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Immer weniger Kartoffeln: Das Ende einer deutschen Liebe

Die Deutschen und ihre Kartoffeln, das war lange Zeit eine Bilderbuchbeziehung. Doch zuletzt kühlte das Interesse merklich ab: Wurden früher noch 200 Kilo pro Kopf und Jahr verspeist, sind es nur noch rund 50. Bringt die Rote Emmalie die Trendwende?

Die Kartoffel steht in der Gunst der Deutschen nicht mehr besonders weit oben.

Die Kartoffel steht in der Gunst der Deutschen nicht mehr besonders weit oben.

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Nirgendwo zeigt sich die Kluft zwischen den Generationen deutlicher als auf dem Teller. Als der Autor dieser Zeilen vergangenes Weihnachten bei der Familie verbrachte, schaufelten sich die Eltern, Tanten und Onkel beherzt Kartoffeln als Beilage auf die Teller. Die Jüngeren dagegen verschmähten die Knollen, griffen stattdessen zu Reis, Nudeln oder blieben direkt beim Gemüse. Auch im Freundes- oder Kollegenkreis zeichnet sich überall das gleiche Bild. Die Volksknolle steckt in der Krise. Sie wurde fallen gelassen wie eine heiße … ähm.

Von 200 auf 53 Kilo pro Jahr

Dass die Liebe der Deutschen zur Kartoffel eingeschlafen ist zeigt auch ein Blick auf die Absatzzahlen. Seit Jahren werden hierzulande immer geringere Mengen verkauft. Die Kurve ist bis auf wenige Ausreißer rückläufig. Dabei war die Kartoffel lange Zeit aus der Küche überhaupt nicht wegzudenken. Seit dem "Kartoffelbefehl" Friedrichs des Großen Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Kartoffel das Grundnahrungsmittel schlechthin. Sie kann vielfältig zubereitet werden, egal ob gekocht, gebraten oder als Rösti. Zudem ist sie mit beinahe allem kompatibel, von Buttermöhrchen bis zur Rinderoberschale.

In den 50ern verspeiste jeder Deutsche pro Jahr im Schnitt 200 Kilogramm. Heute sind es nur noch rund 53 Kilogramm. Knapp die Hälfte davon wird als Fertignahrung verzehrt, also in Form von Chips oder Tiefkühlpommes. Und trotzdem ist der Wert so niedrig wie noch nie.

"Life Hacks": Mit einem Schnitt zum Kartoffel-Schäl-Meister

Uncool und arbeitsintensiv

Für den Kartoffelschwund gibt es mehrere Gründe. Da ist zum einen die Bequemlichkeit. Immer weniger Menschen kochen überhaupt noch in den eigenen vier Wänden. Wenn man dann doch mal am Herd die Kelle schwingt, muss es vor allem eins: schnell gehen. Reis und Nudeln kippt man direkt ins kochende Wasser. Die Kartoffel dagegen will erst geschält und dann in Scheiben geschnitten werden. Umständlich!

Die Kartoffel hat aber auch ein Imageproblem. Während in Superfoods angeblich das halbe Periodensystem steckt, hat die Kartoffel einen Ruf als Arme-Leute-Essen. Wegen Pellkartoffeln mit Quark flippt auf Instagram jedenfalls niemand aus. Außerdem ist es derzeit trendy, auf Kohlenhydrate zu verzichten. Im Low-Carb-Zeitalter ist die Kartoffel deshalb einigen nur noch peinlich. Sie ist quasi der Wendler unter den Beilagen.

Das Gleiche in Rot? Mitnichten!

Nach wie vor ziehen die hiesigen Bauern zehn Millionen Tonnen Kartoffeln pro Jahr aus den Äckern. Um den Absatz hierzulande wieder anzukurbeln, lässt sich die Branche einiges einfallen. Bio-Bauer Karsten Ellenberg aus dem kleinen Barum bei Uelzen zum Beispiel setzt auf die "Rote Emmalie".

Die "Rote Emmalie" ist der aktuelle Shooting-Star unter den Kartoffeln

Die "Rote Emmalie" ist der aktuelle Shooting-Star unter den Kartoffeln

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Dahinter verbirgt sich eine längliche Kartoffel mit rotem Fruchtfleisch und würzigem Geschmack. Die Jury der weltgrößten Messe für Naturkost und Naturwaren wählte sie jüngst zur Kartoffel des Jahres. Das rote Fruchtfleisch ist dem Pflanzenfarbstoff Anthocyan zu verdanken, der ähnlich auch bei Erdbeeren und Himbeeren vorkomme. "Anthocyane sind Antioxidative, ihnen wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben", sagt eines der Jury-Mitglieder.

Regionalität und alte Sorten

Doch auch alte, fast vergessene Klassiker werden von den Bauern wieder zunehmend ins Rampenlicht gerückt. Es könne nicht angehen, dass Pflanzen vom Markt verschwinden, nur weil die Industrie keinen Gewinn mehr mit bewährten Sorten mache, meint Ellenberg. "Es gibt in Europa noch etwa tausend zugelassene Sorten, aber auf dem Markt sind nur eine Handvoll." Daran sei auch der Handel schuld, dem es nicht darum gehe, möglichst viele Sorten im Angebot zu haben, sondern vor allem billige.  

Alte Sorten wie bei Oma, Regionalität und gesunde Antioxidantien - die Hipsterisierung der Kartoffel ist bereits in vollem Gange. Vielleicht gibt es bald eine deutsche Antwort auf die Süßkartoffel (die streng genommen gar keine Kartoffel ist), die längst in Form von Fritten die Foodtrucks der Republik erobert hat. Und bunte Bratkartoffeln würden sich auch auf Instagram gut machen.


mit DPA
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