HOME

Gütesiegel: Sechs Lebensmittellügen – warum Sie "Premium Qualität" vergessen können

Mit gutem Gewissen kaufen wir regionales Obst, Premium-Fleisch und Chips mit natürlichen Inhaltsstoffen. Wer aber glaubt, dass sich dahinter echte Gütesiegel verbergen, hat sich geirrt.

Von Gesa Holz

In einem Meer aus Gütesiegeln verlieren Verbraucher zunehmend den Überblick

In einem Meer aus Gütesiegeln verlieren Verbraucher zunehmend den Überblick

Gummibärchen mit natürlichen Inhaltsstoffen, Dosengemüse ohne Konservierungsstoffe und Eier aus der Region. Begriffe, die wir alle kennen. Siegel, an denen wir uns alle schon einmal orientiert haben. Denn zugegeben: Wem gibt es nicht ein besseres Gefühl, wenn das Schnitzel mit einem goldenen Premium-Sticker versehen ist? Gefühlt hunderte Labels schmücken die Regale der Supermärkte. Wie viele es sind, weiß keiner genau. Sie sind ein wichtiges Instrument der Lebensmittelindustrie geworden. Dem Verbraucher geben sie das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, ein hochwertiges Produkt zu kaufen.

Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass diese Labels häufig Werbebotschaften in Siegel-Form sind. Die werden häufig von unabhängigen Unternehmen oder den Firmen selbst festgelegt. 

Laut einer Studie der Verbraucher Initiative e.V. haben sich 80 Prozent schon mal für ein Produkt wegen des Siegels entschieden. Was das Siegel bedeutet, weiß nur jeder zweite von ihnen. Stattdessen nehmen Kunden höhere Preise hin, lassen sich von unklaren Richtlinien überzeugen und schätzen die Produkte als qualitativ hochwertig ein. Am Ende profitieren die Konzerne – und ruhen sich auf der Unwissenheit der Verbraucher aus.

Um etwas Licht in das Wirrwarr aus Gütesiegeln zu bringen, haben wir uns bei den Verbraucherschützern schlau gemacht und falsche Versprechen aufgedeckt.

1) Siegel, die mit Natürlichkeit werben 

"Natürliche Inhaltsstoffe", "natürliches Aroma" oder schlichtweg "100 Prozent Natur" – mit natürlichen Inhalten haben diese Label jedoch nur entfernt zu tun. Laut der Verbraucherzentrale Bundesverband erwarten die Konsumenten naturbelassene Zutaten, frei von Gentechnik, Farbstoffen und Zusatzstoffen. Doch die Bezeichnung umfasst weitaus mehr: "Natürlich" heißt in der Lebensmittelindustrie lediglich, dass irgendein Stoff aus der Natur als Basis verwendet wird. Das können pflanzliche und tierische Stoffe oder auch Schimmelpilze sein – eben alles was aus der Natur kommt. Ein Vanille-Joghurt auf dem das Siegel "Natürliches Aroma" prangt, hat demnach wenig mit Vanille und mehr mit Mikroorganismen zu tun.

2) Siegel, die mit dem Slogan "ohne Zusätze" werben 

 "Ohne Geschmacksverstärker", "Ohne künstliche Aromen", "Ohne Konservierungsstoffe" – alles Begriffe, die ungern gesehene Zutaten ausschließen. Diese Art der Werbung nennt sich "Clean Labeling". Die Verbraucherzentrale Hamburg findet fast 60 unterschiedliche Formulierungen auf Packungen, die alle auf einen Verzicht hinweisen – für den Verbraucher höchst verwirrend. Dass für die vermiedene Zutat in den meisten Fällen ein Ersatzstoff mit einer ähnlichen Funktion eingesetzt wird, ist nur den wenigsten klar. Aus Konservierungsstoffen werden Säurungsmittel, aus Geschmacksverstärkern Hefeextrakt. 

3) Siegel, die mit Regionalität werben 

Wenn wir Lebensmittel aus der Region kaufen, wollen wir dass sie keine Weltreise hinter sich haben. "Aus unserer Region" klingt frisch, gesund und richtig. Die Produkte in den Supermärkten sind "von hier", "aus der Region", "aus der Heimat". Doch alles was die Begriffe beinhalten ist Werbung. Laut der Verbraucherzentrale Bayern sind diese Waren alles andere als regional, haben oft weite Strecken zurückgelegt. Der Begriff "Region" ist bis jetzt nicht gesetzlich definiert, wird frei und häufig irreführend verwendet. Was zählt als Region? Ein bestimmter Umkreis? Ein Bundesland? Ein Land? Wer auf Nummer sicher gehen will, fragt nach oder geht gleich zum Erzeuger.  

4) Siegel, die mit "Premium Qualität" werben 

Häufig auf Fleischprodukten, häufig in Gold und so gut wie immer Werbung. "Premium Qualität", "Unser Bestes", "Produkt des Jahres". Alles Zeichen, die auf besondere Qualität hinweisen. Überprüft hat das jedoch niemand geringeres als die Firma selbst. Was genau kontrolliert wird, ist laut der Verbraucherzentrale undurchsichtig und äußerst fragwürdig.

5) Siegel, die mit Gesundheitsversprechen werben 

Wir alle kennen sie: Produkte, die das "Immunsystem stärken", "gut für den Darm" sind oder die "Konzentration fördern". Auf Joghurt, Müsliriegeln und Säften - zahlreiche Lebensmittel versprechen Gesundheit in Siegel-Form.

Der Verbraucherzentrale zufolge ist hier erlaubt, was von der EU als gesundheitsbezogene Werbeaussage zugelassen ist. Die Hersteller bedienen sich dieser Erlaubnis aber anders als gedacht: Sobald die richtige Menge an Mineralstoffen und Co. enthalten ist, kann die Firma mit der Extraportion Gesundheit werben. Das ist meist weder sinnvoll, noch notwendig.

6) Siegel, die mit geprüfter Ware werben 

"Kontrollierter Anbau" und "strenge Qualitätskontrolle": Jede Ware muss, bevor sie in den Verkauf geht, geprüft werden. Entweder vom Erzeuger selbst oder von ausgelagerten Firmen wie das Institut Fresenius. In fast allen Fällen geht die Kontrolle aber nicht über das gesetzlich vorgeschriebene Minimum hinaus. Auf das zusätzlich erwähnte Prüfsiegel können Sie also mit gutem Gewissen pfeifen.  

Tipp: Wer dennoch unsicher ist, kann sich mit label-online, einer Website und App, einen Überblick über das Siegel-Wirrwarr verschaffen. So können Verbraucherfallen vorgebeugt werden. 

gho