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Hollande verkauft Weinvorräte: Haushalt stopfen mit edlen Tropfen

Wenn Angela Merkel heute François Hollande trifft, wird es um Frankreichs Wirtschaftslage gehen. Dabei bemüht sich der Präsident bereits: Er versteigert Spitzenweine zu Gunsten des Staatsaushalts.

Von Leo Klimm, Paris

Sollte die Stimmung zwischen Angela Merkel und François Hollande an diesem Donnerstag mal wieder verkrampft sein, wird Frankreichs Staatschef ein natürliches Entspannungsmittel vielleicht bitter vermissen: Pardon, Madame la chancelière, aber im Weinkeller des Pariser Präsidentenpalasts ist keine Flasche von dem famosen 1990er-Petrus mehr aufzutreiben. Kein Wunder: Der edle Tropfen wird zeitgleich mit dem Kanzlerinnenbesuch am Donnerstagabend im Auktionshaus Drouot versteigert. Mindestgebot für den Ausnahme-Bordeaux: 2200 Euro.

So geht Sparen auf Französisch: In Zeiten der Krise verkauft der Elysée meistbietend zehn Prozent seines Weinbestandes, rund 1200 Flaschen. Der Erlös wird allerdings nicht vollständig zurückgelegt. Sondern zumindest teilweise zum Wohl der französischen Winzer reinvestiert - "in bescheidenere Weine", so die Ankündigung. Und der Überschuss aus der Versteigerung, der über den präsidialen Wein-Etat von jährlich etwa 200.000 Euro hinausgeht, fließt in die Staatskasse. Wer also bei Drouot ein Fläschchen ersteht, tut etwas für die Sanierung des maroden französischen Haushalts.

Präsidenten-Wein im Wert von 250.000 Euro

Hollande hatte kürzlich den Verkauf von Staatsbeteiligungen angekündigt. Beobachter dachten eher an Anteile am Atomstrom-Riesen EDF oder an der Rüstungsschmiede Thales. Doch der Präsident fängt lieber bei sich selbst an. Und ganz klein. Dafür dürfte Hollande wenigstens das mit der Versteigerung verbundene Sparziel - anders als im Kampf gegen Milliardenlöcher im Staatshaushalt - locker schaffen: Schon der Marktwert der feilgebotenen Weine liegt bei mindestens 250.000 Euro. Der Prestigefaktor des Elysée, der den Flaschen ebenso anhaftet wie ein für die Auktion entworfenes blau-weiß-rotes Etikett, ist da noch nicht eingepreist.

Von Loire-Weinen über Champagner und Cognac bis hin zu schweren Roten von der Rhône bietet der seit 1947 aufgebaute Präsidenten-Keller das Beste aus Frankreichs Weingegenden. Am stärksten vertreten sind Burgund und Bordeaux. Das spiegelt die Vorlieben von Ex-Staatschefs wie Valéry Giscard d'Estaing wider. "Alle angebotenen Weine wurden am Tisch des Präsidenten serviert", versichert man im Elysée. Der Rebensaft, der womöglich Charles de Gaulles Hemmungen lockerte, Panzer gegen 68er-Demonstranten aufzufahren oder jene Weine, die Jacques Chirac zu Atomtests in der Südsee inspiriert haben mögen - man kann sie jetzt kaufen.

"Die Preise werden explodieren"

Kaufinteressenten dürfen die flüssigen Schätze seit einigen Tagen in Augenschein nehmen. Dazu werden sie geheimnisvoll inszeniert. Wie verbotene Hehlerware in einer Räuberhöhle: Wer Etikett, Befüllung und Farbe der Flaschen prüfen will, muss - nach Voranmeldung - in ein ehemaliges Kreidebergwerk im Pariser Vorort Issy-les-Moulineaux. Ein langer, dunkler, feuchter Bergwerkstollen führt tief unter die Erde.

Hier lagern in Schimmelgeruch und Schummerlicht die 1200 Flaschen - gut beschützt durch ein schweres Gitter mit Riegelschloss. Und durch Ambroise de Montigny. Der Weingutachter hat die Mindestgebote für die Auktion festgelegt. Manche Flaschen wie ein Elsässer Riesling von 1989 starten bei 30 Euro. De Montignys Geheimtipps – der Château Latour von 1936 und der von 1961 - kosten mit Startpreisen von 480 Euro respektive 2000 Euro freilich etwas mehr. "Die Preise der großen Namen wie Latour oder Mouton Rothschild werden explodieren!", jubelt der Keller-Kenner. De Montigny erwartet, dass neureiche Käufer aus China und Russland teils das Dreifache der aufgerufenen Summen bieten - also mehr als 5000 Euro. "Die meisten Flaschen werden ins Ausland gehen. Sie sind Spekulationsobjekte."

Kritiker wittern Landesverrat

Genau das erbost viele Kritiker in Frankreich. Sie wittern in der Versteigerung Verrat an einem der höchsten Kulturgüter des Landes, dem Wein. Der Sammler Michel-Jack Chasseuil etwa, der selbst an die 40.000 Flaschen besitzt, wollte den vermeintlichen Ausverkauf in letzter Minute stoppen: Die Flaschen des Elysée "werden Milliardären aus aller Welt in die Hände fallen und wir werden dann jammern, dass wir sie nicht mehr haben", echauffiert er sich in einem Brief an Hollande. Besonders Jacques Chirac habe im Tiefgeschoss des Elysée viel Aufbauarbeit geleistet - "nachdem die meisten guten Flaschen unter François Mitterrand weggetrunken worden waren". Eine der ersten Amtshandlungen Chiracs war 1995 in der Tat die komplette Modernisierung des Weingewölbes. Es herrschte ein besonderer Geist zu dieser Zeit im Präsidentenpalast. Wenn auch kein sparsamer.

Chiracs Nachfolger Nicolas Sarkozy trank keinen Tropfen Alkohol. Obwohl Angela Merkel über dessen Ablösung durch Hollande nicht gerade glücklich war, schätzt sie den Sozialisten dem Vernehmen nach nun zumindest dafür, dass man mit ihm auch mal ein Gläschen trinken kann. Selbst wenn man selbst Wasser predigt.

Merkel kann beruhigt sein: Nach der Auktion stehen im Keller des Elysée noch fast 11.000 Flaschen zur Auswahl. Darunter auch vorzügliche Spannungslöser aus Bordeaux. Nur der famose 1990er-Petrus ist jetzt nicht mehr da.