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Lebensmittelindustrie: Von wegen ohne Zusatzstoffe: So wird auf Etiketten geschummelt

Verbraucher mögen es nicht, wenn ihre Lebensmittel voller Konservierungs-, Farb- oder Süßstoffe sind. Deshalb streicht die Industrie diese aus der Zutatenliste. Frei von Zusätzen sind die Produkte deshalb noch lange nicht. Wie die Lebensmittelindustrie trickst.

Dieses Label auf einer Chips-Tüte verspricht "unverfälschten Genuss" und betont, was alles nicht in der Verpackung steckt: künstliche Aromen etwa, Konservierungsstoffe und auch das Getreide-Klebereiweiß Gluten.

Dieses Label auf einer Chips-Tüte verspricht "unverfälschten Genuss" und betont, was alles nicht in der Verpackung steckt: künstliche Aromen etwa, Konservierungsstoffe und auch das Getreide-Klebereiweiß Gluten.

Der Verbraucher sehnt sich wieder nach natürlichen Lebensmitteln, die im Idealfall frei von künstlichen Zusatzstoffen sind. Das weiß auch die Lebensmittelindustrie. Deshalb werden immer mehr Produkte mit einem "clean"-Label beworben. Das bedeutet, sie sind sauber, weil sie "ohne künstliche Aromen", "ohne Konservierungs- und Farbstoffe" oder "ohne Geschmacksverstärker" sind.

Die Realität aber sieht anders aus. Die EU lässt immer mehr Zusatzstoffe zu. Vor wenigen Jahren waren rund 320 Zusatzstoffe in Europa für Lebensmittel zugelassen, heute sind es 400 Substanzen. Das liegt auch daran, dass Hersteller ihre Produkte weltweit anbieten wollen und sich so Rezepturen anpassen müssen.

Nur weil Lebensmittel "ohne ..." sind, heißt es nicht, dass sie frei von Zusatzstoffen sind. Das erklärt Annette Sabersky in ihrem Buch "Besser essen ohne Zusatzstoffe" (erschienen im Oekom-Verlag). Was macht also die Lebensmittelindustrie? Tricksen. Sabersky schreibt, dass stattdessen einfach Substanzen eingesetzt werden, die zwar dieselbe Wirkung haben, aber keine Zusätze im Sinne des Lebensmittelrechts sind. Die Autorin erklärt, dass Etiketten auf diese Weise "reingewaschen" werden. Dafür nennt sie drei Beispiele. 

Mehr Tipps für eine natürliche und gesunde Ernährung finden Sie in "Besser essen ohne Zusatzstoffe" von Annette Sabersky. Erschienen im Oekom Verlag. 128 Seiten. 16 Euro.

Mehr Tipps für eine natürliche und gesunde Ernährung finden Sie in "Besser essen ohne Zusatzstoffe" von Annette Sabersky. Erschienen im Oekom Verlag. 128 Seiten. 16 Euro.

Ohne künstliche Farbstoffe bedeutet, dass statt einer Lebensmittelfarbe mit E-Nummer ein natürliches Färbemittel eingesetzt wird. Der Fruchtjoghurt wird durch Rote Bete rosa, der Vanillejoghurt durch einen Kürbisextrakt gelb. Auf dem Etikett steht nur die Zutat, also beispielsweise Rote-Bete-Pulver, nicht aber die entsprechende E-Nummer.

Ohne geschmacksverstärkende Zutaten bedeutet, dass beispielsweise statt des berüchtigten Glutamats Hefeextrakt verwendet wird. Auch die enthält Glutaminsäure. Praktisch für den Hersteller, das Etikett bleibt frei von Zusätzen.

Ohne Konservierungsstoffe bedeutet meist, dass andere als die üblichen in einem Produkt enthalten sind. Carnosolsäure, nennt Sabersky als Beispiel. Das ist ein Extrakt aus Rosmarin, welches fetthaltige Speisen vor Verderb schützt. "Um die Deklaration (E 392) zu umgehen, wird auch die Bezeichnung 'Rosmarinextrakt' verwendet." 

Tricks der Lebensmittelindustrie: So werden Verbraucher getäuscht: Keine Zusatzstoffe? Von wegen!
Dieser Schnellkochreis enthält laut Label keine künstlichen Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe. Das klingt zunächst gut.

Dieser Schnellkochreis enthält laut Label keine künstlichen Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe. Das klingt zunächst gut.

Verbraucher glauben an saubere Etiketten

Problematisch kann das Tricksen für Allergiker werden, wenn sie auf einen der versteckten Zusätze reagieren. Eine Umfrage des Portals Lebensmittelklarheit zeigt außerdem, dass die sauberen Angaben auf den Etiketten funktionieren. Gut 80 Prozent von 1021 Befragten glauben an das Versprechen "ohne Farbstoffe".

Es gibt noch weitere Möglichkeiten der Verschleierungen, wie die Autorin schreibt. Beispielsweise "Zusatzstoffe so niedrig zu dosieren und einer anderen Zutat unterzumengen, dass sie keine technologische Wirkung mehr im Endprodukt hat." Enthält die Wurst im Gemüseeintopf den Konservierungsstoff Nitrit muss der nicht auf der Zutatenliste aufgeführt werden, weil er keinen Einfluss aufs Endprodukt hat. 

Es gilt: Nur weil "Frei von ..." oder "Ohne ..." darauf steht, können dennoch Zusätze drin sein. Annette Sabersky aber sagt, dass es trotzdem möglich sei "ohne" einzukaufen. Dafür sollte man im Idealfall zu möglichst vielen unverarbeiteten Lebensmitteln im Supermarkt greifen.