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Hang Loose: In Australien essen sie Krokodile

Manchmal werden die Krokodile in Australien regelrecht zur Plage. Dann werden sie gefangen, getötet und gegessen. Vorausgesetzt, man erwischt sie.

Von Nataly Bleuel

Robbie Risk ist kein Künstlername – Robbie Risk heißt wirklich so. Risk gehört zu den Larrakia, den Ureinwohnern an der tropischen Nordküste Australiens, einem Stamm der Aborigines. Sein Name hilft ihm bei seinem Job – denn wer im Northern Territory die Notrufnummer der "Croc Catchers" wählt, weiß: Robbie Risk nimmt es mit der Gefahr auf. Und die kann hier bis zu fünf Meter lang werden und mit einem Biss töten.

"Dangerous Animals" steht auf dem Schild am Gatter vor dem Gewerbehof am Stadtrand von Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Ungefähr 120.000 Menschen leben hier – und an die 100.000 Krokodile. Auf Robbie Risks Hof stehen einige Fangboote, monströse Gitterfallen und ein Käfig, ausgestattet mit Kunstrasen und Sprinkleranlage. "Damit sich der Gast darin wohlfühlt", sagt Robbie Risk, lächelt verschmitzt und lässt sich in einen Stuhl in der Kaffeeküche fallen. An den Kühlschrank gelehnt steht Tommy Nichols, der Chef. Tommy Nichols besucht im Auftrag der Regierung Schulen, um die Kinder "crocwise" zu machen. Krokoschlau. So wie sie in den Großstädten "streetwise" sein müssen. In jedem Fluss, an jedem Wasserfall, in jedem noch so ruhigen "Billabong", wie sie hier in der Sprache der Aborigines die Wasserlöcher nennen, kann ein Krokodil lauern. Süß- und Salzwasserkrokodile gibt es hier, liebevoll "Freshies" und "Salties" genannt.

Lieber Krokos fressen, als sich von ihnen fressen zu lassen

Maul und Augen mit Draht und Tape verbunden: So sichern die "Croc Catchers" die Tiere, wenn die sich mit Schweinefleisch in die Fallen haben locken lassen. Im Jahr fischen sie rund 300 Krokodile. Was passiert mit all den Krokodilen? Die Australier haben ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Tier. Mitten in Darwin lockt ein Show-Terrarium voller Krokodile: hier dümpelt auch Burt im Wasser, achtzig Jahre alt, berühmter Darsteller aus "Crocodile Dundee". Auch nach drei Jahrzehnten profitiert die Region von jener Komödie, die 1987 sogar für einen Oscar nominiert war – und bis heute Touristen anzieht.

Eine Künstlerin auf einem alternativen Markt in Darwin flüstert hinter vorgehaltener Hand, ihr Freund arbeite in jener Krokofarm, die Hermès mit dem Leder für die "Birkin"-Bag beliefere, eine Tasche, heiß begehrt, der Preis: ab 60.000 Dollar. Doch der Krokodilfarmer will nicht mit Journalisten sprechen – zu groß wohl die Angst vor schlechter Presse. Zugang ins Innere einer Farm aber bekommt man nicht ohne Weiteres. Als wäre das Schlachthaus ein Tabu. Als herrsche kalter Krieg zwischen Tiertötern, Tiertaschenträgern, Tierfleischessern und Tierschützern. So formuliert es Graham Kenyon, einer von zwei Australiern, die bei dieser Frage schließlich doch weiterhelfen. Kenyon ist Ranger am Adelaide River und vom Volk der Walu.

Der andere ist der Koch Steve Sunk, den sie den "Walkabout Chef" nennen. Sunk kann aus dem huhnartigen, eher geschmacksarmen Krokodilfleisch Überraschendes zaubern. Und Steve Sunk sagt auch: "Geht zu Grahame Webb, er ist der König der Krokodile."

Der König residiert im Crocodylus-Park, einem großen Gelände außerhalb von Darwin, mit einem Teil für Touristen und einem Teil, in dem Touristen nichts zu suchen haben. Im Zoo werden die erwachsenen Krokodile in Einzelbecken gehalten. Die kleineren wuseln in Sammelbecken. Grahame Webb ist Professor, Wildlife-Manager. Bevor der Crocodile Dundee auf die Bühne der australischen Natur- und Kulturgeschichte trat, erzählt Webb, waren die Krokodile im Northern Territory nahezu ausgerottet. Denn die Weißen wollten Leder. "Das Fleisch an sich ist langweilig und mager", sagt Webb. Doch ein Krokodil ist keine Kuh. Bei der sind Haut und Fell ein Nebenprodukt, und beim Krokodil ist es das Fleisch.

An den Haken baumeln Krokodile

Sowohl Künstler als auch Metzger leben davon, dass sie ihr Messer zücken, nachdem das Tier mit einem Schuss in den Kopf getötet worden ist. Das geschieht in jenem Teil des Crocodylus-Parks, in dem Touristen nichts zu suchen haben. Von außen sieht der Schlachthof aus wie ein Bunker. Von innen wie jeder andere auch: gekachelt und stählern. Mit einem Unterschied. An den Haken unter der Decke baumeln keine Schweineschwarten. Sondern ein Urtier, hellgrün und hellrosa, schrecklich und schön zugleich. Grahame Webb formuliert es nüchtern: Lieber Krokos fressen, als sich von ihnen fressen zu lassen.

Grahames Namensvetter im Busch, Graham Kenyon, betrachtet es mit noch mehr Humor. Er sitzt bei einer Tasse Tee im Schatten eines Eukalyptusbaums, nicht einmal 50 Meter von einem Wasserloch entfernt. "Ja, ja", sagt er und grinst breit, "da liegt ein Krokodil drin, schon seit Jahren." Dann lacht er laut und sagt: "Nimm's einfach nicht so ernst! Durch Pferde- und Autounfälle kommen viel mehr Menschen ums Leben."

Gekürzte Fassung aus der BEEF!-Ausgabe 6/2014, www.beef.de

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