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Stern-Serie

Deutschlands schönste Weingebiete: Der Wein vom Main: Eine Reise zu Frankens edlen Tropfen

Elegante Weiße und straffe Rotweine waren typisch für das kühle Frankenland. Doch es wird wärmer. Und das Verlangen nach natürlichem Anbau wächst.


Reise zu Frankens edlen Tropfen: Der Wein vom Main

Über der Flussschleife bei Volkach in Franken thront am Horizont die Vogelsburg, altes Kloster und Wiege des Bioweinanbaus am Main, entwickelt von Nonnen.

Friedlich und immergrün sieht hier alles aus. Von der Vogelsburg – einst eine alte Klosteranlage mit Rebland, heute ein Ausflugslokal – hoch oben auf einer Kuppe hat man einen herrlichen Blick über die Volkacher Mainschleife. Wenn man dort mit einem Glitzerglas Wein in der Hand steht (und vorher vielleicht gebratenes Kalbsherz mit gegrillter Melone verzehrt hat), sieht man, wie die Rebzeilen von den Hügeln bis an den Main hinab reichen, auf dem Stand-up-Paddler ins Wasser stechen, andere in Schlauchbooten dümpeln und Kinder sich am Ufer kreischend mit Wasser bespritzen. Eine kleine Fähre geht über den Main, und man kann dort auch campen. Doch so idyllisch wie heute sah es an der Mainschleife nicht immer aus.

Die Welt, der Wein und der Main, sie hatten schon seit römischen Zeiten Kontakt, aber der brach um 1930 beinah zusammen. Um 1860 hatten Züchter amerikanische Reben nach Europa gebracht – sie wollten mal gucken, was mit denen so geht. Wobei sie unwissentlich die Reblaus einschleppten, einen mikroskopisch kleinen, die Rebwurzel befallenden Vielfraß, den Europas Wein noch nicht kannte.

Umdenken auf der Vogelsburg

Der Schädling vernichtete quer über den Kontinent fast jeglichen Weinbau. 70 Jahre brauchte er, um von Frankreich an den Main zu krabbeln, dann war auch in Franken Weinuntergang. Der Anbau wäre ganz verschwunden, hätten findige Botaniker nicht resistente Reben zu züchten gelernt. Und was die weiteren eingeschleppten Krankheiten angeht („zu allem Unglück, was schon da, kam Mehltau aus Amerika“, lautet eine Redewendung), da trat die Chemie auf den Plan.

Klaus Höfling mit Frau Miriam, Tochter Marietta und Sohn Matteo bei der Jause vor seinem Weinberghäuschen.

Klaus Höfling mit Frau Miriam, Tochter Marietta und Sohn Matteo bei der Jause vor seinem Weinberghäuschen.

Die Winzer damals, das waren Bauern, die hatten nicht auf der Geisenheimer Weinbauhochschule studiert. Ihnen ist nicht zu verdenken, dass sie ihren Wein fortan in ein chemisiertes Produkt verwandelten. Sie hatten den Tod geschaut und taten und tun seither alles, ihre Pflanzen vor Viechern und Pilzen zu schützen.

Auf der Vogelsburg beteten und arbeiteten seit den 1950er Jahren Nonnen. Sie hatten die Anlage erst nach dem Krieg übernommen und versuchten nun, sie zu bewirtschaften. Ahnungslos und fest zu glauben gewohnt, lernten sie an der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft den Katechismus des Weinbaus nach gängiger Lehre – mit allen möglichen Herbi-, Pesti- und Fungiziden, dem ganzen Programm.

Eines Tages aber lief Schwester Christa ein Schwapp von der Spritzbrühe in ihre Gummistiefel. Da wurde sie krank. Gläubig mochten die Schwestern ja sein, dumm waren sie nicht. Sie fanden, dass Wein auch ohne Gift gehen müsse, und ließen das Spritzzeug einfach weg. Erst hatten sie kaum Erträge, doch dann lernten sie dazu. Dass das, was sie da machten, mal „Bio“ heißen würde, ahnten sie nicht. Sie wussten nur, dass dem Wein, den sie bislang gemacht hatten, die Brühe aus Schwester Christas Stiefel anhaftete und dass dies nicht gut war. Das war wohl der Anfang von Bio am Main.

Der "Weinstall", Restaurant des Guts Castell.

Der "Weinstall", Restaurant des Guts Castell.

Auf der Vogelsburg treffen sich Frankens Biowinzer seitdem einmal im Jahr, auch wenn die Schwestern selbst längst am Tisch des Herrn Weine trinken oder in Rente sind. Nur Schwester Hedwig, die jüngste der Damen von damals, ist noch dabei. Viele Winzer sind es noch nicht, die da kommen. Aber ihre Zahl steigt, und unter ihnen sind die besten.

Eine alte Weinweisheit lautet so: „Zu Klingenberg am Main, zu Würzburg auf dem Stein, zu Bacharach am Rhein, da wächst der beste Wein.“ Der Spruch mag alt sein, interessant bleibt aber die Aussage, dass zwei der drei besten deutschen Weinlagen (Klingenberg und Würzburg) am Main liegen sollen, einem Fluss, den man eigentlich weit weniger mit Wein verbindet als etwa den Rhein oder die Mosel. Verkaufen die Franken ihren Wein vielleicht unter Wert?

"Centgrafenberg"

Retzstadt gehört auf jeden Fall nicht zu den gepriesenen Lagen, und doch lebt und arbeitet dort Rudi May, auch er ist einer der Vogelsburg-Winzer. Einen seiner Silvaner hat Jancis Robinson 2009 zum weltbesten Wein erklärt. Das muss man erst mal hinkriegen, denn Mrs Robinson ist äußerst anspruchsvoll und gehört zu den bedeutendsten Weinkritikern überhaupt. Erst der May hat Retzstadt ein wenig berühmt gemacht.

Dass der Main generell nicht ganz so bekannt ist, liegt vielleicht auch daran, dass seine Landschaft nicht so dramatisch ist wie die des Mittelrheins mit seinen Burgen, der Loreley und den Nibelungen. Vom Rhein weiß ja jeder, dass er am Gotthard entspringt; und von der Elbe, dass sie aus Böhmen heranfließt. Und die Donau? Na die entspringt doch im Schwarzwald! Aber wer weiß schon die Quelle des Mains, bitte aufzeigen ...?

Gleich zwei Quellen gibt es! Die des weißen Mains im Fichtelgebirge und die des roten auf der fränkischen Alb. Auf den ersten hundert Kilometern wachsen keine Reben – Oberfranken ist Bierland. Am Mittelmain wird das anders, um die Bischofsstadt Würzburg, wo unter einer alten Festung der „Steinwein“ wächst (der aus dem Spruch). Es ist eine Steillage, deren Anblick die Besucher zu Tausenden hinreißt, wenn sie bei Sonnenschein auf der Mainbrücke sitzen, ein Glas Silvaner in der Hand, natürlich vom berühmten Weingut Juliusspital.

In Unterfranken schließt sich um Klingenberg mehrheitlich der Rotwein an, dort gilt Paul Fürst als der König unter den Winzern. Von dessen Weinen verkaufen sich solche aus der Lage „Hundsrück“ oder aus dem „Centgrafenberg“ gern für 125 Euro, oder so, pro Flasche. Dem Paul Fürst gehören ein paar jener altbekannten Spitzenlagen, wie man sie aber erst einmal haben und pflegen muss.

Die Lage "Würzburger Stein" liefert seit Ewigkeiten beste Franken-Weine

Die Lage "Würzburger Stein" liefert seit Ewigkeiten beste Franken-Weine

So alt, so gut. Alles neu dagegen macht der May. Rudi May ist ein Beispiel, wie jemand fast aus dem Nichts, nur mit einem Blick für die Möglichkeiten und harter Arbeit etwas Herausragendes schafft. Dabei war er ein Neuwinzer, der den Weinbau in einer Genossenschaft lernte, dann aber fand, er mache den Wein doch lieber allein. Nur 16 Jahre später war May in den VDP aufgenommen, jenen Verband Deutscher Prädikatsweingüter, dessen 200 Mitglieder als die Creme der 16 000 deutschen Winzer gelten. Für diese Ehre strampeln sich andere Winzer ein Leben lang ab. Zwar baut May auch Chardonnay und Pinot noir an, also burgundische Rebsorten, doch sein Schwerpunkt ist der Silvaner. Rudi Mays Toplagen „Rotlauf“ und „Himmelspfad“ sind damit bestockt. Der Silvaner ist die Rebsorte Frankens, vor 360 Jahren erstmals beschrieben.

Der Silvaner hat von allem weniger: weniger Säure als Riesling, weniger Schmelz als Burgunder, weniger Bouquet als Traminer. Wovon der Silvaner aber dafür mehr hat, das ist Eleganz, ist lächelnder Charme und seine Eignung als Speisebegleiter. Der Silvaner wächst mit der Aufgabe. Wie viele Weine sind nicht zu aufdringlich oder zu nichtssagend bei Tisch? Der Silvaner dagegen, er passt nicht nur nahezu immer perfekt (gereifte Silvaner begleiten sogar kräftige Braten), von ihm öffnet man gern auch noch eine zweite Flasche.

Der Wein ist ein Ausdruck des Bodens

Mehr als jeder anderen Pflanze ist es dem Wein zu eigen, den Boden zum Ausdruck zu bringen – dies umso mehr, je älter die Reben sind und je tiefer sie mit jedem Jahr wurzeln, leicht können es 15 Meter sein. Am Main sind drei Böden vorherrschend: Zuoberst liegt der Keuper, dann kommt der Muschelkalk, und der rote Buntsandstein liegt als älteste Schicht zuunterst. Am Oberlauf dominiert Keuper, am mittleren Main ist es der Muschelkalk und am Unterlauf der Buntsandstein.

Klaus Höfling hat sein Weingut in Eußenheim am Mittelmain und ist ein Winzer mit Appetit – gerade hat er so viel brach liegendes Weinland vom Bürgerspital erwerben können (neben dem Juliusspital noch so eine uralte Würzburger Weininstitution), dass er seinen Besitz auf 21 Hektar verdoppeln konnte. Vorher besaß er nur zwölf. Das ist ein Sprung! Das zeugt von Ehrgeiz, aber er sieht im Frankenwein Potenzial.

Rudi May weiß aber auch aus unbekannten Lagen Spitzenweine zu keltern

Rudi May weiß aber auch aus unbekannten Lagen Spitzenweine zu keltern

Oder ist der Mann verrückt? 1999 und 2000 seien zwei schlimme Jahre gewesen, sagt er, im ersten sei die Ernte zu groß gewesen („die Winzer wussten nicht, wohin mit dem Zeug“), im zweiten hätten Fäulnis und Säure sie geplagt: „Da gab es beim Discounter Bocksbeutel für 1,99 Euro – das hat dem Ruf Frankens geschadet.“ Aber daraus habe der Weinbau gelernt, die Region Franken, sie strahle nun wieder – nein, verrückt sei er nicht!

In seinem Keller zeigt Höfling stolz auf eine Vielzahl kleiner bis sehr kleiner Gärtanks, mit denen er den Bodenausdruck jeder Parzelle lagen- und rebsortenrein ausbaut. Damit er auch mal die Sonne sieht, hat er über der Erde ein Weinberghäuschen in den Hang gebaut. Wenn er einmal nicht schuftet, hockt er da bei den Käsebroten seiner Frau und dem Hackbraten seiner Mutter und denkt darüber nach, wie er die Klimaveränderung bewältigen soll.

Diese Gedanken hat er mit einem anderen Herrn gemein. Ebenfalls am Mittelmain beackert Ferdinand Fürst zu Castell-Castell gleich 95 Hektar Weinberge. Doch der Graf unterscheidet sich allein schon dadurch von Winzern wie Höfling oder May, dass er als Nachkomme eines 800 Jahre wurzelnden und hochadeligen Hauses mehr in Generationen denkt denn in Jahrgängen.

Dennoch liegt ihm das Jahrgangsdenken nicht fern: Ob ihres Alters kann die Castell’sche Weinbaudomäne (wie im Januar dieses Jahres) sogenannte Vertikalproben veranstalten, das sind Weinverkostungen, bei denen weniger die Breite des Angebots aus einem Jahrgang vorgestellt wird als die zeitliche Tiefe. Sie zeigen, wie sich die Weine aus einer Einzellage durch die Jahrzehnte präsentieren. Im Fall der Castell-Weine beweisen sie dabei, wie gut der Silvaner altern kann, so er gut angebaut wird.

Mäandernd durchs Frankenland

Weil aber der Fürst mit seinem Gutsleiter Peter Geil in die Zukunft schaut, bedenkt auch er den Klimawandel. Die Trockenschäden in den Wäldern, heute selbst für den Laien sichtbar, sie sieht der Fürst schon lange. Seit zehn Jahren bewässert er (wie andere Winzer um ihn herum auch) neue Rebanlagen über tropfende Schläuche – eine Technik, die im wasserarmen Israel entwickelt wurde, um dort die geringen Ressourcen optimal zu nutzen. Halbwüstenbewässerung am Main? „Ja“, seufzt Peter Geil, „neben Frostschäden im Frühjahr leiden unsere Reben längst auch unter Sonnenbrand im Sommer. Und wenn man den Reben dann ihr schützendes Weinlaub einmal belässt, kommen Starkregen – und Fäule setzt ein unter den Blättern.“ Wein zu machen ist auch eine Kunst.

Ferdinand Fürst zu Castell-Castell gilt als grundsolid konservativ, seine Silvaner sind Klassiker

Ferdinand Fürst zu Castell-Castell gilt als grundsolid konservativ, seine Silvaner sind Klassiker

So mäandert sich der Main durchs Frankenland. Herrlich lässt es sich dort wandern und radeln, Boot fahren, Kultur bestaunen und jausen. Man sieht mit Gefallen, wie sich mehr und mehr Winzer davon abwenden, ihre Lagen mit Chemie zu traktieren. „Glyphosat etwa spritzen wir nur noch einmal, im Frühjahr“, sagt Castells Gutsleiter Geil, dem das ein wenig peinlich ist, „den Rest leisten wir mechanisch.“ Man merkt, wie es den jungen Mann reizt, den Sprung zu wagen und ganz wegzugehen von dem Zeug aus den Stiefeln der Nonnen. Und ist es denn ausgeschlossenen, dass auch Fürst Ferdinand einmal neben Schwester Hedwig zwischen den Biowinzern Platz nimmt?

Wie wäre es denn, wenn die Weinkäufer in Zukunft mehr Biowein kauften? Wenn sie mehr Geld ausgäben? Dann könnte der natürliche Wein, der Wein so wie früher, wieder heimkehren – zunächst einmal ganz generell und dann speziell an den Main. Und die Menschen wüssten endlich, dass sie Kunst in den Gläsern haben, was ihnen bis da irgendein Wein war.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: