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Nie wieder...: ...zum schlechten Heurigen

Weinlaub, Schnitzel, Schrammelmusik. Beim Heurigen kann's ja so schön sein. Nur nicht dort, wo die Busse parken.

Liebe Piefkes! Nur ein paar schnelle Zeilen mit herzlichen Grüßen aus dem schönen Wien, das ich im Rahmen eines kulinarischen Ausflugs gründlich durchstreifen durfte. Es ist hier alles ganz wunderbar. Der Kaffee schmeckt nach Kaffee und nicht nach Dreiminutenröstung, es gibt abgehangenes Rindfleisch von Fleischrindern und nicht nur - wie bei uns - blitzausgelieferte tote Milchkühe, an denen man sich die Zähne ausbeißt. Und dann der Wein...

Ach, der Wein! A propos... Eines gefällt mir nicht - und das sind die Heurigen. Genauer gesagt, die schlechten Heurigen.

Lasst euch kurz erklären, was das ist. Der Heurige ist zunächst mal der junge Wein vom selben Jahr. Der ist gerade so weit gereift, dass er über die Hefetrübung hinaus ist. Er kann ganz toll sein. Zweitens ist der Heurige zugleich ein Lokal; das, in dem der Wein ausgeschenkt wird. Bei uns in Deutschland heißt das Besen-, Straußen oder Heckenwirtschaft.

Kaiser Joseph II. hat 1784 verfügt, dass die Winzer ihren Wein auch selbst verkaufen können, damit sie ein Direkteinkommen haben. Das Essen konnte man selbst mitbringen. Und natürlich lagen die Heurigen vor den Toren der Stadt, da, wo die Weinberge anfangen. Inzwischen ist der Heurige eine Fixeinrichtung und zählt zu "unserer kulinarischen Dreifaltigkeit", wie Wiens Bürgermeister Michael Häupl sagt - neben dem Beisl und dem Kaffeehaus. Millionen Touristen aus aller Welt wird eingebläut, ein Heurigenbesuch sei einfach Pflicht. Und so werden sie herbeigekarrt, die Touris.

Es ist hier wie an Rhein und Mosel: Wo Busse auf dem Parkplatz stehen, da kehret niemals ein, Freunde. Hochgefährliche Regionen sind Grinzing und Neustift. Was geht dort ab? Es werden Versatzstücke altösterreichischer Gemütlichkeit präsentiert, von akzentschweren Winzerdarstellern aus Ungarn und der Slowakei, die Wienerlieder mit schrägen Akkorden aus der Quetschn begleiten. Die Quetschn ist die Ziehharmonika.

Dorthin bringt man sich natürlich keine Speise mit; was denn, mit solchen Kunden wäre ja auch kein Geld zu machen. Autobahnraststätten bei Mannheim oder Pforzheim haben mehr Charme als diese Selbstbedienungsrestaurants, bei denen der Liptauer liebevoll bei Metro oder Aldi eingekauft wurde. Auf den grünen Bänken sitzt man so unbequem, dass der Steiß schmerzt und nur noch ein weiteres Viertel die Pein betäuben kann. Und dann noch eins.

Wenn der Wein nicht selbst wehtut, denn oft ist es so genannter Piefke-Sprudel - ja, in diesen Lokalen werden wir verspottet -, der sich unter einem Winzernamen nie verkaufen ließe, und an Einheimische schon gar nicht. Kommt der Liter nicht - im Massenlokal muss man schon mal warten -, braucht man den Kellner nicht anzusprechen. Es sei denn, man möchte "Ruhig Blut, gnä' Frau" hören, "verdurstet ist bei uns noch keiner!" Ist die Bude voll, was eigentlich das Ziel der Wirte ist, kann man auch hinauskomplimentiert werden: "Hean S', seng S' net, das ma voll san, woan sa sie auf mei Schoss setzn!"

Kein Einlass ist bei diesen Lokalen ein Segen, denn man verpasst oft nur Kartoffelsalat aus dem Zehn-Kilo-Eimer und dreimal aufgewärmten Schweinsbraten vom Vortag. Die Rosenverkäufer, Zeitungshändler und Frauen mit Häkeltischdecken nicht zu vergessen, die alle ihr Zeug an euch verkaufen wollen. Das ist wie Teleshopping - nur ohne Fernseher. Übrigens kommen sie immer genau dann, wenn man gerade isst. Sie wissen eben, dass es sich mit vollem Mund nicht so leicht verscheuchen lässt.

Und wenn zu später Stunde die Rechnung kommt und man aus Kummer schon angezwitschert ist, kann es ein böses Erwachen geben. Hat man wirklich all die Viertel getrunken, oder hat der Service das eine oder andere Stricherl dazugerechnet? So genau weiß man das nie. Und wie findet ihr nun einen guten Heurigen? Am besten, ihr ruft im Vorzimmer des Bürgermeisters an, dem Hüter der Dreifaltigkeit. Es grüßt euch

Bert Gamerschlag

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