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Meine perfekte Ernährung Diese Frau darf nichts essen, was Spaß macht – so geht sie damit um

Nathalie Gleitmans Speiseplan ist trotz Unverträglichkeiten alles andere als eintönig- es gibt beispielsweise gebratenen Fisch mit Kokosgemüse-Püree.
Nathalie Gleitmans Speiseplan ist trotz Unverträglichkeiten alles andere als eintönig- es gibt beispielsweise gebratenen Fisch mit Kokosgemüse-Püree.
© Klaus Arras/Becker Joest Volk Verlag
Eine ärztliche Diagnose krempelte das Leben von Nathalie Gleitman um. Heute ist sie erfolgreiche Unternehmerin und Bloggerin. Auch dank ihrer Unverträglichkeiten.

Die Beschwerden kamen über Nacht: Magen-Darm-Probleme, Hautausschläge, Migräne, Schwindel, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Herzrasen. Nathalie Gleitman, Autorin von "Happy Healthy Food" und hauptberuflich Food- und Ernährungsbloggerin, ging es schlecht. Sie besuchte einen Arzt nach dem anderen, niemand wusste, was mit ihr los war. Sie selbst eingeschlossen. Nathalie hätte niemals damit gerechnet, dass ihre Beschwerden mit Essen zu tun haben könnten. Ein Spezialist für Lebensmittelunverträglichkeiten beendete schließlich eine Odysee des Leidens und auch der Arztbesuche. Die Diagnose: Lebensmittelunverträglichkeiten.

"Ich muss glutenfrei, laktosefrei essen und histaminhaltige Lebensmittel meiden. Als ich die Diagnose bekam, dachte ich: Was kann ich jetzt eigentlich noch essen? Ich habe mich stark darauf konzentriert, was ich nicht zu mir nehmen durfte: Avocados, Tomaten, Alkohol, Schokolade, Kaffee, Milchprodukte und Parmesan. Also alles Lebensmittel, die Spaß machen", sagt Nathalie Gleitman im Gespräch mit dem stern

Nathalie produziert weder das Enzym Diaminoxidase (DAO), das im Darm Histamin abbaut, noch das Enzym Laktase, das Milchzucker abbaut. Wenn die Unternehmerin und Bloggerin nun mehr histamin- oder laktosehaltige Produkte konsumiert als dass sie diese mithilfe von Enzymen abbauen kann, bekommt sie Beschwerden.  

"Letztendlich habe ich aber den Schalter umgelegt und mich darauf konzentriert, was ich essen kann. Zu meinem Erstaunen war das unglaublich viel. In einem stressigen Alltag greift man ja doch immer wieder auf die gleichen Lebensmittel zurück: Fertigprodukte, Tomaten mit Mozzarella oder Pasta. Dank der Unverträglichkeiten hatte ich die Möglichkeit, Gemüsesorten kennenzulernen, mit denen man viel machen kann." 

Lebensmittelunverträglichkeiten: Was kann man eigentlich noch essen?

Nathalie Gleitman krempelte ihre Lebensgewohnheiten um. Sie ernährte sich bewusster und lebte dementsprechend bewusster: Sie machte Sport wie Yoga, hörte in sich hinein, trat auch mal kürzer und machte Pause. "Mir ging es sofort viel besser. Innerhalb eines Tages habe ich eine Besserung gespürt. Nach einer Woche war ich wieder auf den Beinen. Nur, weil ich meine Ernährung umstellte."

Seit Jahren isst Nathalie Gleitman histaminfrei. Ihre Toleranzgrenze ist dadurch viel höher. Das bedeutet für sie: Hin und wieder ein Glas Wein, ein Stück Schokolade ist in Ordnung. "Es ist wichtig, den Körper zu testen. Ob es wieder geht, weil es ist keine Sache, die ein Leben lang anhalten muss."

Früher aß Nathalie gern Fertigprodukte, die kommen heute aber nicht mehr für sie in Frage. "Am meisten abgegangen sind mir Süßigkeiten. Ich liebe Schokolade, Kuchen, Kekse. Es war für mich sehr schwer. Aus der Not heraus habe ich angefangen, zu kochen und zu backen." 

Das sagt die Expertin

Frau Gleitmann reitet auf der "free-from"-Welle - und dass ihr das bekommt, liegt auf der Hand, denn sie propagiert "Clean Eating" mit leichten Low Carb und Paleo-Akzenten: viel Vollkorn, Nüsse, Trockenfrüchte, Gemüse, aber auch mal Fisch, Ei und Geflügel. Ihre Lieblingsliste liest sich wie die TOP TEN der IN-Lebensmittel. Es gibt viel Gebackenes bei ihr - das kann sie sich leisten, weil sie viel Sport macht. Ein bisschen knapp wird eventuell Calcium, weil sie wenig Milch verwendet. Bezahlbar ist ihre Ernährungsweise nur, wenn man alles selber macht - und das kostet viel, viel Zeit. Als Fertigprodukte sind diese Lebensmittel nämlich sehr teuer.


Zu den Unverträglichkeiten: Bei Laktoseunverträglichkeit ist ein Vermeiden kein Problem - auch bei Gluten ist es nicht mehr so schwierig - vor allem, wenn man keine "richtige" Zöliakie hat.
Nur was Histamin angeht, bewegt sie sich auf dünnem Eis. Gerade ist die "Leitlinie zum Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeiten gegenüber oral aufgenommenem Histamin" von den medizinischen Fachgesellschaften veröffentlicht worden. Oral deshalb, weil unser Körper Histamin auch "endogen" in seinem Stoffwechsel bildet. Histaminfrei zu essen, ist nicht möglich. Und der tatsächliche Histamingehalt von einzelnen Lebensmitteln schwankt ungeheuer. Im Moment gibt es zur Histamin-Intoleranz auch keine seriöse Diagnostik und Empfehlung.


Fazit: Nathalie Gleitmanns Küche bietet viel Anregung zum vollwertigen essen, so wie es im Moment gerade Trend ist. Gut, dass sie anregt, auf sich selber zu achten und selber herauszufinden, was einem bekommt. 


Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin, Herausgeberin von eathealthy und Buchautorin. 

Sind Unverträglichkeiten eine Modeerscheinung?

Unverträglichkeiten als Modeerscheinung abzutun, davon hält Nathalie Gleitman nichts. Das Wohlbefinden müsse immer an erster Stelle stehen, wenn es jemanden nicht gut geht, muss jeder einen Weg finden, dass es einem besser geht. "Die Lebensmittelindustrie ist nicht mehr das, was sie für 50 Jahren mal war. Natürlich häufen sich Unverträglichkeiten. Es ist wichtig, sich um sich zu kümmern - und nicht zu leiden." Nathalies Umfeld reagiert bis heute auf ihre Ernährungsumstellung zwiegespalten. Einerseits freue es ihre Angehörigen, dass es ihr gesundheitlich besser gehe. Andererseits verdrehen immer noch Leute die Augen, wenn sie sagt, sie verzichte auf bestimmte Lebensmittel. Sie solle sich nicht so anstellen.

Gluten-, laktose- und histaminfreie Rezepte finden Sie in "Happy Healthy Food" von Nathalie Gleitman. Becker Joest Volk Verlag. 256 Seiten. 24,95 Euro.
Gluten-, laktose- und histaminfreie Rezepte finden Sie in "Happy Healthy Food" von Nathalie Gleitman. Becker Joest Volk Verlag. 256 Seiten. 24,95 Euro.

Dennoch ist Nathalies Speiseplan keinesfalls eintönig: Morgens isst sie hauptsächlich Porridge mit Kokosjoghurt, Äpfeln, Datteln oder Mandelmus. Mittags gibt es etwas Schnelles: Beispielsweise Radicchio-Wraps mit Quinoa und Gurke, Salate oder ein Sandwich mit einem selbst gebackenen Brot. Abends isst Nathalie am liebsten etwas Warmes und Herzhaftes: Currys, One-Pot-Gerichte, Quinoa-Risotto oder Ofengerichte. Natürlich ist ihre Ernährung eine Umstellung, trotzdem muss diese nicht teuer sein. "Wenn man saisonal und auch regional einkauft, muss man nicht viel Geld ausgeben. Vor allem auch, weil es gute Qualität bei vielen Discountern gibt – und auch Produkte wie Quinoa."

Lesen Sie hier auch die anderen Teile der Reihe "Meine perfekte Ernährung":

Teil 1: Warum diese Frau auf Zucker verzichtet

Teil 2: Darum ist vegan die perfekte Ernährung

Teil 3: Warum sich diese Frau nicht nur vegan, sondern sogar roh-vegan ernährt

Teil 4: Warum Paleo der Start in eine optimale Ernährung ist

Teil 5: Clean Eating ist der coole Weg, gesund zu leben

Teil 6: Intuitiv essen – warum diese Frau keine Diäten mehr macht

Teil 7: Diese Frau darf kein Gluten, keine Milchprodukte und Lebensmittel mit Histamin essen – so geht sie damit um


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