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Preisexplosion: Wer soll das bezahlen?

Ob Supermarkt oder Tankstelle - überall scheinen die Preise zu explodieren. Dabei liegt die offizielle Teuerung knapp über drei Prozent. Der stern nahm viele Produkte und Dienstleistungen unter die Lupe: Was wird teurer? Was billiger? Und wen trifft es am härtesten?

Dunkle Mächte scheinen am Werk, wenn in Deutschland mal wieder die Preise steigen. "Wir können nicht anders", rufen Händler und Hersteller im Chor. 60 Waren kauften stern-Mitarbeiter über 22 Monate immer wieder ein, und darunter waren echte Preisschocker: Für Erdals "Feine Schuhcreme" etwa verlangte der Drogist Budni im Dezember in einer Hamburger Filiale satte 27 Prozent mehr als noch im Februar 2006, also vor knapp zwei Jahren. Mehr als 20 Prozent Aufschlag gab es auch bei Fotoarbeiten und Schuhreparaturen, bei Zahnpasta und Kaffeebereitern. Anderes blieb gleich teuer oder wurde sogar deutlich billiger.

Die Erklärungen sind mal plausibel, mal fantasievoll. "Die Aluminiumpreisentwicklung" nennt etwa der Kofferhersteller Rimowa als Grund, mehr Geld zu verlangen. Auf "Energie- und Transportkosten" verweist die Rosenthal AG. "Zusätzliche Produkteigenschaften" führt die Bodum AG an. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer und eine "Leistungssteigerung" des Modells Polo nennt Volkswagen. Die "Neupositionierung der Marke" macht eine Handcreme teurer. Bei einem Staubsauger führt der Händler Saturn als Grund an, er sei "in der Farbe verändert" und in der Folge vom Hersteller mit einer höheren unverbindlichen Preisempfehlung versehen worden. Da ist schon allein die Begründung preiswürdig.

Wer am Ende draufzahlt und wer profitiert, hängt von den persönlichen Konsumgewohnheiten ab. Denn wer nicht Rad fährt, hat natürlich auch nichts von sinkenden Fahrradpreisen. Wer nicht zum Schuster geht, dem können die Kosten für einen neuen Absatz egal sein. Um einen möglichst umfassenden Überblick zu bieten, hat der stern zusätzlich die 40 Preise bei Discountern erfasst, die vom Wirtschaftsinformationsdienst "Preiszeiger" ermittelt werden. Insgesamt gilt: Verlierer ist, wer einen großen Teil seines Geldes für Grundnahrungsmittel ausgibt. Also eher die Familie mit Hartz IV als der Single mit Porsche. Die rund drei Prozent jährliche Inflation, die das Statistische Bundesamt derzeit ausweist, sind eben nur ein Durchschnitt. Jeder hat seine persönliche Inflationsrate. Das haben auch die amtlichen Statistiker erkannt. Sie bieten im Internet einen Rechner an, in den jeder seine Daten eingeben kann - und heraus kommt ein individualisierter Wert.

Anbaufläche für Lebensmittel sinkt

Die offiziellen 3,1 Prozent für den Monat November sind mehr, als in den vergangenen 13 Jahren je gemessen wurden. Vielen Menschen erscheinen sie dennoch absurd niedrig angesichts ihrer täglichen Erfahrungen beim Einkaufen. Timm Behrmann, gelernter Ökonom und angestellter Statistiker im Bundesamt, versichert dennoch: "Was wir messen, stimmt schon." Über seinen Computerbildschirm in einem tristen Bürogebäude hinter dem Wiesbadener Hauptbahnhof flimmern all die Daten, die von den mehr als 500 amtlichen Preiserhebern in der Republik ermittelt werden. Die Daten sagen: Alles in allem halb so wild. Die Menschen außerhalb des Amtes sehen das anders. Irgendetwas stimmt da nicht. "Ich habe das Gefühl, dass immer weniger Geld da ist", sagt Kerstin Lührs aus Schneverdingen in Niedersachsen. Sie ist 43, die blonden Haare - schick frisiert - fallen in ihr fröhliches Gesicht. Eine ganz normale Frau. Aber wenn die Alleinerziehende für sich und ihre drei Kinder einkauft, ist nichts normal. Zumindest geht es nicht nach der Statistik. Die Dinge, die gewöhnlich in ihrem Einkaufswagen landen, sind besonders stark im Preis gestiegen.

"Joghurt, Milch, Brot - das braucht man halt", sagt sie. Dass Computer viel billiger geworden sind, nutzt ihr wenig. Der amtliche Durchschnitt von drei Prozent Inflation entspricht bei einem Brötchen, das 30 Cent kostet, rund einem Cent. Aber tatsächlich kostet das Brötchen, das es vor einem Jahr für 30 Cent gab, heute bei vielen Bäckern 35 Cent. Manche Steigerungsraten, die der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Wolfgang Brachinger mithilfe der amtlichen Daten ermittelt hat, erinnern eher an Lateinamerika als an das Land, in dem einst die D-Mark herrschte: Butter wurde von Oktober 2006 bis zum gleichen Monat 2007 in Deutschland um 46 Prozent teurer. Speisequark um 37 Prozent. Stabil ist bei den Preisen für Lebensmittel nur der Aufwärtstrend. Weizen und Reis sind auf dem Weltmarkt so teuer wie noch nie. Sojabohnen werden so hoch gehandelt wie zuletzt vor 34 Jahren. Und es geht weiter bergauf. Daran ändern auch vorübergehende Korrekturen der Discounter nichts. Es gibt vielfältige Gründe dafür, dass die Zeit der billigen Lebensmittel vorbei ist. Die Experten streiten, welcher Effekt wie stark ist. Fest steht aber: Weil gigantische Mengen Pflanzen zu Biosprit und Biogas verarbeitet werden, sinkt die Anbaufläche für Lebensmittel. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen in Asien sich Fleisch und Milchprodukte leisten können.

"Die Deutschen sind die preissensitivsten Käufer in Europa"

Wenn aber immer weniger Waren sich auf mehr Käufer verteilen, treibt das den Preis hoch. Gefördert wird der schnelle Zugriff auf die Geldbörse der Kunden paradoxerweise auch noch dadurch, dass die Verbraucher in Deutschland bislang im EU-Vergleich eher niedrige Preise für Lebensmittel gezahlt haben. "Die Gewinnspanne des Handels liegt nur bei rund einem Prozent", sagt Einzelhandelssprecher Hubertus Pellengahr. "Der scharfe Wettbewerb sorgt so dafür, dass die Händler höhere Kosten direkt weitergeben müssen." Wer oft in verschiedenen Ländern Europas einkauft, regt sich meist weniger über die Preissteigerungen hierzulande auf. Der Grieche Georgios Rentis etwa hat gerade für 95 Euro bei Aldi in Ludwigshafen Waren aufs Kassenband gelegt. "In Griechenland hätte das gleiche mindestens 120 Euro gekostet", sagt er. "Vor allem normale Lebensmittel sind da viel teurer." Rentis rät den Deutschen zu mehr Gelassenheit. Doch nichts versetzt die Menschen hierzulande so in Unruhe wie der Gedanke an steigende Preise - die Angst vor Krankheiten und Ehekrisen nicht und auch nicht die vor Naturkatastrophen. Die Mutter aller Desaster ist für sie die Geldentwertung. In einer Umfrage für die R+VVersicherung sagten zwei von drei Befragten, sie fürchteten höhere Lebenshaltungskosten.

Das Allensbacher Institut für Demoskopie ermittelte, dass die steigenden Energiepreise für mehr als die Hälfte der Deutschen die größte Sorge seien. Sparen, das Geld zusammenhalten, sich um die Preise sorgen - das gehört zur Grundausstattung vieler Deutscher. Peter und Lieselotte Frey zum Beispiel, 68 und 69 Jahre alt, haben eigentlich mehr als genug für ein schönes Leben. Aber als die Kinder ihnen zum 30. Hochzeitstag eine Übernachtung samt Abendessen im feinen Hamburger Atlantic-Hotel schenkten, fühlten sie sich irgendwie unwohl. Ob ihnen das Menü nicht geschmeckt hat? "Eigentlich nicht", sagt Herr Frey. Seine Frau ergänzt: "Dafür war es zu teuer." Frau Frey ist bekennende Schnäppchenjägerin. Die Prospekte der Supermärkte wertet sie ordentlich aus, schreibt alles auf einen Zettel, und dann beginnt die Einkaufsrunde. "Ich kaufe nie alles in einem Laden", sagt sie. In ihrer Tasche stecken alle erdenklichen Rabattkarten. Sie will das Meiste für ihr Geld - und ist damit nicht allein. "Die Deutschen sind die preissensitivsten Käufer in Europa", meint Michael Busch von der Unternehmensberatung Deloitte.

Längst hat sich die Wirtschaft darauf eingestellt und tut alles, um jedem Kunden das Gefühl zu geben, er habe gerade ein einmaliges Schnäppchen gemacht. Folge all der Sonderaktionen, Rabatte und Spezialverkäufe ist, dass niemand mehr durchblickt. Packungsgrößen werden geändert, Preise springen erratisch auf und ab. Im Internet bieten obskure Händler Markenprodukte zu Billigstpreisen an - und niemand weiß, ob er ihnen trauen kann. Reguläre Preise zahlt in Deutschland eigentlich nur noch, wer Tiernahrung im Baumarkt kauft. Aber wer macht das schon? Die Jahreshauptversammlung der norddeutschen Schnäppchenjäger war vor einigen Wochen bei der Neueröffnung des Media Marktes in Buchholz. Frau Lührs ergatterte dort einen Kaffeevollautomaten. Den hatte sie sich gewünscht, seit vor acht Jahren so ein Gerät in ihrem Büro angeschafft wurde. Jetzt hat sie endlich zugeschlagen. Alexander Löser, 18, ist für 123 Euro stolzer Besitzer eines schicken iPods geworden; sein Kumpel Johannes Fuhrmann, 19, hat sich eine neue Computertastatur geschnappt. Die Eheleute Frey waren natürlich auch da. Sie haben einen günstigen Flachbildschirm für ihre Küche gekauft. Frau Frey hat vorher sogar im Internet recherchiert, ob es ihren "Grundig Lenaro 19" irgendwo billiger gibt. Ergebnis: Die 225 Euro bei der Ladeneröffnung sind unschlagbar.

"Gefühlte Inflation" höher ist als die statistisch errechnete

Peter Frey wuchtet den Bildschirm auf die Rückbank seines blauen Chevrolet Lacetti. Das ist ein billiges und - wie Frey versichert - gutes Auto. Er konnte es günstig kaufen, weil die Technik besser geworden ist, die Produktion optimiert und die Löhne der koreanischen Arbeiter, die ihn gebaut haben, niedrig sind. Das Gleiche gilt im Prinzip für den Bildschirm. Und für tausend andere Industriegüter. Überall profitieren Kunden wie die Freys. Trotzdem ist Herr Frey überzeugt: "Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen; die drei Prozent, die uns vorgerechnet werden, können nicht stimmen." Seine Einschätzung ist nicht das Ergebnis komplizierter Berechnungen, sondern ein bei vielen Einkäufen entstandenes Gefühl. Und weil bei fast allen die "gefühlte Inflation" höher ist als die statistisch errechnete, haben sich auch die Experten des Statistischen Bundesamtes des Problems angenommen. Sie stützten sich dabei auf Überlegungen des Schweizer Professors Brachinger. Heraus kam - schließlich sind sie Statistiker - ein Index. Die Grundidee ist so einfach wie einleuchtend: Bei Produkten, die wir häufig einkaufen, wirken sich Preiserhöhungen stärker auf unser Inflationsgefühl aus als bei Waren, die viele Jahre halten. Nun ist es so, dass die Preise für Verbrauchsgüter seit vielen Jahren steigen und die für langlebige Konsumgüter sinken. Am Ende erscheint uns die Preisentwicklung daher schlimmer, als sie ist. Im November lag die nach Brachingers Methode berechnete gefühlte Inflation mit 8,6 Prozent rund dreimal so hoch wie die gemessene in der offiziellen Statistik.

Man könnte das so hinnehmen und das Problem abhaken. Aber das Gefühl, alles werde viel teurer, hat ganz reale Auswirkungen. Denn es drückt auf unsere Bereitschaft, Geld auszugeben. "Die gefühlte Inflation entwickelt sich zusehends zur Hypothek für die wirtschaftliche Entwicklung", klagt etwa Andreas Scheuerle, ein Volkswirt der Dekabank. Die Experten rechnen zwar damit, dass sich der Aufschwung 2008 deutlich verlangsamt. An galoppierende Preise glaubt aber niemand. Denn der Ölpreis dürfte nicht so rasant wie bisher weitersteigen; der Euro erreicht neue Höchststände im Vergleich zum Dollar, was viele Einfuhren billiger macht. Alles beruhigende Nachrichten. Im Januar wird die gemessene Inflationsrate sogar erst einmal deutlich sinken. Das liegt daran, dass sich dann die Mehrwertsteuererhöhung von Anfang 2007 nicht mehr auf die Teuerung im Vergleich zum Vorjahresmonat auswirkt. Zudem verspricht die Europäische Zentralbank, wachsam zu bleiben. "Unser Beitrag für nachhaltiges Wachstum ist ein stabiles Preisniveau", sagt ihr Chefvolkswirt Jürgen Stark. "Deshalb werden wir höhere Inflationsraten nicht zulassen." In solchen Zusicherungen schwingt die Sorge mit, dass steigende Preise zu höheren Lohnabschlüssen führen und die wiederum zu weiter steigenden Preisen.

Die armen Leute sind ärmer geworden

Tatsächlich mag die Sorge, dass die Löhne zu stark steigen, in Boombranchen berechtigt sein - aber in großen Teilen der Arbeitswelt sind Zuwächse seit Jahren unbekannt. Die Einkommen der unteren Schichten steigen nur langsam oder gar nicht. Berücksichtigt man die Inflation, sind sie in den vergangenen 15 Jahren sogar gefallen. Man könnte auch sagen: Die armen Leute sind ärmer geworden. Dagegen konnten die, denen es ohnehin vergleichsweise gut ging, ihre Kaufkraft weiter steigern. Zu besichtigen sind sie in einem Einkaufstempel wie dem Berliner KaDeWe, wo sich die Besserverdienenden auf sieben Etagen mit den Touristen mischen, die nur zum Gucken gekommen sind. Im Dior-Homme-Shop liebäugelt Burkhard Geimer aus Münster mit einer Lederjacke, die stolze 2000 Euro kosten soll. "Ich muss nicht so aufs Geld achten", sagt der selbstständige Steinmetz. Ein paar Füllfederhalter - das Stück so zwischen 450 und 600 Euro - begutachten Daniel Caspari und seine Frau Sabine, die aus Moers am Niederrhein gekommen sind. Caspari will sich etwas zum Examen gönnen. Natürlich wird es nicht der Füller von S. T. Dupont für 38 400 Euro sein, der hier hinter dickem Glas ausgestellt ist. Und auch nicht das passende Feuerzeug für gut 40.000 Euro.

Aber Menschen wie der angehende Diplomkaufmann Caspari haben Grund zu hoffen, dass es ihnen in Zukunft noch besser gehen wird. In manchen Städten kann man sehen, wo die Linie zwischen oben und unten verläuft. In Frankfurt etwa sind am Westhafen tolle Wohnungen entstanden, in denen überwiegend junge Leute wohnen, denen es gut geht. Auf der anderen Seite der Speicherstraße sind die Hauseingänge schäbig, und die Menschen tragen keine Designerklamotten. Der Mathematiker Michael Bäuning hat genau auf der Grenze zwischen den beiden Welten gerade bei Rewe eingekauft. Er trägt Jeans und Parka, aber an den teuren Schuhen kann man erkennen, auf welcher Seite der Straße er wohnt. Der 36-Jährige kommt oft zu Rewe. Nur Leckereien wie frischen Fisch holt er sich nicht im Supermarkt, sondern in den Edelgeschäften der Kleinmarkthalle. Klar achtet auch er aufs Geld. Er weiß, was das Glas Nutella normalerweise kostet - und nimmt das als Indikator dafür, wie teuer oder billig ein Laden ist. 1,89 Euro für das 400-Gramm-Glas findet er okay. Bei 2,50 wie im Bahnhofssupermarkt wird er stutzig und kommt nicht unbedingt wieder. Aber auf den Cent guckt der Bankmitarbeiter nicht. "Das Leben wird im Ganzen eher billiger", sagt er. Richtiger wäre: Sein Leben wird im Ganzen eher billiger.

Kluft wächst langsam aber beständig

Er hat gerade eine Wohnung am Wasser gekauft - da bekam er einen guten Preis. Genauso für die Einbauküche. "Zwei Prozent Inflation und vier Prozent Gehaltssteigerung finde ich gesund", sagt er. In seiner Branche, er arbeitet in der Vermögensverwaltung, wachsen die Einkommen noch. Und seit er die Wohnung gekauft hat, hat er einen Immobilienkredit bei der Bank. "Ich fühle mich ganz sicher", sagt er. "Meine Hypothekenzinsen sind für 15 Jahre fest, da kann die Inflation kommen." Der Banker Michael Bäuning und die alleinerziehende Büroangestellte Kerstin Lührs sind sich viel ähnlicher, als es auf den ersten Blick aussieht. Sie gehören zu den Menschen, die von den Politikern immer als Leistungsträger gepriesen werden. Sie gehen arbeiten. Lührs sorgt sich um ihre Kinder. Bäuning, der diesen Monat geheiratet hat, freut sich darauf, das auch bald zu tun. Der größte Unterschied zwischen ihnen ist, dass der eine mehr und die andere weniger Geld hat. Auch wenn die Preise nicht explodieren werden und manche Sorge übertrieben ist, wird diese Kluft langsam, aber beständig weiter wachsen. Das ist das Tückische an der Inflation - es gibt Gewinner und Verlierer. Und im Moment verlieren die, die sich das am wenigsten leisten können.

Roman Heflik, Sven Rohde, Stefan Schmitz, Elke Schulze Mitarbeit: Claudia Bahnsen, Ingrid Lorbach, Kirstin Ruge

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