HOME

Schule: Werbefreie Klassenzimmer

Mit Bahlsen für die Klassenfahrt sammeln oder von Kellogg’s Sportmaterialien erhalten: Zukunftsmusik an deutschen Schulen?

Die Verbraucherzentralen kritisieren eine schleichende Zunahme von Produktwerbung in Schulen. Anlässlich eines Gerichtsurteils in Bremen kritisierte Edda Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), Schulen könnten "zunehmend zur Zielscheibe der Marketingstrategie der Unternehmen werden". Sie forderte die Kultusminister der Länder auf, ein Signal gegen das Vordringen von Werbung in Schulen zu setzen und Werbeaktionen im Umfeld von Schulen zu stoppen. "Klassenzimmer müssen werbefreie Zonen bleiben", forderte Müller.

Der Bundesverband hatte gegen eine "Schulwerbeaktion" der Firma Kellogg's geklagt. Das Landgericht Bremen hatte Anfang Juli die Klage abgewiesen. Der Verband kündigte an, Berufung einzulegen.

Sportmaterialien von Kellogg’s

Im Rahmen der Aktion "Kellogg's für den Schulsport" hatte das Unternehmen im Internet und auf Produktverpackungen aufgefordert, "Tony Taler" zu sammeln, die man gegen Sportmaterialien für Schulen tauschen konnte. Die Taler erhielten die Schüler mit dem Kauf von bestimmten Kellogg's-Produkten, über tägliche Internet-Verlosungen oder über eine kostenpflichtige Telefonhotline. Mit dem Kauf von 50 Packungen zum Preis von 2,79 Euro bekamen Schüler somit 50 Taler, die sie etwa gegen ein Badminton-Set eintauschen konnten.

Der vzbv kritisierte, dass die Schüler einen Stempel der Schule in einem Sammelheft vorweisen mussten, um die Taler eintauschen zu können. Es habe Beschwerden gegeben, denen zufolge einige Schulen Eltern und Schüler in Informationsblättern dazu aufriefen, sich an der Aktion zu beteiligen. In diesen Schreiben kündigten die Schulen demnach an, die Klassen mit den besten Sammelergebnissen in der Schule öffentlich bekannt zu geben. Diese Unternehmensaktion sei von der Deutschen Schulsportstiftung unterstützt worden, in deren Kuratorium sämtliche Kultusminister der Länder vertreten seien.

Druck auf Schüler und Eltern

Schüler und Eltern seien mit der Aktion unter Druck gesetzt worden, Produkte zu kaufen, um der Schule etwas "Gutes" zu tun, kritisierten die Verbraucherschützer. Das Landgericht habe sein Urteil unter anderem damit begründet, dass sich Kellogg's mit der Werbeaktion nicht unmittelbar an die Schulen gewandt und die Lehrer nicht dazu aufgerufen habe, sich bei ihren Schülern für den Absatz ihrer Ware einzusetzen.

Daher könne es laut Gericht nicht zu Lasten der Beklagten gehen, wenn sich Schulen oder Lehrer im Einzelfall hinter die Aktion stellten. "Hier wurde übersehen, dass die Schulen angesichts leerer Kassen in der heutigen Zeit kaum noch eine andere Wahl haben, als sich an solchen Aktionen zu beteiligen", kritisierte Müller. Dieser Umstand werde mit solchen Werbeaktionen auf Kosten der Schüler ausgenutzt.

Mit Bahlsen für die Klassenfahrt sammeln

"Wenn das Urteil nicht revidiert wird, ist der Weg frei für Produktwerbung in Klassenräumen", sagte Müller. Sie wies darauf hin, dass die Werbeaktion bereits Nachahmer gefunden habe: Die Firma Bahlsen rufe in der Aktion "Sammeln für die Klassenfahrt" Schüler und deren Familien dazu auf, Punkte für Klassenfahrten zu sammeln, was an den Kauf von Bahlsen-Produkten gekoppelt sei. Der vzbv habe Klage gegen Bahlsen vor dem Landgericht Hannover eingereicht.

Die Schulgesetze fast aller Bundesländer verbieten reine Produktwerbung in Schulen, während Sponsoring in allen Ländern erlaubt ist - solange der Werbeeffekt deutlich hinter dem pädagogischen Nutzen zurückbleibt. Kritiker beklagen eine schleichende Unterwanderung dieser Regelungen.

Wissenscommunity