Wechselstromparty Atomausstieg zum Selbermachen


Tupperpartys sind ein alter Hut, Dessouspartys längst etabliert. Jetzt gibt es eine neue Art privater Konsumenten-Feten: Die Wechselstromparty. stern.de hat sich auf einer umgesehen und traf auf wechselwillige Umweltschützer und enttäuschte Sparfüchse.
Von Brigitte Zander

Das schlechte Gewissen hat Dieter Janicek schon lange gequält: "Ich zahle immer noch für Atomstrom. Eigentlich nur aus Trägheit". Die Ökostrom-Wechselparty in München ist für das Parteimitglied der bayerischen Grünen der Anstoß, endlich mit sich ins Reine zu kommen. Gleich in der ersten Stunde unterschreibt Janicek den Wechselvertrag zu einem "sauberen" Energieanbieter.

Seinem Beispiel folgen noch ein paar Dutzend Besucher dieser ungewöhnlichen Fete. Weitere 300 tragen sich in die Gästelisten ein, diskutieren stundenlang mit den anwesenden Experten, packen Berge von Info-Broschüren ein, und versprechen, "sich die Sache mit der persönlichen Energiewende ernsthaft zu überlegen".

"Tolles Feedback"

"Ein tolles Feedback", findet die Initiatorin Ulla Gahn. Die 33-jährige Kommunikationsexpertin und Projektentwicklerin mit Wohnsitz in Leipzig hatte selbst vor einigen Monaten zu einem "Strom mit Zukunft" gewechselt. Als sie im Freundeskreis von der guten Tat erzählte, wurde sie mit Fragen überschüttet. Folglich lud sie alle Interessenten zu einem Info-Treff ins Wohnzimmer ein. Zehn von vierzig Gästen wechselten daraufhin auch den Stromanbieter. "Schwupp, so war die erste Wechselstromparty geboren", sagt Ulla.

Seitdem organisiert die Tochter aus "grünem" Elternhaus mit der Mission, die Welt zu verbessern, ehrenamtlich solche Umsteiger-Feste. Locker, informativ, mit Fachleuten besetzt, aber ohne staubtrockene Vorträge. Stattdessen gibt's Musik, Bier, Kasperltheater für die Kinder und Plakate mit der Aufforderung "Atomausstieg selber machen" oder "Energiewende jetzt".

"Sauberen" Strom verkaufen vier bundesweit agierende, Tüv-zertifizierte Öko-Anbieter: die LichtBLick GmbH und die Greenpeace Energy aus Hamburg, die NaturStrom GmbH aus Düsseldorf und die EWS aus dem Schwarzwaldstädtchen Schönau. Ihre Fachleute standen während der Party hinter prospektbeladenen Tischen, beantworteten Fragen und verteilten großzügig Plakate, "Atom-Ausstieg"-Buttons oder Sonnenblumensamen zum Selbstzüchten.

Auf der Wechselparty erfahren die Besucher, wie viel Tonnen Co2 mit Öko-Strom eingespart und wie viele neue umweltverträgliche Anlagen gebaut werden könnten. "Pro Kunde kaufen wir pro Monat auch einen Quadratmeter Regenwald", berichtet Gero Lücking von LichtBlick. So viele gute Werke sind nicht umsonst. "Mir san net so günschtig wie a normaler", gibt der schwäbelnde EWS-Geschäftsführer Martin Halm ehrlich zu. Aber trotzdem "schreibet mir schwarze Zahlen." Seit den jüngsten Zwischenfällen in Atomakraftwerken und den Preiserhöhungen bei vielen Stromgiganten boomt der Umsatz der Naturstromer. "Wir haben seit Jahren stabile Preise", sagt Corinna Hölzel von Greenpeace Energy.

Sauber aber teurer

Aber was kostet der "Strom mit Zukunft"? Das können die Besucher bei Bernhard Schwandt erfahren, einem von Ulla Gahns Helfern, der mit seinem PC aus Leipzig angereist ist. An seinem Tischchen stehen die Leute Schlange. Denn in Minutenschnelle rechnet der bezopfte junge Mann jedem aus, was der Umstieg in ein besseres Leben in der Geldbörse ausmachen würde.

"Je nach Anbieter monatlich 1,60 bis 5,20 Euro mehr. Also der Gegenwert von ein, zwei Bier", erklärt Bernhard einem jungen Pärchen, das zurzeit bei Yello rund 350 Euro jährlich zahlt. Bei Großverbrauchern kommen da schon viele Bierfässer zusammen. Wie bei Heinz E., einem Partygast im rotem Hemd, der mit Großfamilie und Büro im Haus jährlich an die 7000 KW-Stunden verbraucht. Bei seinem herkömmlichen Stromlieferanten zahlt er nach den jüngsten Preiserhöhungen rund 1440 Euro. Saubere Energie würde 1510 bis 1659 Euro kosten. Jeder Ökostromanbieter kalkuliert mit unterschiedlichen Grund- und KW- Preisen.

"Ich dachte, Ökostrom sei billiger", meint eine Hausfrau enttäuscht. "Biogemüse kostet im Laden ja auch mehr", argumentiert Bernhard. Sie nickt zögernd, will vor einer Unterschrift aber erst mal mit ihrem Mann telefonieren. Andere denken draußen im Biergarten bei Bio-Nackensteak mit Semmel und Weißbier über einen Umstieg in die neue Energie und übers Stromsparen nach.

Verbraucher halten an ihren Anbietern fest

"Da geht einiges mit Energiesparlampen und konsequentem Abschalten von Standby-Schaltungen", erläutert ein routinierter Stromsparer über zwei Biertische hinweg. Der Mann mit der T-Shirt-Aufschrift "Ich bin ein Störfall" hat sich eine Funkverbindung zu allen Steckdosen daheim gelegt. Per Fernbedienung kann er so "Stromlutscher" mit einem Klick abschalten.

Trotz aller Aufklärung dümpelt der Anteil der Ökostrom-Lieferanten am gesamten privaten Stromverbrauch noch bei einem Prozent. Die Mehrheit der Deutschen hält trotz Liberalisierung des Strommarktes seit Jahren am ihren Anbieter fest.

Warum nehmen deutschen Schnäppchenjäger, die kilometerweite Umwege fahren, um den Liter Sprit drei Cent günstiger zu tanken, Strompreise als gottgegeben hin? Ulla Gahn erklärt sich das Phänomen mit dem undurchsichtigen Rechnungs-Abschlag-System und der Angst vor Rache. "Die drehen mir den Saft ab." Dagegen kämpft sie auf jeder Party aufs Neue. "Der Strom wird ihnen nicht abgestellt, und es werden auch keine Leitungen aus der Wand gerissen."

Berufswunsch Weltverbesserer

Ihre nächste Wechsel-Fete läuft am 20. Juli in Düsseldorf. In der anschließenden Sommerpause will Ulla mit den Mitgliedern ihres neu gegründeten Vereins "Weltverbesserung sofort und hausgemacht e.V." über ihre finanzielle Zukunft nachdenken. "Ehrenamtlich kann ich das nicht ewig durchhalten". Sie sucht Spender und Sponsoren für ihre Mission. Ihr Traum: "irgendwann von der Weltrettung leben zu können".


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