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Interview

TV-Köchin: Sarah Wiener über Kochen mit Kindern: "Das Unperfekte ist genau richtig"

Wenn Kinder mit Messern hantieren, kann das für Eltern zur Belastungsprobe werden. Warum Kinder sich ruhig einmal ins eigene Fleisch schneiden dürfen und Eltern sich unbedingt entspannen müssen, erklärt Sarah Wiener.


Die Sarah Wiener Stiftung führt Kinder und Jugendliche ans Kochen heran.

Die Sarah Wiener Stiftung führt Kinder und Jugendliche ans Kochen heran.

Frau Wiener, mit welchem Trick begeistere ich Kinder fürs Kochen?

Man muss da keinen Tanz vorführen, Kinder sind in der Regel motiviert. Sie lieben es, etwas zu kreieren und es dann aufzuputzen. Eltern müssen nur ein paar Dinge beachten.

Welche denn?

Das erste Gebot ist: entspannt bleiben. Einfach aushalten, dass Kinder langsamer sind, dass es mal kleckert. Es muss einem im Vorhinein klar sein, dass die Küche danach versauter ist als sonst.

Von wie viel mehr Kochzeit reden wir?

Das kommt aufs Kind, aufs Alter an. Man sollte aber schon einrechnen, dass Kinder zwei- oder dreimal so lang wie wir brauchen.

Das ist vage.

Wenn Sie den Plan haben, dass das Essen in 20 Minuten auf dem Tisch stehen soll, dann haben sie Stress und weder Sie noch die Kinder werden Spaß haben. Das ist dann genau das, was wir vermeiden wollen: Dass die Kinder am Rad drehen, weil die Eltern hysterisch sind.  

Wenn doch aber allen schon der Magen knurrt?!

Das ist ein weiterer Punkt: Die Kinder sollten beim Kochen nicht besonders hungrig sein. Denn wenn sie schon Hunger haben, aber noch eine halbe Stunde oder Stunde warten sollen, dann werden sie hibbelig und verlieren den Spaß. 

Was wären die ersten Schritte fürs gemeinsame Kochen?

Es beginnt mit dem Aussuchen des Rezepts und dem Einkaufen. Je nachdem, wie viel Zeit die Eltern haben. Dann zieht man sich am besten was Pflegeleichtes an und nicht etwa das Sonntagsgewand, vielleicht wird noch ein Schürzchen umgebunden und die Hände werden gut gewaschen. Dann geht’s los!

Mehr Vorbereitung braucht es nicht?

Wirklich hilfreich ist, wenn die Eltern zuvor alles bereitlegen, was gebraucht wird. Noch einfacher wird es, wenn auch die Zutaten schon abgewogen sind. Dann muss nichts mehr groß gesucht werden, alles steht in Reichweite und es ist wie Zauberei.

Wahrscheinlich fängt man nicht direkt mit der Ente in Orangensoße an. Welche Gerichte eignen sich?

Bei jedem Gericht können Kinder helfen und wenn es das gemeinsame Gemüseschnibbeln ist. Nur was nicht geht: Sie mit heißen Blechen, Pfannen oder riesigen Messern hantieren zu lassen! Für einfache Rezepte empfehle ich die Facebookseite der Sarah Wiener Stiftung "Familienküche".

Ab welchem Kindesalter kann man die gemeinsame Küchenarbeit wagen?

Auch Dreijährige können schon Salat, Avocado oder auch weichgekochte Kartoffeln schneiden. Eben alles, was weicher ist und woran sie nicht ewig herumsäbeln müssen. Kräuter zupfen, rühren und Teig kneten, das sind alles Sachen, die Kinder lieben und die sogar schon ganz kleine unter Aufsicht hinbekommen.

Aber woher weiß ich, was ich dem Kind zutrauen kann?

Na, einfach machen. Man kann Kindern viel mehr zutrauen, als man hinlänglich denkt. Man muss nur daneben stehen, mit ihnen üben und ihnen sagen, worauf sie achten sollen. Zum Beispiel, dass sie die Augen immer dort haben müssen, wo sie schneiden, weil sie sich sonst ins eigene Fleisch schneiden.

Ist es nicht genau das, was viele Eltern fürchten?

Ja, aber dann ist das so. Dann schneiden sie sich auch mal. Das ist ja kein Drama. Ich wäre sehr dafür, Kinder mal von der langen Leine zu lassen. Wenn man den Kindern alles abnimmt und die nur daneben stehen und zuschauen, dann ist das nicht gemeinsames Kochen. Besser ist, Aufgaben zu delegieren und ihnen zu sagen, was sie machen sollen.

Gibt es etwas, was Eltern beim Kochen mit ihren Kindern vermeiden sollten?

Ungeduldig zu werden. Beim Eier aufschlagen zum Beispiel geht am Anfang oft die Hälfte daneben. Dann ist das eben so. Wenn Kinder versuchen zu helfen, aber nur hören, was sie alles falsch machen oder es ihnen gar aus der Hand genommen wird, dann ist das für sie frustrierend und macht keinen Spaß. Die Kinder können ruhig einmal selbst entscheiden, welche Kräuter sie nehmen oder wie viel Salz ins Kartoffelpüree kommt.

Hand aufs Herz, kommt da was Anständiges bei raus?

Oft wird es was. Auch wenn ich mir die Werke manchmal anschaue und denke, dass ich das nicht essen würde. Die Kinder lieben es. Die essen die abstrusesten Dinge, weil's ihr eigenes Werk ist. Warum soll man nicht die Großzügigkeit haben und sagen: Es gibt nicht den einen Weg, der nach Rom führt, es gibt viele. Der Weg ist das Ziel und nicht die Perfektion. Das Unperfekte ist genau richtig!

Sarah Wiener zeigt, wie man Milchreis richtig kocht


Es heißt ja so schön: Mit Essen spielt man nicht. Gilt das auch hier?

Das ist ja keine Spielerei, das ist ein kreativer Akt. Man darf mit Lebensmitteln kreativ sein, ich werfe sie ja nicht an die Wand. Es ist ganz wichtig, Kinder Lebensmittel schmecken, spüren, beißen, riechen zu lassen. Kochen ist der letzte sinnliche Akt, bei dem man überhaupt noch mal mit all seinen Sinnen verbunden ist. Gerade jetzt, wo so viele nicht raus können, ist das umso wichtiger und hat sogar eine therapeutische Wirkung.

Und wenn dann doch mal was an der Wand landet?

Wenn Kinder anfangen, mutwillig Dinge runter zu stoßen oder zu zerstören, etwas an die Wand klatschen, dann würde ich das nicht akzeptieren. Aber das ist dann auch kein Kochproblem, sondern ein Erziehungsproblem.

Die Nerven können schon mal blank liegen, wenn sich die Küche binnen Minuten in ein Schlachtfeld verwandelt …

Ich glaube, es ist der falsche Ansatz zu denken, man dürfe nur kochen, wenn danach alles blitzeblank ist. Im Gegenteil. Ich selbst bin eine Chaotenköchin, bei mir schaut’s aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Was soll’s, das räume ich dann später wieder auf.

Aufräumen ist ein gutes Stichwort – wer macht’s?

Das macht man zusammen. Alles versauen und dann spielen gehen, geht nicht. Kinder müssen begreifen, dass zum Kochen natürlich auch solche Sachen wie das Tischdecken und das Aufräumen gehören. Kinder machen da auch gerne mit, man muss es ihnen nur als Spiel, als Notwendigkeit und nicht als Bestrafung verkaufen.

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