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US-Brauer greifen den deutschen Biermarkt an – endlich!

Endlich mal was Neues: Mit einem Brauhaus in Berlin wollen sich amerikanische Brauer in Deutschland beweisen. Und wissen Sie was? Das Zeug schmeckt!

Bier: US-Brauer greifen den deutschen Biermarkt an – endlich!

Endlich mal was Neues, findet Bert Gamerschlag. Die US-Boys von "Stone Brewing" bringen fantastisches Bier in die Hauptstadt.

Mit 17 waren es 13. So viele Bier (0,2-Liter-Gläser) konnte ich als Jugendlicher bis zum Filmriss, bis zum Verlust der Erinnerungsfähigkeit verpacken. Ich bereue das heute nicht und war damals auch nicht allein im Austesten der Grenzen. Trinken muss man lernen. Ich bin also mit der Droge Bier aufgewachsen, wie wohl neun Zehntel aller Deutschen. Irgendwann war für mich dann Schluss damit.

Nicht mit Alkohol, bewahre, nur mit Bier. Warum? Weil ich für mich Wein entdeckte, weil mich Bier stets aufschwemmte (böse Blicke meiner Erziehungsberechtigten), wichtiger aber, weil ich fand: Viel zu viel Bier schmeckt viel zu gleich. Das betrifft die Fernsehbiere, jene Marken, die irre viel Geld in die Imagewerbung pumpen, um sich – wenigstens scheinbar – zu unterscheiden. Jever, das Nordische, Krombacher, das Fellsquellreine, König, das Noble (dabei aus Duisburg!), Warsteiner, das einzig Wahre und so weiter. In Blindverkostungen aber konnte ich sie kaum unterscheiden, und die gutwillig eingeräumten Nuancen waren wahrscheinlich teils eingebildet.

Deutsche Biere schmecken zu gleich

Das deutsche Bierbild ändert sich zum schon eine geraume Weile – in diesen Tagen aber noch einmal entscheidend. Und dass sich dieser Markt bewegt, nahm seinen Ausgang in Amerika.
Dort war die Lage für die Biertrinker lange Zeit weitaus übler als bei uns. Denn dass die deutschen Fernsehbiere nicht schmecken, kann man ja nicht sagen – sauber sind sie, harmlos herb und (so aus dem Kühlschrank kommend) auch erfrischend. Sie schmecken eben nur zu gleich.

In dagegen schmeckten die großen, die Massenbiere, einheitlich echt übel – Miller, Bud, Schlitz und Pabst trank ich als Praktikant bei Larry King, weil’s heiß war und die Biere immerhin eiskalt.

Rolling Rock aus Pennsylvania tranken wir "by the pitcher" (pitcher = kleine Eimergröße). Darüber hinaus war das Zeug aber, wie seine Kollegen, ein fades Rülpsbier. Das empfanden auch viele Amerikaner und Kanadier so, von denen ein paar unternehmende und zupackende Typen als Reaktion auf ihr Dilemma in Garagen und Achterschuppen Biere in Kleinstmengen zu brauen begannen – Anchor Steam, Samuel Adams, Stone IPA ... Die Tüftler nannten ihr Zeug Craft Beer (craft = Handwerk), und dass sie handwerklich brauten, unterschied sie tatsächlich von Supertankerleuten aus, meist, Milwaukee. In den 80er Jahren begann diese Welle der "microbreweries"; manche der einstigen Garagenmarken brauen heute längst so viel wie deutsche Großbrauereien.

Es muss doch auch anders gehen

Ähnlich nun auch bei uns. Am Schweriner See, an dem zu leben ich mich glücklich schätze, sitzt der Garagenbrauer Tim Hennings und verzapft sein Zeug so gut, dass ich in Kneipen wieder Bier trinke, seins. Weil nämlich der Wein in den meisten Kneipen deutscher Bierregionen eher schlecht und die Auswahl gering ist. Statt schlechten Weins trinke ich da gutes Bier (wenn es nicht Whisky ist, mit Wasser dazu). Die von Hennings produzierten Mengen sind aber so klein, dass man das Zeug wirklich nur in und um Schwerin bekommt.

Mit den Bieren der Marke Störtebeker ist das schon anders – das Produkt der ehemaligen VEB Stralsunder . Die Stralsunder sind ein typisches Beispiel für die Bierentwicklung. Von Wessis gekauft (den Nordmanns, waren bis dahin Getränkeverleger), produzierten die Stralsunder zunächst brav weiter Pilsener Biere, bis sie für die alljährlichen Störtebeker Festspiele auf Rügen hefetrübe und hopfenfruchtige Spezialbiere brauten.

Und die Industrie guckt einfach zu?

Natürlich ist auch die Industrie nicht blöd und schöpft längst auch den Craft-Bier-Markt ab, so sie kann. Die Brauereien der zu Oetker gehörenden Radeberger-Gruppe etwa (Radeberger, , DAB, Schlösser, Sion, Schöfferhofer, Stuttgarter Hofbräu, Tucher, Ur-Krostitzer, Schultheiss, Rostocker) brauen in ihren nicht mehr voll ausgelasteten Bierfabriken kleine Spezialbiere und lassen sie – neben einigen Importbieren – unter der Dachmarke Braufactum vermarkten.

Warum auch nicht, denn auch die Braumeister der Großbetriebe sind und bleiben ja gelernte Meister und zeigen auch gern, dass sie mehr und anderes können als verwechselbare Pilsener. Hätten die Manager diese Idee ohne den Druck der Craft-Brauereien gehabt, es schmeckte noch besser.

Im Vergleich zu Frankreich, Italien und Spanien ist der deutsche Biermarkt eine irre lebhafte Szene.
Im Vergleich zu Britannien und Nordamerika dagegen ist er öde. Wer in Kalifornien in eine Großstadtkneipe geht, findet leicht 50 Biere – vom Fass! Und bei uns? Zwei, drei vielleicht; wer anderes Bier will, muss die Kneipe wechseln.


Nun aber die US-Boys

Dieser Umstand lockt die Konkurrenz. Wie groß nämlich das Potenzial des deutschen Biermarkts aus der Ferne gesehen wird, zeigt sich nun in Berlin. Dort hat die Stone Brewing Company aus San Diego – aus dem Stand und für 25 Millionen Euro – eine blitzblankneue Brauerei in das alte Gaswerk von Mariendorf gesetzt (schönste Industriegotik, Baujahr 1901). Dort lassen die US-Boys, mit dem (westfälischen) Braumeister Thomas Tyrell als Praktiker, ihre US-Craft-Biere 1 : 1 nachbrauen. Sie schmecken herrlich, darunter mehrere sogenannte IPAs – ai pi äi gesprochen, steht für India Pale Ale –, die alle heftig bitter, fruchtig und nahezu hefetrüb daherkommen.

US-Bier in Deutschland brauen, ist das nicht doch Eulen nach Athen tragen oder "carry coals to Newcastle", wie man im Englischen sagt? "No Sir", sagt Greg Koch, Boss der Sache aus San Diego und seit Monaten in Berlin, er meint vielmehr, das deutsche Bier habe sich zu lange auf den Preisdruck der Discounter eingelassen. "Billige Rohstoffe und billige Produktionsbedingungen machen auf die Dauer nur eins – billiges Bier."

Das Mariendorfer Gaswerk im Berliner Süden, Walhalla-hallengroß, haben die Investoren zu einer Lustwiese der Bierseligkeit umgebaut, wo man durch eine Glaswand den Bieren beim Werden zusehen und sich dabei eins hinter die Binde kippen kann. Einen Außenbereich gibt es auch, das Ganze nennt sich "World Bistro and Gardens", gerade neu eröffnet.

Hopfen macht das Bier haltbar, zugleich prägt er auch sein Aroma. Das meiste deutsche Bier ist einmal gehopft – Hopfen kostet. Die Stone-Biere sind teils dreimal gehopft, wobei der Rohstoff aus den USA importiert wird, weil es die benötigten Hopfenqualitäten hier nicht gibt. Das Ergebnis schmeckt. "Bring it on, boys!"

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