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Unüberlegte Sparsamkeit: Geizen beim Heizen bringt Schimmel

Um Preiserhöhungen bei Gas und Öl in den Griff zu bekommen, drosseln viele ihre Heizungen und verzichten aufs Lüften. Diese Sparsamkeit kann allerdings teuer werden.

Die Heizkosten im bevorstehenden Winter dürften die Bundesbürger so teuer wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte zu stehen kommen. Um die Preiserhöhungen bei Gas und Öl einigermaßen in den Griff zu bekommen, werden die meisten Familien in den nächsten Monaten konsequent Energie sparen müssen. Aber Vorsicht: Nicht übertreiben, Geiz kann zum Bumerang werden. "Wer die Raumtemperatur zu stark drosselt, falsch oder schlecht lüftet, holt sich den Schimmel ins Haus", warnt Gernot Henrich, Leiter des unabhängigen Bochumer Instituts für angewandte Bauwerksdiagnostik (ifab).

Unüberlegte Sparsamkeit belastet auch noch zusätzlich den Geldbeutel. Feuchte Wände bedeuten Energieverlust und damit höhere Heizkosten. Schon jetzt beobachten Bauexperten und Verbraucherschützer, dass Schimmel in deutschen Wohnungen und Häusern auf dem Vormarsch ist. "Nach jeder Preisrunde der Energiewirtschaft hat sich das Problem erkennbar verschlimmert", weiß Gutachter Henrich. Auch in Gebäuden, die über Jahrzehnte schimmelfrei gewesen seien, hätten sich plötzlich Kulturen gebildet.

Dass der Schimmel bundesweit blüht, liegt am falschen Wohnverhalten

"Das wird in den kommenden Wochen noch übler", befürchtet der Diplomingenieur. "Die Leute haben das Problem in rauen Mengen", berichtet auch Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Dass der Schimmel bundesweit blüht, liege in über 90 Prozent der Fälle am "falschen Wohnverhalten" der Bürger, nicht etwa an bauphysikalischen Mängeln, so die Erfahrungen Henrichs. Es sei nachweisbar, ob eine Wand von außen durchfeuchtet werde oder von innen. Was die Pilze drinnen zum Sprießen bringt, sei meist eine unselige Kombination aus rigidem Energiedrosseln und falschem Lüften, häufig mit ständig gekippten Fenstern, ist auch Keßler überzeugt.

Statt die Wohnung wie früher gleichmäßig durchzuheizen, lassen kostenbewusste Bürger die Heizkörper nur noch in einzelnen Räumen laufen, geben sich mit niedrigen Raumtemperaturen zufrieden, ziehen sich lieber wärmer an oder verbringen den Abend mit Decke vorm Fernseher. An sich sei das nicht unvernünftig, meint der sächsische Verbraucherschützer Roland Pause. Schon ein Grad weniger Raumtemperatur sparten etwa sechs Prozent Energiekosten. Wäre da nicht die offenbar weit verbreitete Tendenz zur Übertreibung, das Schlafzimmer auf 12 oder 14 Grad und selbst das Wohnzimmer nur noch auf 17 oder 18 Grad zu beheizen - und obendrein noch die Türen zu ungeheizten Räumen aufzulassen. "So kühlen sogar gut gedämmte Wohnungen aus", warnt Henrich. Die Folge: Auf den kalten Wänden schlägt sich die Wohnfeuchtigkeit aus Küche, Bad oder Schlafzimmer nieder, ein idealer Nährgrund für gesundheitsschädliche Pilzsporen. Schon bei Temperaturdifferenzen von mehr als vier Grad kann wärmere Luft in kühleren Räumen zu Feuchtigkeit und Schimmelbildung führen. Knausern die Bewohner dann auch noch beim Lüften, halten sie beispielsweise die Fenster stets fest geschlossen aus Furcht, Wärme zu verlieren, ist der Schimmelwuchs nicht mehr zu stoppen.

Gerade im Winter Fenster aufreißen

Wer wirklich Heizkosten sparen und den Schimmel draußen lassen will, muss in Massivbauten folgendes tun: Seine vier Wände kontinuierlich und ausreichend beheizen, warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen als kalte. Eine Temperatur von 20, 21 Grad in Wohn- sowie 16 bis 18 Grad in Schlafzimmern ist ratsam, nicht deutlich weniger. Sparsam heizen bedeutet nicht frieren. Selten genutzte Räume können auch kühler sein. Dann muss allerdings die Tür stets zu bleiben. Aufgepasst: Wer seine Heizung ständig auf- und abdreht und die Räume immer wieder auskühlen lässt - beispielsweise tagsüber, wenn die Wohnung leer steht - spart nicht, sondern zahlt drauf. Ausgekühlte Räume brauchen viel mehr Energie, um wieder auf angenehme Grade zu kommen. Und dann heißt es lüften, lüften, lüften, denn die Feuchtigkeit in der ausreichend warmen Wohnung muss raus. Mehrmals täglich, mindestens vier Mal, sollten nach Expertenmeinung Fenster (am besten gegenüberliegende) etwa fünf bis 15 Minuten weit geöffnet werden - auch und gerade im Winter. Selbst das Lüften an kalten Regentagen lässt Feuchtigkeit von drinnen nach draußen entweichen. Stoßlüften oder kurzer Durchzug ist vor allem in Häusern mit gut isolierten Fenstern wichtig, speziell nach dem Duschen oder Kochen. Dauerlüftung mit gekippten Fenstern sollte dagegen tabu sein. Damit wird die Schimmelbildung nur gefördert. "Eine ordentlich beheizte, gut gelüftete Wohnung verliert weniger Energie als eine kalte", so der eindringliche Ratschlag Henrichs an sparwillige Verbraucher. Wer das beherzige, spare nicht nur Geld sondern auch viel Ärger.

Berrit Gräber/AP

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