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Blutige Speisen Blutpfannkuchen und Kaffee-Käse: Zu Gast bei den Samen

Olaf und Laila
Olaf und Laila beim gemeinsamen Kochen
© Olaf Deharde/Marlen König für FOODBOOM
Ich habe mich auf den Weg in den Norden Norwegens gemacht, um mich auf die Suche nach den Gerichten eines der letzten indigenen Völker Skandinaviens zu begeben - die Speisen der Samen.
Olaf Deharde

Kavasaulk, Nordnorwegen - ich bin auf dem kleinen Familienbetrieb namens Inga Sami Siida in einem kleinen Dorf in der Region Sortland. Dort leben Laila und Arild, sie sind Samen. Sie leben ein Leben zwischen alten Traditionen und Moderne - vom Nomadenleben zum festen Wohnsitz mit W-Lan.

Auf ihrer Farm zeigen sie, was man aus Rentieren alles so machen kann und wie die Samen, die bereits seit über 10.000 Jahren Gebiete in Norwegen, Finnland, Schweden und Russland besiedeln, mittlerweile im 21. Jahrhundert angekommen sind. Bei ihnen bekomme ich einen kurzen und vor allem leckeren Einblick in das ursprünglichen Leben der Samen, denn hier werden Rentiere noch auf die traditionelle Weise verarbeitet. 

Trockenfleisch im Kaffee

Bei einer Tasse Kaffee mit Trockenfleisch und Rentierkäse erfahre ich von Arild, dass die Komplett-Verwertung des Rentiers oberste Priorität hat. Die Felle werden zu Decken oder Kleidungsstücken und die Geweihe gerne mal zu Kleiderhaken umfunktioniert. Der Käse, der neben dem Trockenfleisch in meinem Kaffee schwimmt, nennt sich übrigens Gafevuosta, was soviel heißt wie "Kaffee-Käse". Kann man machen, wird aber keine Tradition, die ich mit nach Hause nehme. Ich trinke meinen Kaffee gern ohne Einlage. 

Olaf, Laila und Arild
Olaf zu Gast bei Laila und Arild in Kavasaulk in Nordnorwegen.
© Olaf Deharde/Marlen König für FOODBOOM

"Rezepte mit Rentierblut sind besonders beliebt", ruft Laila, während sie einen schweren Topf auf die offene Feuerstelle stellt. Sie bereitet eine Art Blutfrikadelle namens Gumpus zu, die ziemlich simpel aus Mehl, Speck und Blut besteht und in einer kräftigen Knochenbrühe badet. Gewohnt und ohne nachzudenken probiere ich erstmal von der Rohmasse und die schmeckt, als hätte ich mir gerade den frisch geschnittenen und blutenden Daumen in den Mund gesteckt. Eisen! Aber klar, ist ja auch Blut!

Das Auge isst nicht mit

Zum Aperitif in der sortländischen Abendsonne gibt es pures Knochenmark, welches von mir aus dem Knochen gepustet werden muss und mich geschmacklich so richtig vom Hocker reißt. Da braucht es keine Kräuterbutter oder Soßen. Das Zeug selbst ist Kräuterbutter! Sowieso brauchen Laila und Arild recht wenig zum Kochen. Feuer, Topf, fertig! 

Im Topf mit den Gumpussieht es derweil aus, als hätte jemand die Reste einer Spontan-Amputation (siehe Bild) aufgefangen, aber der Geruch ist herrlich. Es riecht nach einer wilden Version von Königsberger Klopsen, kräftigem Gulasch und BBQ. Intensiv und sehr aromatisch. Das Auge sollte hier allerdings mal zuhause bleiben und nicht mitessen.

Meine erste Blutfrikadelle dampft jetzt auf einem Holzteller und die Zwei beobachten ganz genau meinen ersten Bissen. So, als hätten sie schon Hunderte von Blutfrikadellen in traditionsfremde Münder fahren sehen und als wüssten sie Komplimente von höflichen Lügen in sekundenschnelle zu unterscheiden. Meine Reaktion löst bei Laila ein herzliches Lachen aus, denn ich lange sofort nach und frage nach weiteren Blutrezepten. Keine Spur mehr vom stark metallisch schmeckenden Rohblut. Die Frikadelle ist fluffig und die Brühe würde ich am liebsten mit nach Hause nehmen. 

Blutfrikadelle
Nicht schön, aber saulecker: Blutfrikadelle aus Rentierblut.
© Olaf Deharde/Marlen König für Foodboom

Auf eine derart positive Reaktion waren Laila und Arild wohl nicht vorbereitet, lehnen doch die meisten dankend ab, sobald der Nachschlag angeboten wird, wie Arild berichtet. Ich hingegen werde zum zweiten Level der samischen Blut-Küche ins Haus gebeten. Laila habe noch genug Blut in der Gefriertruhe, um mir ihre legendären Blutpfannkuchen zuzubereiten, sagt sie.

Blutpfannkuchen? Das klingt nach den gleichen Hauptzutaten: Mehl und Blut. Aber der Gastfreundschaft gebe ich nach und ein paar Handgriffe später und glücklicherweise auch ein paar Grad wärmer, werden mir im Wohnzimmer die wohl ehrlichsten und ungewöhnlichsten Pfannkuchen meines Lebens serviert.

Olaf Deharde
Olaf Deharde ist Koch, Fotograf und Autor. Er produziert und verwirklicht Food-Dokus. In den nächsten Monaten schreibt er über seine kulinarischen Abenteuer, skurrile Gerichte und besondere Begegnungen.
© Olaf Deharde

Farblich eher an einen Schoko-Pfannkuchen erinnernd und mit gut Zucker bestreut, kommen geraume Mengen an Pfannkuchen auf den Tisch. Das Blut ist kaum zu schmecken, denn Blut dient hier vor allem als Bindemittel und ist damit einem Ei nicht unähnlich. Die Familie gesellt sich dazu, als hätten sie schon aus weiter Ferne den Geruch der geliebten Blutspeise gerochen. Mit diesem süß-herben Geschmack auf der Zunge und dem Bauch voller Blutspeisen endet der Tag, keine 300 Kilometer vom Polarkreis entfernt. 

Mehr über Olaf Deharde und seine Arbeiten finden Sie auf  Sie finden ihn auf seiner Instagram-Seite und seiner Seite "Wildes Fressen".


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