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Paleo im Selbstversuch: Plötzlich empfinde ich das Steinzeit-Essen nicht mehr als Qual

Tag 13: stern-Autorin Sonja Helms wundert sich darüber, wie leicht ihr der Verzicht inzwischen fällt und wie gut es ihr geht. Klingt wie Gehirnwäsche? Fühlt sich auch ein wenig so an.

Seltsames geschieht mit mir. Eine Veränderung macht sich langsam bemerkbar, die ich noch vor zehn Tagen nicht für möglich gehalten habe: Die Umstellung fängt langsam an zu greifen - und es geht mir gut dabei. Nur mein Kopf ist hier und da noch etwas langsam und wundert sich.

Vergangenen Sonntag zum Beispiel war ich zum Brunch eingeladen, ein beruflicher Termin, und ich hatte durchaus Hunger und Appetit mitgebracht, weil ich keine Zeit hatte zu frühstücken. Das Buffet war nicht für mich optimiert, natürlich nicht. Es gab das Übliche: Brot, Brötchen und Croissants, Käse und Wurst, Müsli und Früchtequark, leider keine Eier, etwas Salat, verschiedene kalte und warme Gerichte, eine hübsche, reichhaltige Dessertauswahl. Mit Schokokuchen, fluffig-weich und saftig.

Alles liegen gelassen - freiwillig

Das sah alles gut aus, keine Frage, nur kam das meiste für mich nicht infrage: Hier Getreide, Milchprodukte oder Hülsenfrüchte, dort Zucker. Und ich? Ohne jemanden an meiner Seite, der mich kannte und der mir hätte sagen können: "Ha, erwischt! Das ist aber nicht Paleo!", griff ich zu Obst und Salat. Freiwillig. Ich erlaubte mir zwei Ausnahmen: ein winziges Stück Hähnchen in Sauce, wobei ich die Sauce abkratzte und auch nicht nachgefragt habe, ob das Hühnchen wenigstens Bio ist, und etwas von der Gemüsequiche, von der ich nur die Füllung aß und an der garantiert etwas Milch dran war. Geschenkt - den Teig habe ich liegen gelassen, so wie alles andere auch. Ich war erstaunt.

Das Entscheidende war aber: Es fiel mir überhaupt nicht schwer. Selbst die Ausnahmen hätte eigentlich nicht sein müssen, trotz Hungers. Überhaupt war der Hunger allein bisher kein Argument, alles über Bord zu werfen, ich halte ihn mittlerweile deutlich besser aus als zu Beginn. Und ich weiß noch nicht, ob dies einfach nur der Challenge geschuldet ist und ich das nur durchziehen möchte, weil ich mich nun einmal dafür entschieden habe, oder ob das womöglich so bleibt.

Fast wie Gehirnwäsche

Im Moment fühle ich mich fast wie nach einer Gehirnwäsche - freiwillige Unterwerfung, das finde ich eigentlich gruselig, zumal mir alles Dogmatische beim Essen immer zutiefst suspekt war und ist. Doch ich muss auch sagen, dass mir mein eher überschaubarer Speiseplan sehr gut bekommt. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich inzwischen auf vieles verzichte, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist ein bisschen wie beim Fasten: Nach ein paar Tagen, an denen man durch die Hölle geht, ist der Verzicht kein Thema mehr.

Positiv an der Sache ist, dass man sich wirklich bewusst wird, was man isst - und vorher gegessen hat. Ich dachte zum Beispiel, dass ich schon viel Obst und Gemüse esse, aber verglichen mit den Mengen, die ich jetzt zu mir nehme, war das überschaubar. Was auch gut ist: Man entdeckt viel Neues, das sich auch in einen "normalen" Speiseplan integrieren lässt. Dazu später mehr.

Wie wird es weitergehen?

Viele "Paleo"-laner bleiben im Großen und Ganzen dabei, wenn sie die Umstellung erst einmal geschafft haben - auch ohne medizinische Notwendigkeit, einfach, weil sie sich besser fühlen. Das jedenfalls ist in Foren zu lesen. Trotzdem erlauben sie sich zwischendurch auch sogenannte Cheat-Days, wo sie auch mal Pizza, Pasta und Pommes essen - aber eben als Ausnahme.

Meine Kollegin Denise Wachter und ich fragen uns oft, wie es wohl in zweieinhalb Wochen aussehen wird, wenn die Challenge vorbei ist? Was werden wir essen? Wird es ein rauschendes Fest geben mit Brot und Nudeln und allem, worauf wir vier Wochen verzichtet haben? Die Umstellung zurück auf "normal" ist sicher schnell vollzogen, daran habe ich keinen Zweifel. Oder werden wir es langsam angehen lassen, wie empfohlen, und darauf achten, wie wir was vertragen? Werden wir womöglich bei jedem Bissen Brot oder Nudeln oder Kuchen ein schlechtes Gewissen bekommen?

Hoffentlich nicht. Diesen Gedanken finde ich jetzt schon mehr als befremdlich, aber wer weiß. Inzwischen halte ich es immerhin nicht mehr für kategorisch ausgeschlossen, zumindest in Teilen so weiterzumachen. Nur mein Gehirn hinkt, wie gesagt, noch hinterher.

Sie können Sonja Helms hier auf Twitter folgen: @shelmss.

Sonja Helms
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