Schuldenreport 2009 Verbraucherschützer klagen Banken an


Schuldenreport mit Zündstoff: In Deutschland sind mehr als drei Millionen Haushalte überschuldet, und die Wirtschaftskrise wird die Zahl noch in die Höhe treiben. Das befürchten Sozialverbände und Verbraucherschützer. Und die Banken? Sie nutzen die Notlage der Menschen schamlos aus, lautet der Vorwurf.

Verbraucher- und Sozialverbände sehen die deutschen Banken in der Pflicht, in der Wirtschaftskrise überschuldeten Privatleuten zu helfen. "Banken in finanzieller Not erhalten milliardenschwere Unterstützung durch Steuergelder, die Kunden dagegen stehen im Regen", kritisierte der Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, am Freitag in Berlin. Gemeinsam mit fünf großen Wohlfahrtsverbänden, die sich um Hilfen für Schuldner kümmern, stellte er den "Schuldenreport 2009" vor. Danach sind mehr als drei Millionen Haushalte in Deutschland überschuldet. Wegen der Krise sei ein zusätzlicher Ansturm bei den Schuldnerberatern zu erwarten.

Als Konsequenz forderten die Verbände von den Banken niedrigere Kreditzinsen und mehr Flexibilität gegenüber den Kunden. Die Kreditinstitute dürften es sich nicht bequem machen unter dem mit Steuergeld aufgespannten Rettungsschirm, so Billen, sondern sollten sich solidarisch verhalten. 60 Prozent der Verbraucherschulden stammten aus rückständigen Krediten. Er habe die Sorge, dass Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit infolge der Wirtschaftskrise noch mehr Menschen in die Schuldenfalle treiben würden, so Billen. Arbeitslosigkeit sei in fast 30 Prozent der Fälle der Grund für die Überschuldung.

Billen warf den Banken vor, Verbraucher in wirtschaftlicher Not ohne Rücksicht zur Kasse zu bitten. Die Banken hätten bislang die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) von vier auf 1,5 Prozent seit Juni 2008 nicht an ihre Kunden weitergegeben. Vielmehr hätten einige Institute noch die Zinsen für Dispositionskredite erhöht, so die Postbank von 13,75 auf 14,25 Prozent und die Berliner Sparkasse von 13,5 auf 14,5 Prozent. Die Banken hätten mit dieser Zinspolitik schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro verdient, kritisierte Billen.

Verbände fordern Recht auf Girokonto

Die Verbände - neben der Verbraucherzentrale der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband, das Diakonische Werk und die Caritas - fordern ein "Sofortprogramm der Kreditwirtschaft" für überschuldete Haushalte: Die Banken sollten die Leitzinsen an die Verbraucher weitergeben, flexibel auf kurzfristige Engpässe reagieren und etwa Kredite ohne Verzugszinsen stunden. Bei längeren Einkommensausfällen der Kunden sollten ihnen niedrigere Zinsen statt teure Umschuldungen angeboten werden.

Zudem erneuerten die Verbände ihre Forderung nach einem gesetzlich geregelten Recht auf ein Girokonto. Dies sei zwingende Voraussetzung für die alltägliche Lebensführung und gesellschaftliche Teilhabe. Schließlich fordert das Bündnis einen Ausbau der Schuldnerberatung und einer anbieter- und produktunabhängigen Finanzberatung. Die Verbraucherzentralen könnten mit ihren Kapazitäten nur etwa 0,14 Prozent der Privathaushalte beraten. Bund und Länder sollten zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Auch die Banken sollten sich beteiligen, weil sie schließlich von der Arbeit der Schuldnerberatung profitierten.

DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker