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Kaffeepreise: Warum Kaffee so spotbillig ist

Kaffee ist ein Milliardengeschäft. Er ist die zweitwichtigste Handelsware nach Erdöl. Die Gewinne sind enrom. Fast alle verdienen prächtig. Bis auf die Plantagenbauern in den Schwellenländern.

Burundi  Ein Großteil der Kaffee-Ernte aus Burundi geht unter anderem nach Deutschland. Die Kaffeebohnen wachsen in dem für afrikanische Verhältnisse winzigen Staat in einer Höhe von 1200 Metern. Sie zeichnen sich durch ein vollmundiges Aroma mit großer Milde aus. In Deutschland wird Burundikaffee meist Mischungen für Alltagskaffees hinzugegeben

Burundi
Ein Großteil der Kaffee-Ernte aus Burundi geht unter anderem nach Deutschland. Die Kaffeebohnen wachsen in dem für afrikanische Verhältnisse winzigen Staat in einer Höhe von 1200 Metern. Sie zeichnen sich durch ein vollmundiges Aroma mit großer Milde aus. In Deutschland wird Burundikaffee meist Mischungen für Alltagskaffees hinzugegeben

Der Unterschied zwischen einem Ei und einer Kaffeebohne ist schon rein ökonomisch betrachtet riesengroß. Man kann das Ei braten, kochen, fein verzieren und in edelstem Ambiente servieren – aber nie wird es eine Wertsteigerung erfahren, wie sie bei der unscheinbaren Kaffeebohne möglich ist: Wer im schicken Coffeeshop eines der Produkte mit den exotischen Namen bestellt, zahlt dafür leicht drei oder vier Euro. Dafür bekommt er meist viel Milchschaum und dazu ein paar Gramm Kaffee, die dem Bauern, der ihn angepflanzt, bewässert und gehegt hat, oft kaum einen ganzen Cent einbringen. Wer Kaffee trinkt – und das tun die Deutschen mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 153 Litern im Jahr 2009 reichlich –, der wird zum Teil eines globalen Geschäfts, an dem die Existenz von Dutzenden Millionen Menschen hängt. Allein 25 Millionen leben davon, die reifen Bohnen von den Kaffeepflanzen zu pflücken.

Von Mittelamerika über Afrika bis nach Vietnam sind 10 Millionen Hektar Fläche mit Kaffee bedeckt. Die weltweite Ernte wird in der Saison 2009/2010 voraussichtlich bei 120 Millionen Sack mit je 60 Kilogramm liegen. Die Bohnen werden in den Anbauländern zwar gewaschen, getrocknet, sortiert und verpackt - aber das eigentliche Geschäft auf dem Weg von der Pflanze zur Tasse findet meist in den Industriestaaten statt. Denn das Kaffeegeschäft ist komplex und erfordert viel Kapital, dazu Wissen über Märkte und modernste Technologien. An den Börsen ist Kaffee einer der umsatzstärksten Rohstoffe -und zieht gerade in den letzten Jahren immer mehr Spekulanten an. Auch deshalb schwanken die Preise an den großen Handelsplätzen New York oder London so stark, dass jeder Kaffeehändler sich mit Termingeschäften gegen plötzliche Preisausschläge absichern muss, um am Markt bestehen zu können. Im Moment sind die Notierungen so hoch wie seit über zwölf Jahren nicht mehr. Anfang Oktober kostete das englische Pfund zu 453 Gramm der Sorte Arabica in New York 1,80 Dollar – das ist mehr als viermal so viel wie noch 2001.

Für die Bauern ist das ein Segen, auch wenn ihnen niemand garantieren kann, dass die Weltmarktpreise oben bleiben. Für den Verbraucher führt der Preisauftrieb bei Rohkaffee dagegen allenfalls zu moderaten Aufschlägen. Denn auf die Kosten für die Ursprungsware kommt es für ihn kaum an. Die wahre Kunst der großen Player am Kaffeemarkt – beispielsweise Dallmayr, Tchibo oder Melitta – besteht nämlich darin, aus den Bohnen ein Produkt zu schaffen, das viel mehr wert ist als die Rohware. Der Klassiker dabei ist der gemahlene und vakuumverpackte Röstkaffee, der etwa 80 Prozent des Verbrauchs in Deutschland ausmacht.

Schon bei dieser Massenware liegt der Löwenanteil der Wertschöpfung im reichen Norden und nicht im armen Süden, wo die Bohnen herkommen. „Der Anteil der Produzenten am Verkaufspreis des Röstkaffees im Einzelhandel liegt in der Regel deutlich unter zehn Prozent“, sagt der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Exakte Zahlen kann der Professor nicht nennen, denn die Handelsketten sind sehr unterschiedlich.

Mal sind zahlreiche Zwischenhändler und Dienstleister beteiligt, mal kommt der Kaffee ohne große Umwege von der Plantage zum Kunden. Auch der Deutsche Kaffeeverband spricht nur ungern über Preise – wohl auch, weil die Kartellbehörden stets auf der Suche nach Wettbewerbsverstößen sind. Viele große Röster mussten bereits hohe Strafen zahlen, als sie bei illegalen Absprachen erwischt wurden. Einen Anhaltspunkt für die Zusammensetzung des Kaffeepreises liefert der Branchenverband doch: Vor einigen Jahren hat er ein „Schema“ herausgegeben, das die Grundzüge des Geschäfts zeigt: 23 Münzen liegen da aufeinander, sie symbolisieren, zusammengenommen, den Endpreis. Die ersten zwei, also keine zehn Prozent, bekommt der Pflanzer. Dann kassieren Aufbereiter, Exporteure, Zollämter. Kräftig greift der deutsche Staat zu, der eine Kaffeesteuer von 2,19 Euro pro Kilo Röstkaffee erhebt und am Ende noch mal sieben Prozent Mehrwertsteuer auf den Endpreis schlägt. Genaue Daten über Preise und Kosten geben die Anbieter von fair gehandeltem Kaffee heraus, wie zum Beispiel die Gepa.

Derzeit kostet ein Pfund Bio-Arabica des Fair-Trade-Unternehmens 7,49 Euro. Davon sind 1,59 Euro Steuern, 1,24 Euro kassiert der Handel, 1,15 Euro nimmt die Gepa für Management, Vertrieb und Verwaltung, außerdem verdienen Lageristen und andere Dienstleister – und der Bauer bekommt etwa 1,50 Euro. Das entspricht zwar nur rund einem Fünftel des gezahlten Preises, dürfte aber ein absoluter Spitzenwert sein.

Denn der Trend geht zu immer höherwertigen Kaffeeprodukten, die in den reichen Ländern immer weiter verfeinert werden. Das verstärkt das Ungleichgewicht zwischen Bauern und Industrie. Allein zwischen 2004 und 2009 hat sich der Verbrauch von Einzelportionen für Kaffeemaschinen in Deutschland auf 30.000 Tonnen verzehnfacht. Nespresso, eine Tochter des Nestlé-Konzerns, präsentiert ihre Maschinen in Läden, die wie kleine Kathedralen wirken, inklusive der nötigen Kaffeekapseln. Rund zwei Milliarden Euro setzten die Schweizer vergangenes Jahr mit den Döschen um – und das bei Preisen von rund 30 Cent für die Portion von fünf, sechs Gramm Kaffee. Das entspricht einem Kilopreis von etwa 60 Euro. Dafür bekommt der Kunde einen ebenso schnellen wie leckeren Kaffee.

Ob das Rohprodukt dafür dann einen, zwei oder drei Dollar das Pfund kostet, ist beinahe egal. Nespresso ist nur ein Beispiel für die Abkehr vom guten, alten Filterkaffee; Espresso und Caffe Crema gewinnen Marktanteile. Der Hauptgeschäftsführer des Kaffeeverbandes, Holger Preibisch, rechnet vor, dass 2009 mehr Espressobohnen verkauft wurden als in den gesamten 90er Jahren. Der Betriebsstoff für glitzernde Kaffeevollautomaten sichert höhere Gewinne als das traditionelle Geschäft.

Bei den Discountern findet dagegen ein Preiskampf statt, der kaum Spielraum lässt: weder für hohe Margen noch für eine besonders fürsorgliche Geschäftsbeziehung zu den Produzenten. Bei Aldi kostet die 500-Gramm-Packung „Markus Kaffee Gold“ nur 2,49 Euro. Mehr als die Hälfte davon kassiert der Staat für Kaffee- und Mehrwertsteuer.

Markenware ist zwar rund 30 Prozent teurer, aber relativ gesehen noch immer viel billiger, als es der Kaffee zu Omas Zeiten war. 1958 entsprach der Preis für 500 Gramm Kaffee dem Durchschnittslohn für vier Stunden Arbeit. Heute muss der Durchschnittsdeutsche nur noch eine Viertelstunde für das Pfund arbeiten. Natürlich steckt in den billigsten Packungen von Aldi und Lidl kein edler Arabica aus biologischem Anbau in ausgesuchten Lagen. Aber dass der Kaffeegenuss trotz des Verfalls der relativen Preise noch immer ein Statussymbol sein kann, liegt an etwas anderem: Es ist einfach schick, mit dem Pappbecher in der Hand in die U-Bahn zu steigen. Zur Hochzeit des Filterkaffees hätte das nur dämlich ausgesehen. Aber da hatten uns die Marketingstrategen und Produktdesigner auch noch nicht klargemacht, dass der öffentliche Konsum trendiger Kaffeespezialitäten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist. Und ja, auch das stimmt wie eh und je: Er schmeckt und macht wach.

von Stefan Schmitz / print