VG-Wort Pixel

Größtes Set aller Zeiten 9000 Teile, zehn Finger, 16 Stunden: Wie ich an einem Tag das Lego-Kolosseum erbaute

Sehen Sie im Video: Lego-Selbstversuch im Zeitraffer-Video – das größte Set nonstop aufgebaut.
Mehr
Wer die Klemmbausteine von Lego liebt, schlägt sich schon mal eine Nacht damit um die Ohren – so wie unser Autor. Die Herausforderung: 9036 Teile binnen 16 Stunden. Ein Experiment aus der Abteilung: Kann man machen, muss man aber nicht. Oder doch?

Mit Extremen ist es ja so eine Sache. Kürzlich zerschmetterte ein 61-jähriger Kampfsportler aus Pakistan im Frühstücksfernsehen in 60 Sekunden mehr als 40 Kokosnüsse mit der Handkante – und verbundenen Augen. Einfach so. Weltrekord. Kann man machen, muss aber nicht sein. Einen Ultralauf über 147 Kilometer hatte sich im Sommer ein Profitriathlet im Ruhestand vorgenommen. Doch sein Plan, im Laufschritt vom Ulmer Münster bis nach Oberstdorf zu kommen, endete nach knapp 73 Kilometern in einer Bäckerei. Trotzdem Respekt.

Nun: Weder die sicher schmerzhafte Sache mit den Kokosnüssen, noch ein Ultralauf stehen aktuell besonders weit oben auf meiner To-Do-Liste. Doch für verrückte Ideen bin ich immer zu haben. Und so setzte ich mir neulich in den Kopf, das größte Lego-Set aller Zeiten, eine Nachbildung des weltberühmten Kolosseums in Rom, in einer Nacht-und-Nebelaktion zusammenzubauen. Ohne Pause. Ohne Schlaf. Ohne fremde Hilfe. 9.036 Teile. 

Der Countdown läuft

Acht Jahre sollen die Römer am Original, dem auch heute noch größten Amphitheater der Welt, gebaut haben. Das ist knapp 2000 Jahre her. Wie lange würde ich wohl für das Miniaturmodell brauchen? An Schlaf war in der Nacht vor der Marathon-Aktion kaum zu denken. Und das hatte dieses Mal nicht nur mit den unberechenbaren Schlafzyklen unserer Kinder zu tun. Dabei war alles gewissenhaft vorbereitet. Die Baustelle hatte ich am Vorabend zusammen mit einem Freund penibel eingerichtet. Der unfassbar große und fast elf Kilo schwere schwarze Karton stand bereit. Licht und die Kamera für ein Zeitraffer-Video auch. Selbst einen Plan für die kulinarische Verpflegung hatten wir uns zurechtgelegt. Und doch beschlich mich auch am Morgen vor dem Experiment kurz noch mal ein mulmiges Gefühl. Sich wegen ein paar Tausend Plastiksteinen die Nacht um die Ohren schlagen? Muss das wirklich sein? Ja, es muss.

Jetzt geht's los

Eine Tasse Kaffee, zwei belegte Brötchen. Dann stürze ich mich ins Abenteuer. Die Kamera läuft. Gegen zehn Uhr morgens fallen die ersten Tüten mit Hunderten Klemmbausteinchen auf den Tisch. Und schon da ist klar: Es wird ein langer Tag. Mehr als 9000 Teile, verpackt in 40 Tüten. Weit über 1000 Bauschritte hat der slowenische Designer Rok Kobe für sein Mammutmodell vorgesehen. Uff. Doch jetzt gibt's kein Zurück mehr. Kappe zurechtrücken, Anleitung raus und los. Nach knapp zwei Stunden Nonstop-Bauen steht das Fundament. Am Original-Schauplatz in Rom übrigens mächtige sieben Meter dick. Ein Kinderspiel – bisher. Die zweite Tasse Kaffee ist kalt. Auch sonst bin ich komplett im Lego-Tunnel und reiße fast schon besessen eine Plastiktüte nach der anderen auf. Dann purzeln endlich auch die ersten beigefarbenen Teile auf den Tisch. Und sie werden mich bis zum Finale begleiten. Nach vier Stunden – in dieser Zeit bin ich vor Jahren mal einen ganzen Marathon gelaufen – stehen die ersten Grundmauern dieses imposanten Bauwerks.

Ich erwische mich bei Selbstgesprächen. Das Kinderlied vom "singenden und klingenden Känguruh" dudelt in Dauerschleife im Hinterkopf. Später "unterhält" mich der "Junge mit dem Tüdelband". Die Hände schwitzen. Auch den Speiseplan verliere ich aus den Augen. Gefesselt und fasziniert davon, wie das Miniaturmodell dieses antiken Meisterwerks Minute um Minute Gestalt annimmt.

Das Bauen selbst ist auch für einen Lego-Quereinsteiger wie mich keine allzu große Herausforderung. Die Challenge besteht vielmehr darin, sich dauerhaft zu konzentrieren. Torbogen um Torbogen, Säule um Säule. Immer und immer wieder. Monoton, ja. Langweilig, überhaupt nicht. Selbst ein kleiner Fehler bringt mich nur kurz aus der Fassung. Aber: Halbe Stunde verplempert – es wird eng mit den 16 Stunden, die ich mir vorgenommen habe. Denn allzu groß ist der Zeitpuffer nicht. Am nächsten Morgen müssen die Kinder zur Kita.

Affiliate Link
-30%
LEGO 21042 Architecture Freiheitsstatue
Jetzt shoppen
68,22 €97,47 €

Pizza, Pasta und ein seltsames Kribbeln 

Die Stoppuhr zeigt mittlerweile zehn Stunden. Immer mal wieder vibriert mein Handy. Keine Zeit. Dass Diego Maradona, eines der Idole meiner Jugend, nicht mehr lebt, erfahre ich so erst um halb drei Uhr morgens, als ich todmüde doch nochmal aufs Smartphone schaue. Der weinende Diego nach dem verlorenen WM-Finale 1990 gegen Klinsmann, Brehme, Völler und Co. hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Seine Tränen tränkten den Rasen im Olympiastadion von Rom – nur wenige Kilometer entfernt steht das Wahrzeichen der Ewigen Stadt: Das Kolosseum.

Und wo wir gerade beim Thema sind: Auch kulinarisch überließ ich nichts dem Zufall. Mittags stilecht Tortellini mit Pesto, am Abend eine große Pizza Salame Piccante. Nur vom obligatorischen Glas Rotwein hab ich besser die Finger gelassen. Die entpuppen sich nach zwölf Stunden Bauzeit ohnehin als limitierender Faktor. Die ersten Ausfallerscheinungen. Der Rücken zwickt, die malträtierten Fingerkuppen kribbeln. Dabei ist der letzte der vier Kartons noch nicht mal ausgepackt. Jetzt ein Baustopp? Undenkbar. 

Stopp die Uhr! Mission completed

Zwei Stunden später, normale Menschen liegen zu dieser Zeit längst im Bett, sind die Fingerkuppen endgültig taub und fühlen sich seltsam abgeschmirgelt an. Der Preis für das letzte von unzähligen Arena-Modulen mit Dutzenden beigefarbenen Steinchen, das sich millimetergenau in die faszinierende Konstruktion einfügt. Ein Klick hier, ein Klick da. Dann steht die Tribüne, von der aus sich im alten Rom mehrere zehntausend Zuschauer daran ergötzten, wie sich Gladiatoren bis zum Tod bekämpften und Millionen Tiere zu Tode gehetzt wurden. Seit 1999 gilt das Wahrzeichen Roms als Monument gegen die Todesstrafe. Sobald ein Todesurteil ausgesetzt oder die Todesstrafe in einem Land abgeschafft wird, erstrahlt das Kolosseum 48 Stunden lang in bunten Farben.

188 Meter lang ist das Original auf der Piazza del Colosseo im Herzen Roms, das Lego-Modell misst beachtliche 60 Zentimeter. Und da steht es nun. Noch ein paar Fenster platziert, letzter Feinschliff in den Oberrängen und den Arenaboden verlegt. Dazu einige Bäume "gepflanzt" und ein gelbes Minimodell des legendären Fiat 500 auf dem Vorplatz abgestellt. Fertig. Stopp die Uhr. Kurz nach zwei Uhr morgens ist das letzte der 9036 Steinchen verbaut. 16:21 Stunden Nonstop. 15 Minuten Pizzaessen am Abend und eine kleine Unachtsamkeit kurz vor Mitternacht waren zu viel, um die angepeilten 16 Stunden zu knacken.

Affiliate Link
-20%
LEGO 42083 Technic Bugatti Chiron
Jetzt shoppen
288,99 €360,66 €

An die Arbeit, ihr Hobbyarchitekten!

Wie die längst untergegangene Abendsonne taucht die Lampe über dem Tisch die Mauern des Modells in einen fast goldenen Ton. Meine Energie reicht gerade noch für ein, zwei Bilder mit dem Smartphone. Dann gehen die Lichter über dem Kolosseum aus – und meine gleich mit. Leider nur für dreieinhalb Stunden.

Nein, abwechslungsreich waren die mehr 16 Stunden wahrlich nicht. Trotzdem irgendwie fesselnd. Das 9000-Teile-Set, mit dem Lego kurz vor Weihnachten die Augen seiner Fans zum Leuchten bringen will, ist ein Monument. Sich dafür die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen, muss sicher nicht sein. Große und kleine Hobbyarchitekten, die keine Lust auf Kreuzschmerzen und lädierte Finger haben und die Faszination und das Entstehen dieses Meisterwerks etwas länger auskosten wollen, sollten sich ohne Stoppuhr an die Arbeit machen. 

Hinweis: Das Lego-Set "Colosseum" wurde dem stern für diesen Selbstversuch kostenlos von Lego zur Verfügung gestellt.

Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker