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Podcast exklusiv bei RTL+ "Extremfall, der unsere Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen lässt" – die Geschichte des "Drachenlords"

Podcast "Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?" – Rainer Winkler im Amtsgericht Nürnberg
Rainer Winkler im März 2022 im Amtsgericht Nürnberg. "Wer hat Angst vorm Drachenlord?", fragt die zweite Staffel des Podcasts "Cui Bono".
© Henning Wagenbreth, Stringer / DPA
Nach dem Podcast-Erfolg "WTF happened to Ken Jebsen?" steht jetzt die nächste Staffel von "Cui Bono" in den Startlöchern. Es geht um die Geschichte von Cybermobbing-Opfer Rainer Winkler, den "Drachenlord" – und darum, wie Gesellschaft, Justiz, Medien und Polizei an ihre Grenzen stoßen.

Es ist ein großes Versprechen. Jede und jeder kann es schaffen. Reich werden, berühmt werden. Als Youtube 2005 online geht, öffnet sich eine neue Welt für Millionen Menschen. Sie können zu Stars werden, mit selbst gedrehten Videos. Nicht wie früher, im Fernsehen, wo es oft nur um die bekannten 15 Minuten Ruhm ging. Sondern dauerhaft. Mit Kochvideos, mit Schminktutorials, mit Musik. Mit banalen Inhalten oder aufwendig produziertem Content. Unzählige erliegen dem großen Versprechen – und nur wenige schaffen es. 

Rainer Winkler schafft es. Er wird durch Youtube berühmt. Aber er verliert auch alles. "Es ist ein scheißgeiles Gefühl", in der Öffentlichkeit erkannt zu werden, sagt er einmal in die Kamera – doch wenig später wird aus dem Youtuber ein Hassobjekt für Tausende und sein Fall Polizei und Justiz auf Jahre beschäftigen.

Seine Geschichte ist die des "Drachenlords". So nennt sich Winkler bei Youtube. Mit "Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?" taucht nun erstmals ein mehrteiliger Podcast in diese Welt ein. "Dieser Podcast erzählt von einem Extremfall, der unsere Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen lässt und unsere Justiz, Polizei, Medien und unser Mitgefühl herausfordert", versprechen die Macherinnen und Macher. Es ist die Geschichte einer beispiellosen Eskalation von Cybermobbing, mitten in Deutschland. Und es ist der Versuch, den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen. Welche Rolle spielen die Möglichkeiten der Technologie, die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien, aber auch das System, mit dem wir unsere Gesellschaft organisieren, in dem Fall?

Die Geschichte vom "Drachenlord"

Die Geschichte des "Drachenlords" beginnt kurz nach dem 22. Geburtstag von Rainer Winkler. Am 10. August 2011 startet er weitgehend unbeachtet seinen Youtube-Kanal "Drachenlord1510", mal geht's um Videospiele, mal um Heavy Metal, mal schmiert er einfach Brote vor der Kamera. Harmlose Inhalte, oft etwas unbeholfen. Spätestens drei Jahre später bekommt Winkler Aufmerksamkeit, allerdings anders als gewünscht. "Traut Euch, kommt zu mir!", ruft er in die Kamera. Dazu nennt er seine Privatadresse. Zuvor war seine Schwester offenbar anonym übers Telefon bedroht worden. Kurz darauf löscht Winkler das Video wieder – zu spät. Der Clip ist bis heute im Internet auffindbar. Und die "Hader", wie Winkler seine Anti-Fans, die "Hater", im breiten fränkischen Dialekt nennt, wissen jetzt, wo der "Drachenlord" wohnt – und sie werden immer mehr. Die Zerstörung des "Drachenlords", die zunehmende Entmenschlichung Rainer Winklers, beginnt.

Am 23. Februar 2015 die erste Eskalation. Der Fall erreicht die reale Welt. Erstmals steht einer der "Hater" vor dem Grundstück Winklers im Nest Altschauerberg mit seinen nicht einmal 50 Einwohnerinnen und Einwohnern in Mittelfranken. Es ist der Auftakt zu einer bis dahin ungekannten Cybermobbing-Kampagne in den folgenden Jahren, einige Auszüge: "Hater" rufen grundlos die Feuerwehr zur Adresse des "Drachenlords", sie pilgern zu Hunderten zu seinem Wohnhaus, oft nachts, sie verhöhnen ihn mit einer inszenierten Beziehung, erstellen eine Onlinezeitung, in der sie aus dem Leben Winklers berichten, sie werfen Eier, Böller, Farbbeutel auf sein Haus, bestellen Waren für ihn, schicken ihm Fäkalien zu – etliche der Demütigungen und Angriffe landen als Videos ebenfalls im Netz. "Drachengame" nennen die "Hater" ihre Aktionen. Unterhaltungsprogramm für Zehntausende. Sachbeschädigungen, Hausfriedensbrüche, Körperverletzungen: Die Polizei fährt in den kommenden Jahren Tausende Einsätze, verfasst Hunderte Anzeigen – Folgen haben diese nur selten.

"Schanzenfest" im August 2018. Hunderte "Hater" statten dem "Drachenlord" einen Besuch ab
"Schanzenfest" im August 2018. Hunderte "Hater" statten dem "Drachenlord" einen Besuch ab
© David Oßwald / DPA / Picture Alliance

Und Winkler? Reagiert stets so, wie es sich die Mobber wünschen. Impulsiv, er rastet aus, wieder und wieder. In Videos, aber auch offline. Eine Eskalationsspirale.

Und dann sitzt der "Drachenlord" auf der Anklagebank, nicht seine "Hater". Am 16. September 2019 wird Winkler wegen einer Pfefferspray-Attacke auf einen "Hater" zum ersten Mal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Gut ein Jahr später das nächste Urteil: zwei Jahre Haft, diesmal ohne Bewährung. Winkler hatte zwei Studenten bei einem ihrer ungebetenen Hausbesuche geschlagen. Die beiden hielten die Attacke per Video fest und frohlockten: "Wir bringen ihn in den Knast!" Das "Drachengame" erregt durch den Prozess erstmals im größeren Umfang Aufmerksamkeit in den Medien.

Sehen Sie den sternTV-Beitrag: "Der 'Drachenlord' und seine Hater: Chronologie einer Eskalation"

Zwar wird das Urteil in einer Berufungsverhandlung später auf ein Jahr zur Bewährung herabgesetzt, doch Rainer Winklers Leben ist zerstört. Er ist nicht mehr Opfer, sondern in den Augen der Justiz Täter. Das "Drachengame" im Internet hat seine ganz realen Auswirkungen. Winkler verkauft im Oktober 2021 sein Haus an die Gemeinde. Youtube sperrt seine Kanäle. Das Geld wird knapp. Ein Jahr später schläft er in Hotels, in Pensionen oder im Freien, wie er dem "Spiegel" kürzlich berichtet. Die Aktionen der "Hater" gehen weiter.

Das alles erzählt "Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?" – und noch mehr. "Es geht in unserem Podcast vordergründig um Rainer Winkler, ja. Aber es geht eben auch darum, wie das Internet unseren Umgang miteinander verändert hat", sagen die Macherinnen und Macher um Autor, Host und Executive Producer Khesrau Behroz. "Und wie es die Regeln für das gesellschaftliche Spiel um Aufmerksamkeit verändert hat, das wir in Zeiten von Social Media jeden Tag spielen. Um auf diese gesellschaftlichen Veränderungen reagieren zu können, müssen wir sie zuerst einmal sehen und verstehen. Darum geht es uns."

"Cui Bono – Wer hat Angst vorm Drachenlord?" als fünfteiliger Podcast

Das "Studio Bummens"-Team um Behroz zeichnete bereits für die erste Staffel von "Cui Bono" für den Norddeutschen Rundfunk und den Rundfunk Berlin-Brandenburg verantwortlich. Sie dreht sich um die Entwicklung des früheren Radiomoderators Ken Jebsen zu einem der einflussreichsten Verschwörungsideologen Deutschlands. Die Reihe wurde rund fünf Millionen Mal abgerufen, erhielt herausragende Kritiken und wurde mit dem Deutschen Podcastpreis 2022 als "Beste journalistische Leistung" und "Beste Produktion" ausgezeichnet. Eine Verfilmung des Stoffs ist in Arbeit.

"Cui Bono"-Host und -Autor Khesrau Behroz im Studio
"Cui Bono"-Host und -Autor Khesrau Behroz im Studio
© Studio Bummens / PR

Die zweite Staffel von "Cui Bono" nimmt die Hörerinnen und Hörer mit in die Welt des "Drachenlords" und seiner "Hater". Wie fing das alles an? Wie konnte es derart eskalieren? Was treibt den Internet-Mob an? Wie wurde Winkler vom Opfer zum Täter? Welche Rolle spielen die Medien? Ist die Justiz machtlos? Und wie viel kann ein einziger Mensch aushalten? Fragen gibt es zu dem Fall unzählige. Antworten auch. 

Behroz zeichnet den unfreiwilligen Aufstieg Winklers zu einer Internetberühmtheit nach. In aufwendig montierten O-Tönen aus dem "Drachenlord"-Kanal und den Reaktionen seiner Hater. Auch sie kommen in dem Podcast zu Wort. Expertinnen und Experten zeigen auf, was die Mechanismen des Reality-TV mit dem "Drachengame" zu tun haben, wie sich Voyeurismus in der Gesellschaft ausbreitet. Polizisten und Richter erklären, was der Staat tut, um Winkler zu schützen – oder was er eben nicht tun konnte. Der Podcast zeigt ein hilfloses System, dass das Phänomen Cybermobbing nicht immer greifen kann. Behroz besucht mit den Hörerinnen und Hörern den Berufungsprozess des "Drachenlords" in Nürnberg, an dessen Ende der Rat der Richterin steht, Winkler möge doch einfach seinen Youtube-Kanal einstellen. Ihr Hinweis wirkt wie eine Kapitulationserklärung des Rechtsstaats.

Der "Drachenlord" und seine "Hater" seien eine "fatale Symbiose" eingegangen, heißt es in "Cui Bono". Und die Antwort auf die Schuldfrage ist vielleicht nicht so eindeutig wie sie scheint. Klar ist: Das große Versprechen von Geld und Popularität ist für Winkler zu einem nicht enden wollenden Albtraum geworden; auch fast zehn Jahre nach seinem Beginn ist das "Drachengame" noch nicht vorbei. Der Feldzug seiner "Hater" geht weiter. Die fünfte und letzte Episode des Podcasts stellt folgerichtig die Frage: Wie wird das alles enden?

Hören Sie hier die ersten vier Folge von "Cui Bono – Wer hat Angst vorm Drachenlord?"

Die ersten vier Folgen von "Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?" sind an diesem Donnerstag exklusiv und kostenlos bei RTL+ Musik*, dem neuen Musikstreaming- und Podcast-Angebot, erschienen. Die erste Episode gibt es auch überall, wo es Podcasts gibt, zum Beispiel bei Spotity, iTunes und Amazon Music. Dort wird wöchentlich donnerstags eine weitere Folge veröffentlicht. Wie Sie Podcasts hören und abonnieren können, erfahren Sie hier.

*Der stern ist Teil von RTL Deutschland.

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