kind zu Hause betreuen. Dafür ist also offenbar genug Geld vorhanden. Aus der Traum vom schönen, modernen, kinderfreundlichen Deutschland.

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