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Pilzbuchsammlung: Der Herr der Fliegenpilze

Wer Pilze sammelt, schätzt auch Pilzbücher. Sie können Leben retten - und sind obendrein schön. Christian Volbracht besitzt die weltgrößte Pilzbuchsammlung. Für sie hat er die Antiquariate von Paris bis London durchsucht.

Von Alf Burchardt

Schlecht ging es dem Russen, ganz, ganz schlecht. Er hatte Pilze gesammelt in den Wäldern vor Hannover, sie zubereitet, gegessen, und bald danach musste er sich mit heftigen Magenschmerzen ins Krankenhaus einliefern lassen. Die Ärzte wussten keinen Rat, also packten sie die Speisereste zusammen und schickten das Paket nach Hamburg, an den Einzigen, der jetzt noch helfen konnte. "Eine Pampe aus schwarzen Pilzen war das", erzählt Christian Volbracht. "Da konnte ich auch nichts mehr erkennen." Er rief im Krankenhaus an und erkundigte sich bei der Mutter des Daniederliegenden nach dem russischen Namen der Pilze, die ihren Sohn so übel hingestreckt hatten. Dann wälzte Volbracht seine Bücher, bis er herausgefunden hatte, dass es sich um den Kahlen Krempling handelte. Nun wussten die Ärzte, was zu tun war. In alten deutschen Pilzbüchern gilt der Kahle Krempling noch als Speisepilz, heute ist er von dieser Liste verschwunden, denn sein Verzehr kann zu schweren allergischen Reaktionen führen.

In Osteuropa kommt er noch immer auf den Tisch. Seltsam - sind die Russen unempfindlicher? Zieht der Kahle Krempling in Deutschland besondere Schadstoffe aus dem Boden? "Ich weiß es auch nicht", sagt Volbracht, und es kommt selten vor, dass er etwas nicht weiß, wenn es um Pilze geht. Rund 4.000 Bücher über Pilze stehen in den Regalen von Volbrachts Altbauwohnung, große und kleine, neue und vor allem alte: Einen Großteil seiner Sammlung machen Bände aus, die Pilze in all ihrer Pracht zeigen. Die Abbildungen anzufertigen war oft ein mühseliges Geschäft; Claude Casimir Gillet ließ sich deshalb beim Kolorieren seines 1874 erschienenen Werkes "Champignons de France" von Frau und Tochter helfen. Jean Louis Lucand saß zum Ende des 19. Jahrhunderts 15 Jahre lang an 12.780 Farbtafeln - für die Gesamtauflage von 30 Exemplaren seiner "Figures de Champignon". Christian Volbracht schätzt besonders eine Abbildung in Cookes "Illustrations": Dort kleben auf dem Hut eines Glimmertintlings feine Glassplitter, sie stellen die natürlichen Kristalle auf der echten Pilzkappe dar.

"Do you have books on fungi?" - "No, but I have fungi on books."

Neben Bildbänden hat Volbracht allerlei Handbücher zusammengetragen, die Sammlern helfen sollen, essbare Pilze von giftigen zu unterscheiden. "In Zeiten von Not und Kriegen erschienen davon deutlich mehr als in ruhigeren Epochen", sagt er. "Die Menschen sollten sich möglichst günstig ernähren können." Auch die Politik mischte sich ein: Im Märchenbuch "Hannerl in der Pilzstadt" findet sich in der Auflage von 1941 ein Aufruf, die Kinder mögen durch Pilzesammeln zur "Sicherung des deutschen Lebens" beitragen. Und die DDR mochte nicht zum Schutz von Pfifferlingen aufrufen; es war unmöglich zuzugeben, dass ein so bekannter Speisepilz in einem sozialistischen Staat gefährdet sein sollte. Natürlich hat auch ein Christian Volbracht erst einmal Pilze gesammelt, bevor er anfing, Bücher über Pilze zu horten. Sein Großvater nahm ihn mit in die Wälder rund um Bad Harzburg, zeigte ihm Maronen, Steinpilze und, ja, Kahle Kremplinge. Als ihn aber der Beruf nach Hamburg verschlug - Volbracht ist Redakteur bei der Deutschen Presse- Agentur -, da ging er die Sucherei systematischer an. Er kaufte sich ein erstes Pilzbuch - "Unsere Pilze" von Werner Rauh -, einen Klassiker aus dem Jahr 1959; es blieb nicht lange bei nur einem. "Bücher", sagt Volbracht, "habe ich schon immer gesammelt."

Seine Bibliothek erweiterte er bei Streifzügen durch Antiquariate. "Das waren noch Zeiten", schwärmt er, "als man zwei Stunden stöbern und dabei noch Raritäten entdecken konnte!" Heute haben die Händler ihre Bestände katalogisiert, die Schätze sind längst gehoben. Volbracht hat seinen Teil dazu beigetragen, nicht nur in Deutschland. Als ihn der Beruf für zehn Jahre nach Paris führte, zog er auch dort durch die Läden. In London erkundigte er sich bei einem Antiquar: "Do you have books on fungi?" Der antwortete: "No, but I have fungi on books." Zu Beginn seiner Sammelei war Volbracht noch zögerlich. 2.500 Mark für einen Schaeffer schien ihm einst viel zu viel Geld. Ein Schaeffer! Das erste deutsche Pilzbuch aus dem Jahre 1762!! Mit der Widmung: "Euer Euer kurfürstlichen kurfürstlichen Durchlaucht Durchlaucht" - weil es eben zwei Kurfürsten waren, denen Jacob Christian Schaeffer sein Werk gewidmet hatte. Inzwischen hat er längst ein Exemplar in seiner Sammlung. Volbracht geht zum Regal und zieht es hervor. "Das ist heute bestimmt 15.000 Euro wert", sagt er und schlägt es behutsam auf.

"Myko Libri" - das Buch der Bücher

"Alles handkolorierte Kupfertafeln!" Ganze Sammlungen kaufte Volbracht auf, irgendwann schickte er eine erste Liste mit doppelten Exemplaren an andere Pilzfreunde. Aus dem Sammeln und Kaufen wurde ein Tauschen und Verkaufen. Sein Antiquariat und seine Bibliothek finden sich auch im Internet. Vor vier Jahren dann begann Volbracht mit der Arbeit am Buch der Bücher, "Myko Libri", ein Wälzer, in dem er seine Sammlung vorstellt. Wer soll so etwas kaufen? "Pilzfreunde und Büchersammler, Wissenschaftler und Bibliothekare", sagt er ganz zuversichtlich. Über 500 Seiten hat das Din-A4-große Werk, es kostet 140 Euro, Volbracht hat 750 Exemplare drucken lassen, 200 davon bereits verkauft. Alle Exemplare hat er signiert mit der Essenz des Tintlings, angerührt nach einem 200 Jahre alten Rezept des Franzosen Pierre Bulliard. "Den Tintling kann man auch essen", sagt er, "aber dazu bloß keinen Alkohol trinken!" Herr Volbracht, dazu gibt es doch bestimmt eine Geschichte? "Oh ja, ein Schweizer Bauer, der seinen Kühen regelmäßig Bier zu trinken gab - ich weiß auch nicht, warum -, wunderte sich, dass die Tiere immer so eine Art Veitstanz aufführten. Bis er herausfand: Sie weideten nahe eines Misthaufens, und auf dem wuchsen Tintlinge."

Volbrachts Frikassee von Krauser Glucke mit Safran und Curry

Vorspeise für 4 Personen

600 g gesäuberte Stücke von der Krausen Glucke (in der Größe von Blumenkohlröschen); 40 g Butter; Salz; 200 g gute Tomaten; 1 Schalotte, klein gewürfelt; 1 Prise Safran; 1 Kaffeelöffel Curry; 5 cl Wermut (Noilly Prat); 200 g Sahne; etwas frisch gemahlener oder geschnittener Chili; Pfeffer; Zitronensaft

  • 1.Krause Glucke mit 10 g Butter in der Pfanne erhitzen, bis die Pilze Flüssigkeit abgeben. Die Flüssigkeit abgießen, filtern und beiseite stellen.
  • 2. Pilze noch einmal mit 20 g Butter und etwas Salz in die Pfanne geben und bei sanfter Hitze 10 Minuten braten.
  • 3. Tomaten heiß abbrühen, häuten und in kleine Würfel schneiden.
  • 4. Die restlichen 10 g Butter in eine Kasserolle geben, Schalotte darin anschwitzen. Safran und Curry im Pilzwasser lösen. Wermut und Pilzwasser zu den Schalotten geben. Sirupartig einkochen, dann die Sahne dazugießen und zu einer gebundenen Sauce kochen. Die Pilze und Tomatenwürfel dazugeben, mit Salz, Pfeffer, etwas Chili und einigen Tropfen Zitronensaft abschmecken, noch einmal gerade eben zum Kochen bringen und auf heißen Tellern servieren.
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