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Negativ-Kommentare im Netz Emotionaler Appell einer Cafe-Betreiberin: "Hinter jedem Restaurant stehen Menschen"

Jennifer Niebling (links) berichtet in Ihrer Instagram-Story über ihre Situation als Café-Betreiberin in Würzburg in Zeiten der Corona-Pandemie.
Jennifer Niebling (links) berichtet in Ihrer Instagram-Story über ihre Situation als Café-Betreiberin in Würzburg in Zeiten der Corona-Pandemie.
© Jennifer Niebling
Eine Café-Betreiberin aus Würzburg kämpft sich durch die Corona-Krise. Doch als sie wegen einer Lappalie eine negative Google-Bewertung erhält, bricht sie in Tränen aus und richtet sich mit einem emotionalen Appell an ihre Instagram-Fans.

Restaurants, Cafés und Bars haben es in diesen Tagen nicht leicht: Erst mussten sie wochenlang schließen, nun müssen die Betreiber*innen aufgrund der Hygienevorschriften mit weniger Tischen und damit Gästen klarkommen als vor der Pandemie – und das bei gleichbleibenden oder gar höheren Kosten. Vielen Gastronom*innen steht das Wasser bis zum Hals. Trotzdem versuchen sie, das Beste aus der schwierigen Situation zu machen. Einige bauen ihr Liefergeschäft aus, andere entwickeln neue Geschäftsmodelle.

Aufgeben war auch für Jennifer Niebling nie eine Option. Die 34-Jährige betreibt seit drei Jahren das Sturbock Café in der Universitätsstadt Würzburg in der Nähe des Ringparks. Im Frühjahr musste sie es für anderthalb Monate schließen. Um nicht in die Pleite abzurutschen, beschloss sie, jeden Sonntag veganen Kuchen außer Haus zu verkaufen – und die Kund*innen dankten es ihr mit langen Schlangen. "Die Solidarität hat mich durch diese schwere Zeit getragen. Es hat mich total gerührt, dass wir unseren Gästen nicht egal sind", sagt sie im Gespräch mit dem stern.

Das Problem mit den Google-Bewertungen

Doch nun der nächste Schock: Würzburg ist wieder Corona-Hotspot. Mit 75 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen reißt die Kleinstadt die kritische Marke deutlich – seit wenigen Tagen gelten wieder strenge Kontaktbeschränkungen, Restaurants dürfen ab 22 Uhr keine Speisen mehr verkaufen. "Natürlich frage ich mich: Zwingt man uns wieder in den Lockdown? Müssen wir wieder schließen? Sektempfänge und Hochzeiten wackeln – alles aktuell ungewiss. Ich bin wieder sehr angespannt und kann nicht abschätzen wie es weitergeht."

Als vor wenigen Tagen auf der Google-Seite ihres Cafés eine negative Rezension eintrudelt, platzt ihr der Kragen. Jemand beschwert sich, dass er oder sie kurz vor Ladenschluss keinen Kaffee mehr bekommen hat – "das war der Moment, wo mein Fass einfach überläuft", sagt Niebling. Denn es ist nicht das erste Mal, dass sie solche Bewertungen erhält, sagt sie. Mal gab es Ein-Sterne-Bewertungen, weil Leute die Straße hässlich fanden, in der sich das Café befindet, mal weil die Parkgebühren dort zu hoch seien. "Einmal bekam ich eine schlechte Kritik, weil draußen Wespen geflogen sind."

Für Unternehmer sind Google-Bewertungen von großer Bedeutung, schließlich nutzen viele Gäste und Touristen die Tools, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Wenn es wegen Lappalien schlechte Bewertungen gibt, sind viele Betreiber sauer.

Niebling veröffentlicht emotionalen Appell

Auf Instagram wendet sich die Café-Inhaberin mit einer langen und sehr emotionalen Botschaft an ihre Follower: "Ich kann solch ein Verhalten nicht nachvollziehen", beginnt sie. "Leute, ihr könnt froh sein, dass wir überhaupt noch da sind. Wir haben eine krasse Pandemie hinter uns, wir mussten schließen, durften nicht aufmachen. Ich habe in der Zeit weder die Preise angezogen, irgendetwas Verrücktes gemacht, noch verlange ich einen Hygieneaufschlag. Ich achte wirklich nur darauf, dass wir unsere Geschäftszeiten einhalten, damit ich Personalkosten spare. Es tut mir leid, vielleicht sehe ich das auch falsch, aber deshalb eine schlechte Bewertung zu schreiben finde ich halt einfach schon krass."

Das Thema berührt sie sehr, Niebling kämpft mit den Tränen ."Das ist ein Moment, wo ich einfach merke, was die letzten Monate mit mir gemacht haben. Man macht so viel, boxt sich durch und dann kommt jemand, der offensichtlich nicht einmal nachdenkt – und das ist einfach uncool."

"Hinter jedem Restaurant und Café stehen Menschen"

Sie habe lange gehadert, ob sie ihren emotionalen Appell veröffentlichen solle, erklärt sie im Gespräch mit dem stern. Als sie die Instagram-Story schließlich live stellt, bekommt sie Unmengen Kommentare. "Ich war total überwältigt, saß bis spät in die Nacht am Handy, und habe aufbauende Nachrichten von Gästen gelesen. Andere Gastronomen schrieben mir, dass ich ihnen aus der Seele spreche."

Wer die Person ist, welche die negative Rezension auf ihrer Seite hinterlassen hat, weiß sie bis heute nicht. "Wenn mich etwas stört, dann spreche ich das persönlich an und poste es nicht einfach anonym ins Internet", sagt Niebling. Ihr Rat: "Wenn ihr euch selbst dabei erwischt, dass ihr eine schlechte Rezension schreiben wollt, nur weil ihr euch über irgendetwas ärgert, denkt bitte erst einmal nach. Denn viele vergessen, dass hinter jedem Restaurant, hinter jedem Café Menschen stehen. Menschen, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten den Arsch aufgerissen haben, um euch den Alltag etwas angenehmer zu machen."


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