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Paleo im Selbstversuch: Wie sich die Steinzeitkost mit der modernen Welt verträgt

Tag 9: Die erste Woche ist geschafft, die Gelüste sind überwunden - das ist gut. Dennoch verläuft eine Umstellung nicht immer reibungslos. stern-Autorin Sonja Helms über Hindernisse im Alltag.

Schluss mit dem Jammern! Das wollte ich eigentlich schreiben. Den Brot- und Pasta-Ballast abgeworfen und den Blick nach vorne gerichtet, könnte ich mich voller Energie und Euphorie auf das freuen, was da noch kommt. Nach der ersten Woche, heißt es, soll alles besser, leichter werden. Und das wird es auch, dazu später mehr. Zunächst so viel: Die Umstellung ist und bleibt eine Umstellung und bedeutet in diesem Fall eine recht radikale Abkehr von vielem, was ich jahrzehntelang anders gemacht habe und was 90 Prozent der Mitmenschen anders machen. Das ist nicht immer einfach und geschieht nicht reibungslos. Wenn man selbst etwas in seinem Leben ändert, und sei es "nur" die Ernährung, heißt das noch lange nicht, dass sich die Welt um einen herum entsprechend mitändert.

Überall lauern Fallen

Mein Alltag mit kleinem Kind gibt es leider nicht her, dass ich drei Stunden nur mit der Essenszubereitung verbringe, auch wenn ich wollte. Wir haben hier in der Redaktion ohnehin keine Mikrowelle, von daher fällt der Tipp, Reste vom Abendessen einzupacken, weg. Ich bin meist darauf angewiesen, mir mittags etwas Essbares zu organisieren. Nehmen wir einen gewöhnlichen Freitag wie heute. Ich hatte heute Morgen keine Zeit, zu Hause Gemüse zu schnippeln, um es mitzunehmen, vom Kochen oder Braten ganz zu schweigen. Zum Glück gibt es eine Kantine, und freitags, welch Glück, gibt es sogar Rührei. Ich freute mich, es war sogar noch welches da, doch die Masse sah verdächtig hell aus - sie war mit Milch zubereitet worden und kam für mich somit nicht infrage. Für gebratenen Speck pur war ich nicht verzweifelt genug; immerhin bekam ich noch ein gekochtes Ei, was mich über den Vormittag rettete.

Die Kantine ist somit nicht immer eine Hilfe - aber einer der wenigen Orte für die Mittagszeit, wenn es einmal schnell gehen muss. Ob das dort angebotene Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren stammt, wage ich zu bezweifeln. Die Salatbar hat zwar auch rohe, nicht angemachte Salatblätter, Gurkenscheiben und Tomaten. Vieles ist aber bereits mariniert und ich frage mich: Ist da Zucker dran? Oft sehe ich: Da ist auf jeden Fall Joghurt, Sahne, Schmand oder dergleichen in der Sauce, kommt also nicht in Frage.

Die Welt is(s)t, wie sie is(s)t

Manchmal kommt gar nichts in Frage. Dann suche ich eine nahe gelegene Salatbar auf, die mich in den ersten Tagen rettete. Einmal war ich zehn Minuten zu spät da. Die Salatbar war: leer. Komplett leergefegt. Da stand ich dann, irritiert, in Zeitnot, hungrig. Der Bäcker bot keine Alternative, ich musste ich ein nahe gelegenes Restaurant gehen, zu einem Italiener, der neben Pasta und Pizza auch Antipasti hatte. Kurzes Gespräch, dies und jenes und welches bitte nicht, Blicke untereinander, noch so ein Freak!, aber ich bekam meinen Gemüseteller und war im Glück. Ob die eingelegten Möhren oder die Rote Bete nicht vielleicht doch mit einem Hauch Zucker abgeschmeckt waren und nicht, wie es "erlaubt ist", mit Honig oder Ahornsirup, weiß ich nicht. Irgendeinen Tod stirbt man immer.

Was ich damit sagen will: Ich habe also leider Hunger, oft, jedenfalls tagsüber. Das soll kein weiterer Jammer-Beitrag sein, wie ein Leser kritisch anmerkte, es ist die schlichte Tatsache. Und immerhin hat es mich noch nicht dazu verleitet, die Paleo-Challenge abzubrechen. Aber: Als besonders alltagstauglich hat sich diese Kostform für mich noch nicht erwiesen, nicht in der Welt, in der wir leben. Das kann man finden, wie man will, ist aber so. Vieles an Paleo ist sicher richtig (und wird an anderer Stelle näher erötert), es fällt im Alltag nur oft schwer - eben weil die Welt is(s)t, wie sie is(s)t.

Der Versuchung widerstanden

Abschließend aber noch ein paar positive Aspekte. Jenseits von Hunger und einer oft mühevollen Essensbeschaffung - was mit etwas Humor betrachtet durchaus steinzeittypisch ist - habe ich den Eindruck, dass ich besser schlafe und morgens nicht mehr ganz so gerädert bin, wie sonst oft. Ich komme leichter aus dem Bett, selbst wenn ich müde bin.

Die Gelüste sind weitgehend überwunden, tatsächlich. Ich kann ziemlich gut verzichten und widerstehen. Das festzustellen freut und motiviert mich. Seit heute Morgen steht etwa drei Meter von mir entfernt ein duftender, selbst gebackener Hefezopf, den eine Kollegin mitgebracht hat und von dem andere Kollegen sagen, er schmeckt, wie er riecht: köstlich! Und ich erfreue mich an dem Geruch, probieren muss ich ihn gerade nicht zwingend. Ein Fortschritt? Hoffentlich.

Sie können Sonja Helms hier auf Twitter folgen: @shelmss.

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