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Paleo im Selbstversuch: Warum ich wie ein Steinzeitmensch esse

30 Tage soll sie dauern. Die Challenge. Die Ernährungsumstellung. stern-Redakteurin Denise Wachter und Autorin Sonja Helms wollen es wissen: Was ist dran am Paleo-Trend?

Ich liebe die Gastfreundschaft meiner Verwandtschaft in Litauen. Vor allem die kulinarische. Denn niemals muss jemand hungern oder gar Angst haben, dass die Kehle trocken bleibt. Klingt super, aber genau da liegt der Haken: Eine Woche lang wurde ich von morgens bis abends mit Tonnen von Kartoffelklößen, Bergen von Fleisch, Flüssen aus Sekt und Bier, triefendem Fett und Trillionen von Kalorien verwöhnt. Und "Nein" sagen gleicht in Litauen schon fast einem Familienverrat. Deshalb habe ich diesen Entschluss gefasst: Ich ernähre mich 30 Tage wie die Steinzeitmenschen, damit ich mich nicht mehr wie eine Dorfkugel fühle. Und für diese Ernährung gibt es sogar einen Fachausdruck: Paleo oder der Verzicht auf alles, was Spaß macht und lecker ist (Kohlenhydrate, Zucker, Wein, Kaffee und Milchprodukte).

Aber was habe ich mir eigentlich dabei gedacht, 30-Tage-Paleo-Challenge? Richtig, die nächsten vier Wochen werden meine Kollegin Sonja Helms und ich uns ausschließlich von Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Eiern und einer Handvoll Nüsse pro Tag ernähren. Dabei liebe ich die italienische Küche, aber leider ist Pasta, Pizza und Parmesan erst einmal tabu. Allein der Gedanke daran löst bei mir blanke Panik aus. Sofort kriege ich Heißhunger auf Spaghetti Bolognese mit einem Berg Parmesan und dazu einen gekühlten Sauvignon Blanc. Oder neapolitanische Pizza, die mit dem krossen Rand, frisch aus einem Steinofen. Pustekuchen!

Bolognese-Sauce ist zwar erlaubt, aber nicht mit Spaghetti, sondern mit Zucchini-Streifen ohne Käse, weil Milchprodukte auch auf der No-Go-Paleo-Liste stehen. Zumindest für die ersten 30 Tage. Denn diese könnten wegen des Milchzuckers (Lactoseunverträglichkeit) zu Verdauungsproblemen führen. Die krosse Pizza wird übrigens mit Blumenkohl-Teig ersetzt. Tja, das habe ich jetzt davon. Ich bin gespannt, wer von uns die Erste sein wird, die an der Weinflasche hängt, ein Stück Parmesan zwischen den Zähnen haben wird oder sich Milchkaffee intravenös verpasst. Die 30-Tage-Challenge kann beginnen.

Ist Paleo für Masochisten?

Das Paleo-Kochbuch von Nico Richter verspricht "Power for Life", soll 115 leckere Rezepte enthalten und dich mit einem Lächeln durch den Paleo-Horror führen. Genauso hört sich die Challenge nämlich an. Tag eins ist noch nicht einmal abgeschlossen, ich jammere aber schon auf hohem Niveau. Diese Challenge werde ich niemals durchhalten. Aber ich möchte es unbedingt probieren. Denn die Neugierde überwiegt.

Und zugleich frage ich mich, was das eigentlich soll, diese Ernährungsumstellungen, der Verzicht auf Kohlenhydrate und Milchprodukte. Nico Richter lächelt vom Cover seines Kochbuchs und scheint glücklich. Und er verspricht, dass man sich nach der Umstellung fitter, vitaler und gesünder fühlt. Und das ohne Nudeln? Lächerlich. "Paleo für Genießer" ist für mich momentan eher "Paleo für Masochisten". Ich ernähre mich sehr bewusst, viel Obst und Gemüse, selten Fleisch, und wenn dann nur aus artgerechter Haltung, aber für mein Leben gerne esse ich dampfende Pasta in einer sämigen Tomatensauce, Basilikum und viel Parmesan.

"Nein, ich kann kein Eis essen"

Die Kollegen im Büro sind auch nicht sehr hilfreich. Der eine streckte mir sogleich eine offene Tüte M&Ms entgegen. Der Geruch nach gerösteten Erdnüssen mit Schokolade überzogen, ließ mich fast mit offenem Mund nach den Schokonüssen lechzen. "Alles Einbildung", wirft er mir vor. Die nächste Kollegin schrieb sogleich eine E-Mail, ob ich jetzt nicht einmal mehr Eis essen könnte? "Nein, kann ich nicht". Denn "Paleo" kann auch mit "kaltem Entzug" ersetzt werden. Denn fehlender Zucker im Gehirn führt dazu, dass mein Kopf permanent "Pizza", "Pasta" und "Parmesan" schreit.

Im Buch stehen die "Entzugserscheinungen" detailliert beschrieben: "gesteigerter Appetit auf alles Verbotene" (oh ja!), "Müdigkeit" (noch keinen Unterschied bemerkt), "Kopfweh" (sehr stark), "schlechte Stimmung" (ich könnte die Bürokollegen auffressen). Tag eins ist fast vorbei, gegessen habe ich heute Paleo-gerecht: eine Frittata vom Vortag mit Sellerie, Spinat und Tomaten, Salat zum Mittag und Putenbrust mit Salat zum Abendessen. Zwischendurch gab es drei Pfirsiche. Mal sehen wie die nächsten 29 Tage werden.

Sie können Denise Wachter hier auf Twitter folgen: @wachter_denise.

Morgen berichtet meine Kollegin Sonja Helms von ihren ersten beiden Paleo-Horror-Tagen. Obwohl, wer weiß, vielleicht sind es bei ihr ja Freudentage?