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Junge deutsche Winzer: Frauen an die Rebstöcke: "Wir müssen keine Revolution an den Tag legen"

Der Geschmack deutscher Weine wird immer mehr von Frauenhänden geprägt. Zwei Jungwinzerinnen aus dem Rheingau erzählen von ihrem Einstieg und wie sie es geschafft haben, in der einstigen Männerdomäne einen Fuß auf den Weinhang zu bekommen.

Winzerin Carolin Weiler

Carolin Weiler möchte als Winzerin in die Fußstapfen ihres Vaters treten und das Weingut Weiler übernehmen.

Winzer, das waren einst vor allem Männer, dominante Männer, und keine jungen, modernen Frauen. Inzwischen bröckelt das Bild. Denn immer mehr Frauen legen Hand an die Rebstöcke und prägen so den Geschmack des deutschen Weines mit. Theresa Breuer und Carolin Weiler aus dem Rheingau sind Teil dieser jungen Winzerszene. 

Eigentlich, erzählt Theresa Breuer, habe sie erst einmal ihr eigenes Leben verstehen wollen. 20 war sie und in der Findungsphase - das Abitur in der Tasche, die kaufmännische Ausbildung eben angefangen, als alles anders kam. Der Vater verstarb und die Frage, ob und wenn ja, wann sie in den Familienbetrieb einsteigen werde, war keine mehr.

Sie trat an die Leerstelle, die er hinterlassen hatte - als Rookie - und hatte Glück. Denn das Team, das sie als angehende neue Chefin empfing, nahm sie an die Hand und lehrte ihr das Handwerk von der Pieke auf. "Mein Wissen war bei nicht viel mehr als Null, als ich begann, mich reinzufuchsen", erzählt sie heute, 16 Jahre und ein Studium für Weinbau und Oenologie später. Mit Mitte 20 übernahm sie das Zepter und ist seither Herrin über 34 Hektar Rebfläche. 

Männliche Nachfolge: Die Tochter macht's

Mitte 20 war auch Carolin Weiler, als sie endlich begann, ihrer Berufung zu folgen. Auch sie ist in eine Winzer-Familie hineingeboren, auch ihre Liebe ist der Weinbau. Dass sie ihren Weg als Winzerin jetzt gehen kann, hat sie ihrem Willen zu verdanken und den beiden Brüdern. Denn die hatten andere Pläne als ein Leben für den Wein.

Carolin Weiler, die eigentlich für den Job nie vorgesehen war, "mein Papa wollte einen männlichen Nachfolger", stattdessen Erzieherin wurde, nahm einen zweiten Anlauf. Sie holte ihr Abitur nach und begann ein Studium der Weinwirtschaft. Seit mittlerweile sechs Jahren arbeitet sie an der Seite des Vaters und das "immer unter Strom, 24/7". Ihr Ziel: Nach drei Generationen männlicher Führung als erste Frau zu übernehmen.

Winzerin Theresa Breuer

Winzerin Theresa Breuer ist Chefin hinter den Weinen des Weinguts Georg Breuer.

Vater Weiler wollte das nicht. Lange hat er versucht, der Tochter die männlich dominierte Branche auszureden, musste sie aber am Ende gewähren lassen. Die Sorgen des Vaters waren nicht unbegründet. Denn Carolin Weiler hat nicht nur einmal erlebt, wie schwer es sein kann, sich als Frau in der Branche zu behaupten. "Da hört man schon mal: Die sieht einfach nur gut aus und ist deswegen erfolgreich."

Was Weiler erzählt, hat Breuer nicht erlebt. Frau oder Mann, das sei Geschichte. "Es gibt Winzerinnen, die sind 25, 30 Jahre älter. Diese Frauen haben den Kampf für uns gekämpft", sagt sie. Das Geschlecht habe sie nie als Beschränkung erlebt. Dennoch war auch ihr Weg nicht ohne Steine. Auch sie musste sich gegen Vorurteile behaupten, einzig gründeten diese auf ihrer Jugendlichkeit und dem Vorurteil, dass diese Könnerschaft ausschließe. 

Wein, Weib, Vorurteil?

Der Konflikt der Generationen blieb auch im Hause Weiler nicht aus. Bei einem Vater, der eher konservativ ist und einer Tochter voller Tatendrang dauerte es, bis sie sich auf Augenhöhe begegnen konnten und der charakterstarke Vater der Tochter einen Platz neben sich gewährte. Gerade am Anfang, als sie noch dachte, alles - vom Etikett bis zum Weinstil - müsse anders werden, knarzte die Zusammenarbeit. "1000 Mal habe ich gedacht, ich schmeiße hin." 

Aber weder Tochter noch Vater gaben auf. Gemeinsam fanden sie einen Weg, miteinander zu arbeiten. Die eine, in dem sie verstand, dass längst nicht alles schlecht war, was der Vater entschied, "er macht das seit 30 Jahren und zwar sehr gut“. Der andere, weil er der Tochter Vertrauen schenkte. "Was zählt ist Authentizität", weiß die Winzerin inzwischen. Und: "Dem Wein darf man ruhig anschmecken, dass zwei Hände an ihm gearbeitet haben."

"Wir müssen keine Revolution an den Tag legen", meint auch Theresa Breuer. Der Weinbau, das sei Arbeiten in einer Tradition. Ein Puzzle, an dem verschiedene Menschen beteiligt sind. "Jede Hand am Rebstock bis zum Fass im Keller ist eine prägende für den Wein." Ob nun Winzer oder Winzerin - wer das letzte Wort hat, sei dabei unerheblich. Dem Wein schmecke man das Geschlecht nicht an. Sie sagt: "Ich takte mit dem Kellermeister total gleich. Ich suche im Wein nichts anderes als er, nur weil ich Brüste habe." 

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Nicht nur die Branche verjüngt sich und wird moderner. Auch die Weinrunde mit "Herren-Geschwafeltum" habe sich in den letzten Jahren geöffnet, sei weniger exklusiv, meint Breuer. Wein kann eben auch trinken, wer kein Hobby-Sommelier ist. "Die Branche ist freigeistiger geworden, zugänglicher. Es ist inzwischen viel mehr Leichtigkeit erlaubt. Wein darf auch einfach zum Genießen gekauft werden." 

"Es geht auch darum, von dem Gedanken wegzukommen, dass Weintrinken schnöselig ist", sagt auch Carolin Weiler. Die Winzerin hat es sich deshalb auf die Fahnen geschrieben, Wein zugänglich zu machen, ohne dabei Mainstream zu sein. „Es bringt ja nichts, wenn ich am Ende nur die Vollprofis anspreche.“

Theresa Breuer und Carolin Weiler sind zwei von vier Winzerinnen, deren Arbeit im Film "weinweiblich" porträtiert wird. Der Film wird aktuell in ausgewählten Kinos gezeigt.