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Ramadan: Am Ende sind alle dicker

Mitte September beginnt der Ramadan. Im muslimischen Fastenmonat dreht sich alles ums Essen - aber erst nach Sonnenuntergang. Sarah Wiener hat in Marokko mitgelitten.

Von Sarah Wiener und Alf Burchardt

Steinmetze klopfen Fliesen zu Mosaiksteinchen, ein Messerschleifer treibt sein Rad mit dem nackten Fuß an. Überall in den Gassen der Medina, der Altstadt von Marrakesch, hocken Männer in schattigen Nischen und gehen ihrem Handwerk nach. So hat die kleine Sarah sich den Orient vorgestellt! In einer der Höhlen leuchtet es magentarot: Ein Färber wuchtet einen Wollballen aus einem Kupferbottich. Bei einem Töpfer kaufe ich eine Tajine, ein Schmorgefäß aus Ton, für 30 Dirham, das sind rund zweieinhalb Euro - unglaublich: Eine industriell gefertigte Tajine kostet ein Vielfaches!

Eine gute Investition, denn eine Tajine - so heißt das Gefäß, so heißt auch das Gericht - kommt oft auf den Tisch. Wer sich das teure Fleisch leisten kann, schmort gern und viel: Lamm, Rind, Huhn. Mit Pflaumen, mit Dörrobst oder mit nichts. Und mit den ewig gleichen Gewürzen. Es ist schon merkwürdig, da gibt es in diesem Land Unmengen verschiedener Gewürze - und alle frisch - , aber ans Essen kommen immer dieselben: Salz, Pfeffer, Kreuzkümmel, falscher Safran, milder Paprika. Dazu Zwiebeln und manchmal Zimt. Ich dachte, die nehmen mal was anderes - Irrtum. Was die Marokkaner sonst noch an Gewürzen haben, mischen sie in Salben oder Badezusätze.

"Unter den Füßen der Mütter liegt das Paradies"

Drei Wochen bin ich bei einer Familie zu Gast - Mutter, drei Töchter plus Onkel - in einem Riad, einem zweistöckigen Altstadthaus. Frauen und Mann haben getrennte Räume; nur im Hof treffen sie sich. Fatma, die 60-jährige, zahnlose Mutter, will mir gleich Arabisch beibringen, mit Gebeten. Ich freunde mich mit ihrer Tochter Malika an. Sie ist 28 Jahre alt, gut drauf; ich wäre es nicht, wenn ich bald in die USA ziehen und einen Mann heiraten müsste, den ich nicht kenne. Aber die Schwestern haben ihr ins Gewissen geredet, sie mache die Mutter glücklich, denn hier heißt es: "Unter den Füßen der Mütter liegt das Paradies" - da gelangst du nur hin, wenn du deine Mutter umsorgst und froh stimmst.

Es ist eine besondere Zeit, die ich in Marrakesch verbringe: Ramadan, das heißt "Sommerhitze" und ist der Fastenmonat im Islam. Jeder Muslim versucht dann, ein besonders frommes Leben zu führen. Frühmorgens, vor Sonnenaufgang, beginnt der Muezzin auf der Moschee zu rufen, erst leise, dann immer lauter, alles beeilt sich mit dem Frühstück. Wenn er fertig ist, darf man bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken, nicht rauchen und bloß keine unzüchtigen Handlungen begehen. Mehr Männer als sonst hüllen sich in Kaftane, mehr Frauen verschleiern ihr Haar. Zwei Tage lang habe auch ich versucht, tagsüber nichts zu mir zu nehmen, dann aber festgestellt, dass es mir gar nicht bekommt. Es ist einfach nicht gesund, bei Hitze so lange aufs Trinken zu verzichten. Malika hat es mit Fassung und Disziplin ertragen, aber in der Stadt konnte ich sehen, wie den Menschen im Laufe des Tages die Beherrschung immer schwerer fiel.

Mit Honig überzogenes Gebäck zum Ei? Nur zu!

Da wird es auf der Straße schon mal lauter, es kommt zu Schreiereien und Rangeleien. 36 Grad Hitze und gewaltiger Durst, bei Rauchern noch der Nikotinentzug - da liegen schnell die Nerven blank. Sobald am Abend der Muezzin wieder ruft, eilen alle nach Hause. Das Iftar, das Mahl zum Fastenbrechen, findet meist im Familienkreis statt. Auf dem Tisch stehen dann Datteln, gekochte Eier, süße Teilchen, manchmal Fischbuletten, selten Fleisch. Nachdem jeder ein paar Datteln gegessen hat - ihr Zucker sorgt für eine schnelle Energiezufuhr - kommt die Harira auf den Tisch, die berühmte Fastenbrechsuppe. Sie schmeckt im Mund nach fast nichts, ganz hinten vielleicht etwas nach Tomate - kein Wunder, Mehl, Wasser und Tomate sind die Basis. Ansonsten kommt rein, was da ist: Linsen, Kichererbsen, Nudeln, noch ein paar Kräuter. Diese Suppe gibt es immer und überall, ein Meisterwerk ist sie nie. Anschließend wird munter durcheinandergegessen, mal süß, mal salzig. Mit Honig überzogenes Gebäck zum Ei? Nur zu!

Die Küche in einem Riad ist verdammt klein, allenfalls drei Quadratmeter. Drinnen stehen ein Herd, eine Spüle und eine Kommode mit Geschirr. Ich frage mich, wie die Frauen all die Mengen zustande bringen, die auf den Tisch kommen, stelle aber schnell fest, dass sie einfach den Boden und den Innenhof als Verlängerung der Arbeitsfläche nehmen. Auch dort bereiten sie zu, stellen Lebensmittel ab und schmutziges Geschirr. Und ist der Herd besetzt, tut es auch ein Stövchen. So wie die Männer bei ihrem Handwerk fast ohne Werkzeug auskommen, machen die Frauen in der Küche alles mit der Hand. Wer es sich leisten kann oder wer Gäste eingeladen hat, versammelt sich eine Stunde nach dem Iftar erneut und setzt die Mahlzeit fort. Da kommt das ganze Programm noch mal auf den Tisch, erweitert mit Tajine vielleicht und Salaten. Dazu gibt es frisch gepressten Orangensaft, Avocadomilch und so um 23 Uhr, als Zeichen des Aufbruchs, Tee.

Die Frauen falten allerfeinste Kekse

Einmal bin ich auf einem Fest zu Gast bei einer Frau namens Sakina, sie ist die ehemalige Direktorin des Museums von Marrakesch. Bei ihr steht als Besonderheit gefüllte Milz auf dem Speiseplan. Eigentlich nichts für mich, ich bin beim Essen eher konservativ. Die Milz stopfen wir mit Hackfleisch, Nüssen, Zwiebeln und Gewürzen, bis sie schön prall ist und aussieht wie eine dicke Wurst. Sie schmort stundenlang im Backofen, dann holen die Küchenhilfen die Milz wieder heraus, mit bloßen Händen. Das Ergebnis: Wunderbar würzig - ein kulinarisches Highlight! Anschließend gibt es, wie überall, die unvermeidlichen Kekse. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Sorten, zum Ramadan ist die Auswahl besonders vielfältig. Dafür sitzen bei Malika zu Hause die Frauen auf dem Hof stundenlang im Kreis und falten allerfeinste Kekse in Form von Röschen oder Pantöffelchen. Ihr Geschick fasziniert mich, aber für meinen Geschmack sind die Kekse alle viel zu süß; zu all dem Zucker und Honig triefen sie auch noch vor Rosen- oder Orangenblütenwasser.

Die Marokkaner lieben es einfach süß, süß, süß. Überall muss Zucker rein. In die Pastilla, eine Art Schichttorte aus Eiern, Geflügel und gerösteter Mandelcreme, in das Baguette und in jedes andere helle Brot, fast kiloweise in das Wasser, mit dem die Pflaumen für die Tajine gekocht werden, an die Rosinen, die über das Couscous kommen, an die Zwiebelmousse. Selbst der Pfefferminztee ist so süß, dass ich nicht mehr als ein Glas runterkriege. Das Ergebnis dieser Esskultur lässt sich im Hamam, im Dampfbad, bewundern. Das magerste Modell bin mit Abstand ich, obwohl ich schon zwei üppige Wochen Ramadan hinter mir habe. Auch viele Marokkaner nehmen zu in ihrem "Fastenmonat": Sie stopfen bei Dunkelheit große Mengen mit vielen Kalorien in sich hinein und vermeiden tagsüber wegen der Hitze jede unnötige Bewegung. Ich kann verstehen, warum die Frauen keinem Schlankheitsideal hinterherhungern: Wer in einem Riad eingesperrt ist, kaum am öffentlichen Leben teilnehmen darf, wird zur Superköchin und braucht als Seelenaufheller viel Fett und Zucker. Und wenn du dann irgendwann zwangsverheiratet wirst, nur noch Dschellabas trägst, musst du auch keine Diät machen.

Feiern wie in 1001 Nacht

Eines Abends lädt Malika zu einer Party, selbstverständlich nur Frauen. Das ist ein bisschen wie 1001 Nacht. Es geht eineinhalb Stunden nach dem Iftar los. Eine Freundin beginnt zu singen, die anderen stimmen ein. Sie werfen CDs ein, im Fernsehen läuft eine Bauchtanzshow, alle Mädels springen auf und tanzen mit. Sie lachen sich halb tot, es herrscht eine Riesenstimmung. Dann wird Karten gespielt, werden Geschichten erzählt bis zur zweiten Mahlzeit. Als der letzte Bissen gegessen ist, gegen 23.30 Uhr, ist die Party schlagartig vorbei, Gäste und Gastgeberinnen verabschieden sich mit einem spontanen Wechselgesang, total kitschig, total schön. Dann ist es mitten in der Nacht, und du weißt, dass du bis halb vier für die ganze Familie das Frühstück fertig haben musst. Ich schlafe kurz und helfe dann Malika, die gar kein Auge zumacht. Wir stehen hundemüde in der Küche und machen Miltur, luftige Pfannkuchen aus Wasser und Grieß mit Tausenden von Löchern. Die beschmiert man, je nachdem, was man sich leisten kann, mit Arganöl oder Honig und streut Nüsse drüber.

Man weiß ja nie, wie lange ein Ramadan dauert, ob 29 oder 30 Tage. Einige Männer gucken in den Himmel, um zu sehen, wann der Mond wieder zur Sichel wird. Andere sitzen vorm Fernseher: Ist der Ramadan morgen oder übermorgen vorbei? Für Frauen kann es noch weitergehen; wenn sie ihre Tage haben, müssen sie mit dem Fasten aussetzen und die Fehlzeit hinten dranhängen. Am letzten Tag treffen sich alle Menschen auf den Plätzen von Marrakesch, beten kurz und wünschen sich Glück. Wenn man sie fragt, ob sie froh sind, dass alles vorbei ist, antworten sie: "Nein, wir sind stolz, unserem Gott dienen zu dürfen!"

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