Vogelgrippe "Ganz mieses Martinsgans-Jahr"

Seit Tagen beteuern Experten: Das Risiko, sich über die Nahrung mit dem Vogelgrippe-Virus zu infizieren, gehe gegen Null. Doch die Verbraucher haben Angst - und schon befürchten Geflügelhändler derbe Umsatzeinbußen.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es bisher keinen Beleg dafür, dass die Krankheit durch kontaminierte Lebensmittel auf Menschen übertragen werden kann. Trotzdem sitzen die Ängste vor einer Ansteckung bei den Bürgern offensichtlich tief. In den Verbraucherzentralen stehen die Telefone nicht mehr still. Besorgte Konsumenten wollen wissen, ob sie wirklich risikolos Puten und Gänse für Sankt Martin und Weihnachten bestellen, unbesorgt eine knusprige Ente im China-Restaurant essen oder Hähnchen und Eier kaufen können, wie Waltraud Fesser, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz erzählt.

Tief sitzende Ängste

"Die reelle Gefahr ist minimalst, dennoch rufen sehr viele an", sagt auch Susanne Sachs, Kollegin aus Frankfurt. Unbehagen auch in der Gastronomie: Die ersten Küchenchefs haben bereits vorsorglich ihre Speisepläne umgestellt, aus Rücksicht auf beunruhigte Gäste. So hat Sterne-Koch Harald Wohlfahrt seine Menüfolge für die Palazzo-Gastspiele in Hamburg, Stuttgart und Mannheim kurzerhand geändert. Statt Barbarie-Entenbrust wird in den Spiegelzelten jetzt Rinderfilet serviert, statt Gänseleber gibt es Lachstatar.

Ähnlich wollten weitere Gastronomen verfahren, berichtet die "Allgemeine Hotel- und Gaststätten-Zeitung". Geflügelgerichte würden in nächster Zeit eher zurückhaltend angeboten. "Wir hoffen, dass das nicht Ausmaße wie zu Zeiten des Rinderwahnsinns annimmt", sagt Stefanie Heckel, Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststattenverbandes (Dehoga). Bislang gebe es für die Gesamtbranche aber keine grundsätzliche Veränderung im Verhalten der Gäste oder im Einkaufsverhalten der Gastronomen zu melden.

Umsatzeinbußen bis 30 Prozent erwartet

Auch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) und der Deutsche Bauernverband geben sich gelassen. Kaufzurückhaltung sei beim Verbraucher derzeit nicht zu spüren. Nur der Absatz von Geflügel ohne eindeutige Herkunftskennzeichnung sei "leicht rückläufig", so Thomas Janning, ZDG-Sprecher. Deutlich pessimistischer klingt die Einschätzung von Ralf Bos, Feinkosthändler aus Meerbusch und Lieferant für über 7000 Kunden aus Gastronomie und Hotellerie. Er erwarte ein "ganz mieses Martinsgans-Jahr" mit Umsatzeinbußen von mindestens 30 Prozent. Einen solchen Trend "sehen wir noch nicht", wiegelt dagegen Dehoga-Sprecherin Heckel ab. Die Saison habe ja gerade erst angefangen.

In den Verbraucherzentralen nimmt man die Ängste der Bürger jedenfalls sehr Ernst und hält zahlreiche Ratschläge für Einkauf und Küche bereit. Wer polnische oder ungarische Enten und Gänse kaufen wolle, könne dies sorglos tun, betont Sachs. Empfehlenswerter sei aber grundsätzlich Geflügelfleisch aus Deutschland, möglichst aus der regionalen Landwirtschaft. Auch Hühner und Eier könnten bedenkenlos gekauft und verzehrt werden. Wer im Restaurant Bedenken hat, sollte den Wirt nach der Herkunft von Ente, Pute oder Gans fragen, wie Fesser rät. Derzeit werde in der EU nur Geflügel angeboten, das nicht aus Ländern stamme, die von der Vogelgrippe betroffen seien. Für gefrorene Ware gelte dasselbe. "Auch ein Küchenchef kriegt keine andere Ware."

Hygieneregeln wie bei Salmonellengefahr

Wer sich für ein Geflügelgericht entscheidet, muss immer darauf achten, dass das Fleisch ausreichend durch ist, auch um Salmonelleninfektionen zu vermeiden. Halbrohe Hähnchenschenkel im Gasthaus gehören immer reklamiert. Und für zu Hause gilt: Ein Brat-Thermometer anschaffen und nutzen. Damit kann die empfohlene Kerntemperatur von 80 Grad bei der Martinsgans sicher kontrolliert werden. Richtig durchgebratenes Geflügel lässt sich leicht vom Knochen lösen und ist an der klaren Farbe des Fleischsaftes zu erkennen. "Sobald der austritt, kann ich bedenkenlos essen", sagt Fesser. Wichtig ist auch die Küchenhygiene. Dazu gehört, rohes Geflügel immer getrennt von anderen Lebensmitteln aufzubewahren. Auftauwasser gehört sofort weggegossen. Händewaschen ist ein Muss, wenn man mit Fleisch oder Eiern Berührung hatte.

Berrit Gräber/AP AP

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