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Kitchen Guerilla: Paleo in Namibia So schmeckt die echte Steinzeit-Ernährung


Der neuste Schrei der Ernährungs-Besserwisserei heißt Paleo und schreibt einem vor, sich wie in der Steinzeit zu ernähren. Doch was hat man eigentlich in der Steinzeit gegessen? Ein Praxistest.
Von Olaf Deharde

Jagen und Sammeln von Wildtieren und allerhand Wurzeln sind bei uns schon lange nicht mehr Alltag. Trotzdem wollten wir den Versuch wagen, in die Steinzeit zurückzureisen - und dabei haben wir viel gelernt. Ob am Ende die Paleo-Ernährung, die absolute Wunderwaffe zum gesunden Leben ist, mögen wir bezweifeln.

Wo fängt man an, wenn man sich in die Steinzeit zurückversetzen will? An wen wendet man sich und wer weiß Bescheid über die genaue Ernährungsweisen vor 100.000 Jahren? Mit Hilfe der Produktionsfirma Nordend haben wir den Steinzeit-Pädagogen Werner Pfeiffer gefunden und uns mit ihm im Steinzeitmuseum Dithmarschen verabredet. Von ihm erhofften wir uns zunächst mehr Informationen zum Leben und natürlich zur Ernährung der Steinzeitmenschen.

Bei unserem Besuch an einem sehr regnerischen Tag erklärte Werner, der uns ganz steinzeitlich im selbstgebastelten Tierfell-Outfit empfing, das die Menschen in der Steinzeit aufs Jagen und Sammeln angewiesen waren und das natürlich je nach Region der Speiseplan anders ausfiel. In Dithmarschen hieß das für uns ab durch den verregneten Wald und Pilze suchen. Ein paar matschige Brennnesseln, halbwegs essbare Pilze, eine Handvoll Nüsse, zwei Forellen aus einer selbstgeflochtenen Reuse und einen Hasen. Den hatte Werner allerdings schon vorher für uns erlegt. Absolute Ausnahme so ein Tier.

Steinzeitfeeling? Nicht in Deutschland

Man kann sich also vorstellen, dass es primär um die Besorgung essbarer Pflanzen ging, als sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Auch zwei bis drei Mahlzeiten am Tag waren in der Regel nicht realisierbar. Ein Supermarkt mit Paleo-Konformem Beef-Jerkey, oder laktosefreiem Käse gab's natürlich nicht. Nach dem Zerlegen und Ausnehmen der gefangenen Tiere wurden die Kräuter und die Pilze zum Pesto und die Pilze mit dem Hasen auf dem Feuer gekocht. Die Fische wurden in Blätter eingewickelt und in der Glut gegart. Alles in allem ein Top-Menü.

Aber so richtiges Steinzeitfeeling kam bei uns noch nicht auf. Das merkte auch der gute Werner und lud uns in sein Winterdomizil in Namibia ein. Dort würde er uns einer Gruppe Buschleute vorstellen, die sehr steinzeitlich lebten. Nass, durchgefroren und noch ein wenig hungrig, willigten wir der Einladung ein, denn hungrig im Trockenen und Warmen schien uns die bessere Wahl, um uns weiter in das Thema zu vertiefen.

Werner wollte uns das im Nord-Osten Namibias gelegene "Buschmannland" zeigen, denn die "San" sind echte Jäger und Sammler. Nach einem langen Flug und einer ziemlich holprigen Strecke mit dem Jeep wurden wir von einer kleinen Dorfgemeinschaft, in der Nähe vom Ort "Tsumkwe" empfangen. Was sofort auffiel, die Männer waren extrem klein und drahtig gebaut, was zum Jagen ein großer Vorteil sein musste.

Es gibt sie noch, die echten Jäger und Sammler

Jeder Tag fängt bei den San damit an, dass Frauen und Kinder auf die Suche nach essbaren Wurzeln und Kräutern gehen. Da finden sich "Buschkartoffeln", eine sehr stärkehaltige Wurzel, die tatsächlich Ähnlichkeit mit unserer Kartoffel hat, oder Pflanzen, die unserem Spinat gleichkommen. Für eine Tagesration der ca. 25 köpfigen Dorfbewohner kann es vorkommen, dass die Frauen und Kinder mehrere Stunden unterwegs sind.

Gegen Nachmittag ging es dann mit den Männern los zum Jagen - wir waren auf der Suche nach Springhasen. Für größere Tiere braucht man mehr Zeit: Wenn man eine Antilope mit einem Giftpfeil schießt, dauert es mehrer Tage, bis das Tier stirbt und erfordert lange Fußmärsche und extrem gute Fähigkeiten im Spurenlesen. Das wollte man uns Europäern nicht zumuten. Ein Springhase, sofern man einem begegnet und ihn dann auch noch aus seinen, bis zu 40 Meter langen Erdlöchern heraus bekommt, ist da eher wie ein Gang in den Supermarkt.

Springhase zum Abendessen

Tatsächlich haben wir, mit viel Glück, einen kleinen Springhasen erwischt und waren sehr gespannt auf die Zubereitung. Bei der Jagd in Deutschland wird das Tier zuerst "aufgebrochen", um an Ort und Stelle die Innereien zu entfernen. Bei den San ist das unüblich: Das Tier wurde erst einmal an einen Baum gehängt und dann das Feuer gemacht. Anschließend wurde das Tier mit einem schweren Stein durchgeklopft. Der Sinn und Zweck dieser Übung ist uns allerdings immer noch nicht klar. Das Tier war ja bereits tot.

Nach diesem Arbeitsschritt ging es dann sofort ins Feuer, um das Fell zu verbrennen. Erst dann wurden dem Tier die Innereien entnommen und der Rest mit eher willkürlichen Schnitten zerlegt und wieder in die Glut geschmissen. Der Darm wurde halbherzig entleert und Herz, Leber und Nieren in den ebenfalls entleeren Magen gestopft, um es anschließend in der Glut zu rösten. Das war wohl die Geburt des Bratschlauchs, dachten wir uns und schlugen das gemeinsame Dinner aus, denn die doch etwas rudimentärer Zubereitung vermochte uns keinen Appetit zu machen.

Ich denke wir waren der Steinzeit schon recht nah und finden es schwer sich in unserem Zeitalter danach zu ernähren. Das Jagen und Sammeln erfordert sehr viel Zeit und keiner der San geht zwischendurch ins Büro, oder muss die Steuer machen. Wenig, bis gar keinen Zucker und wenig Kohlenhydrate gepaart mit viel Bewegung sieht man den sehr entspannten und freundlichen Menschen jedoch an. Kein Übergewicht, keine Zuckerkranken und so gut wie keine Herzinfarkte machen dieses Volk zu sehr gesunden Menschen.

Ich denke, Paleo ist ein guter Ansatz, denn die Menschen werden dazu aufgefordert sich mit ihren Lebensmitteln auseinander zu setzen. Doch strikte Verbote in der Nahrungsaufnahme sind nichts für uns. Bewusst genießen, leben und leben lassen. Zu Hinterfragen, was man alles zu sich nimmt im industriellen Zeitalter, empfehlen wir allerdings jedem.

Mehr zur Paleo-Reise demnächst auf ZDF Info
Sa 14.03 8:30 Uhr
Mo 23.03 8:30 Uhr
Di 14.04 9:45 Uhr


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