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Man isst, wo man ist: Warum Betreiber von Biergärten dieses Jahr Angst vor der Fußball-WM haben

Fast alles ist auch zum Mitnehmen oder nach Hause lieferbar: Der Wandel der Gewohnheiten macht den Gastronomen zu schaffen. Dennoch ist der Auftakt zur Sommersaison verheißungsvoll. Der Effekt der Fußball-WM hängt von einem unwägbaren Faktor ab.

Fußball-WM

Es wird sich zeigen, wo die Fußball-Fans in diesem Jahr essen und trinken werden, während der Fußball-WM

Getty Images

Für Biergärten und Straßencafés ist es ein Bilderbuch-Auftakt zur Sommersaison. Überall in Deutschland wird eifrig Eis geschleckt, und Limonade getrunken, weil die Sonne seit einigen Wochen so oft scheint und wärmt. So seien etwa die Gaststätten mit Außenterrassen in Schleswig-Holstein bislang auf 20 bis 40 Prozent mehr Umsatz als in den Vorjahren gekommen, schätzt der Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga).

Das kann sogar noch besser werden, wenn die Fußball-WM in Russland ab 14. Juni Begeisterung auslösen sollte. "Vorausgesetzt, dass die deutsche Mannschaft weit kommt, wird auch das eine oder andere Bier mehr verkauft", sagt der Präsident des Dehoga-Bundesverbands, Guido Zöllick. Sollte der bisherige Trend Bestand haben, sich Spiele am liebsten "in Gesellschaft anzuschauen", werde das auch in den Kassen der Restaurants und Kneipen spürbar sein.

"Eher den umgekehrten Fall" erwartet der Branchenvertreter für Kongresshotels. "Da versucht jeder, bis 16 Uhr mit seiner Konferenz durch zu sein" - vor dem Beginn der meisten Nachmittagsspiele in der Gruppenphase des Turniers. Für das Geschäft insgesamt ist die einmonatige Weltmeisterschaft ohnehin nur ein Intermezzo.

Nach der Prognose des wird 2018 das neunte Wachstumsjahr in Folge. Die Branche rechnet mit 2 Prozent mehr Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch berichtet in einer Umfrage etwa jedes dritte Unternehmen von Umsatzrückgängen im jüngsten Winterhalbjahr. Unter den Gastronomen sank der Betriebsgewinn in fast jeder zweiten Firma (46,8 Prozent).

Große Konkurrenten

Als größte Konkurrenz sehen die klassischen Gastronomen mittlerweile den Lebensmitteleinzelhandel. Der bietet immer mehr fertige Gerichte an, knapp 10 Milliarden Euro betrug im vergangenen Jahr der Umsatz, den Einzelhändler mit zubereiteten Speisen machten. Das meiste davon wurde mitgenommen und entsprechend nur mit der reduzierten Mehrwertsteuer von 7 Prozent besteuert.

Das ist der Gastrolobby ein Dorn im Auge. "Gleiche Steuern für Essen, egal wo und wie zubereitet", fordert Zöllick. Sonst sei das ein unfairer Wettbewerb. Auch Lieferdienste knabbern am Ertrag der Gatronomie. Denn sie haben zum Teil schon so eine Marktmacht, dass sie ihre Konditionen diktieren können.

Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges warnt vor den Folgen: "Ein Dorf ohne Wirtshaus ist arm dran." Frische, regionale Küche müsse wieder mehr Wertschätzung erhalten, eben auch durch politische Vorgaben. In anderen EU-Ländern sei die Mehrwertsteuer für Gasthäuser bereits gesenkt worden.

Genervt ist die Branche noch immer vom Arbeitszeitgesetz, das sie als zu enges Korsett für ihre Bedürfnisse sieht. Die Gastronomen verweisen auf typische Fälle ihres Gewerbes: Schönes Wetter im , ein verspäteter Reisebus mit Gästen, eine Hochzeitsfeier, die länger dauert. Die Arbeitgeber wollen deshalb weg von der maximalen Arbeitszeit von acht Stunden täglich. Stattdessen sollte es eine Grenze für die Wochenarbeitszeit geben, wie es die Arbeitszeitrichtlinie der Europäischen Union vorsieht, sagt Zöllick.

Zu strenge Arbeitszeiten

Die Experimente, die Union und SPD laut Koalitionsvertrag bei der Arbeitszeit ermöglichen wollten, nutzten kleinen Unternehmen nichts, bemängelt der Präsident. Denn nur Betriebe mit Betriebsräten dürften mitmachen.

Der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) geht das alles aber schon viel zu weit. Die geplanten Öffnungsklauseln in Tarifverträgen bedeuteten "mehr Auspressung der Arbeitskraft" und bedrohten die Gesundheit der Beschäftigten, warnt die Vorsitzende Michaela Rosenberger. Der Dehoga greife das Arbeitszeitgesetz seit Jahren an, um "unter dem Vorwand der Flexibilisierung" die tägliche Höchstarbeitszeit zu erhöhen.

Trotz der oft ungünstigen Arbeitszeiten abends und am Wochenende hat das Gastgewerbe viele Arbeitskräfte hinzugewonnen. Von 2007 bis 2017 entstanden fast 300 000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, ein Plus von nahezu 40 Prozent auf knapp 1,1 Millionen. 

Bernd Röder / DPA